Totensonntag Warum viele Menschen mit dem Tod überfordert sind

Die modernen Gesellschaften verdrängen den Tod und machen die Konfrontation mit einem toten Menschen zu einer Herausforderung, der viele nicht gewachsen sind. So regeln Gesetze die Beerdigung und Bestattungsinstitute helfen bei der praktischen Umsetzung.

Friedhof, Totensonntag
Am 24. November ist Totensonntag. Bildrechte: MDR/Axel Hemmerling

Die meisten Fragen, die das Begräbnis betreffen, sind vom Staat geregelt. Friedhofsträger, meistens die Gemeinden, erlassen Friedhofsordnungen über die Gestaltung der Gräber und Grabsteine.

Urne auf dem Schrank ist Ordnungswidrigkeit

Jedes Bundesland hat ein Bestattungsgesetz, das nicht nur den Umgang mit dem Leichnam und die Anlage von Friedhöfen und Krematorien regelt, sondern auch, wer für die Bestattung verantwortlich ist. Grundsätzlich sind das die Verwandten in einer festgelegten Reihenfolge, falls der Verstorbene niemanden beauftragt hat. Bestattungsgesetze regeln heute auch die Bestattungsart, und hier finden sich noch Spuren der traditionellen Skepsis gegen die Feuerbestattung, wenn etwa § 19 Abs. 3 Satz 3 des Thüringer Bestattungsgesetzes regelt: "Handelt es sich um die Leiche eines Unbekannten, so ist nur die Erdbestattung zulässig."

Die Pietät, der Respekt vor dem Toten, ist längst auch staatliches Recht. Die Störung der Totenruhe ist eine Straftat, Verletzungen der Bestattungsgesetze, etwa die Aufbewahrung der Urne auf dem Wohnzimmerschrank, werden als Ordnungswidrigkeiten verfolgt.

Überforderung mit den Toten

Aber die lückenlose bürokratische Regelung gibt in einer säkularen Gesellschaft keine Antwort auf die letzten Fragen. Wie man Abschied nimmt, wie man den letzten Liebesdienst erbringt, ist heute innerhalb der juristischen Grenzen eine individuelle Frage. Neue Formen der Bestattung entwickeln sich, von der Friedhofswiese über den Friedwald bis zum Verstreuen der Asche. Wer nicht in Traditionen eingebunden ist, fühlt sich schnell überfordert. 

"In der Regel sind die Leute zwar erst mal aufgeschlossen, wenn man über den Tod oder über die Beerdigung oder über das Verabschieden spricht, aber die meisten sind, glaub ich, damit überfordert, geben das aus den Hand, engagieren jemanden, sind nicht in der Lage, ihre Toten selbst zu beerdigen", sagt Lutz Breitzke, ein Landwirt aus dem thüringischen Stanau, der in den Achtzigern als Totengräber gearbeitet und Leichen aufgebahrt hat. "Das fängt bei der Aufbahrung an, die kaum jemand macht, aber eben auch beim Waschen oder beim Anziehen. Dazu sind die Leute nicht mehr in der Lage bzw. wissen sie das nicht, dass sie das dürfen."

Bestattungindustrie wird gut bezahlt

Begräbnis auf einem Friedhof - Ein Sarg wird zum Grab gebracht
Wer für die Bestattung zuständig sind, regelt das Gesetz Bildrechte: IMAGO

Auf den Tod eines nahestehenden Menschen sind wir nicht vorbereitet. Nicht auf den Anblick, nicht auf den Schmerz, auf die Endgültigkeit. Wer einen nahestehenden Menschen verloren hat, sehnt sich nach einer persönlichen Geste des Abschieds. Aber welche Art der Trauer und der Beerdigung hätte der Verstorbene gewollt: Erdbestattung, oder Feuerbestattung, ein richtiges Grab oder anonym unter die Wiese? Was verlangt die Tradition, das religiöse Bekenntnis? Welchen Trauerredner, welche Musik? Aber auch: Was erwarten die Nachbarn? Welcher Aufwand ist angemessen, welchen Aufwand können sich die Hinterbliebenen leisten?

Die meisten dieser praktischen Probleme sind heute an eine Bestattungsindustrie ausgelagert, die dem Trauerenden vermeintlich alles abnimmt – und sich das gut bezahlen lässt. Das ist oft nicht anders möglich. Doch was bei dieser arbeitsteiligen Lösung auf der Strecke bleibt, ist die Erkenntnis, dass die Trauer und der Umgang mit dem Toten, die Art, wie wir uns verabschieden, zusammengehören.

Ratlosigkeit bei der Trauerarbeit

Die scheinbar nur praktischen Fragen sind zugleich höchst emotionaler Natur. Der Abschied soll den Toten ehren, er soll die Überlebenden trösten und ganz bestimmt wird er Teil unserer  Erinnerung sein. "Der letzte Dienst" am geliebten Menschen soll uns helfen, mit unserer Trauer fertigzuwerden – das ist "Trauerarbeit". Und hier beginnt für viele Menschen die Ratlosigkeit, das Gefühl, diesen Fragen nicht gewachsen zu sein.

"Man sollte sich den Tod nicht Tag für Tag vergegenwärtigen sollte, aber es ist schon wichtig, dass man sich mit diesen Dingen mal zeitweise beschäftigt, einfach um auch einen vernünftigen Umgang damit zu finden", findet Lutz Breitzke. Denn man könne es ja nicht immer verdrängen weil, aber gerade dann, wenn man es brauche, sei man nicht in der Lage, richtig zu reagieren. "Und so überlässt man es dann eben den anderen, was mit seinen Angehörigen passiert."

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Werkstatt | 19. November 2019 | 22:00 Uhr

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