Ein Besucher geht im Emsland-Moormuseum in Geeste - Groß Hesepe an dem Gemälde Die Moorsoldaten von Franz Skowronek entlang
Das Gemälde "Die Moorsoldaten" von Franz Skowronek im Emsland-Moormuseum Bildrechte: dpa

Entstehung vor 85 Jahren Moorsoldatenlied - Bei der Uraufführung sang auch die SS mit

In vielen Konzentrationslagern entstanden Lieder, geschrieben von durchaus prominenten Künstlern, wie dem Schlager- und Operettenkomponisten Fritz Löhner-Benda, der das Buchenwaldlied verfasste oder dem Dramatiker Jura Soyfer, von dem der Text für das Dachau-Lied stammt. Am bekanntesten wurde aber das Lied aus dem KZ Börgermoor im Emsland: Die Moorsoldaten. Erstmals gesungen wurde es vor 85 Jahren, am 27. August 1933.

von Hartmut Schade, MDR KULTUR

Ein Besucher geht im Emsland-Moormuseum in Geeste - Groß Hesepe an dem Gemälde Die Moorsoldaten von Franz Skowronek entlang
Das Gemälde "Die Moorsoldaten" von Franz Skowronek im Emsland-Moormuseum Bildrechte: dpa

Alle verbreiten ihre Geschichten über das Moorsoldatenlied, amüsiert sich 1974 dessen Komponist Rudi Goguel in einem Interview im DDR-Rundfunk. So behauptet Regisseur Wolfgang Langhoff, der Komponist sei tagelang summend durch das Lager gelaufen. Hanns Eisler macht gar die Massen zum Schöpfer des Liedes. Dabei war es laut Rudi Goguel so: "Die ganzen Gefangenen, die da waren, tausend Gefangene, haben zusammen auf dem Marsch ins Moor zusammen komponiert und gedichtet. Und so ist das dann als eine kollektive proletarische Arbeit entstanden."

Rudi Goguel komponiert das Moorsoldatenlied in drei Tagen in der Krankenbaracke des KZ. Den Text schreibt der Duisburger Bergmann Johann Esser. Den einprägsamen Refrain steuert Wolfgang Langhoff bei.

Die SS sang mit

Kerzen brennen im Gedenkraum vor dem in die Wand eingravierten Lied der Moorsoldaten
Kerzen brennen im Gedenkraum der Gedenkstätte Esterwegen vor dem in die Wand eingravierten Lied der Moorsoldaten Bildrechte: imago/epd

Mit dem Lied endet der "Zirkus Konzentrazani", ein von Theatermann Langhoff konzipierter Unterhaltungsnachmittag mit Tänzern, Boxern, Komikern, Gauklern und Gesang, schreibt Rudi Goguel in seinen Erinnerungen. Die erstaunliche Uraufführung des Liedes am 27. August schildert er so: "Die sechzehn Sänger, vorwiegend Mitglieder des Solinger Arbeitergesangsverein, marschierten in ihren grünen Polizeiuniformen (unsere damalige Häftlingskleidung) mit geschulterten Spaten in die Arena, Wir sangen, und bereits bei der zweiten Strophe begannen die fast 1.000 Gefangenen den Refrain mitzusummen. [...] Von Strophe zu Strophe steigerte sich der Refrain, und bei der letzten Strophe sangen auch die SS-Leute, die mit ihren Kommandanten erschienen waren, einträchtig mit uns mit, offenbar, weil sie sich selbst als 'Moorsoldaten' angesprochen fühlten."

Verbreitung trotz Verbot

Wolfgang Langhoff
Wolfgang Langhoff war Häftling im KZ Börgermoor und nach dem Krieg von 1946 bis 1963 Leiter des Deutschen Theaters Berlin Bildrechte: dpa

Zwei Tage nach der Uraufführung verbietet der Kommandant das Börgermoorlied. Es verbreitet sich trotzdem rasch. Durch Häftlinge, die in andere KZ verlegt werden, durch Wolfgang Langhoff, der nach Freilassung und Emigration 1935 sein Buch "Moorsoldaten" veröffentlicht und durch Ernst Busch, der das Lied zur Hymne der im spanischen Bürgerkrieg kämpfenden Deutschen deklariert.

Die von Busch, und in seiner Nachfolge von fast allen gesungene Fassung, ist aber nicht die von Rudi Goguel komponierte. Eisler, dem ein nicht sonderlich musikalischer Ex-Häftling das Lied vorsingt, glaubt, es basiere auf einem Lied aus dem Dreißigjährigen Krieg und nimmt dessen Melodie für seine Version.

Die Originalfassung, wie ich sie seinerzeit konzipiert hatte, sieht etwas anders aus. Die drei gleichlautenden Töne im ersten Takt sind bewusst monoton gehalten um das schwere Los, den Marschtritt der Kolonnen im Moor zu versinnbildlichen.

Rudi Goguel

Als Rudi Goguel 1945 endlich aus dem KZ freikommt, hat sich Eislers Fassung durchgesetzt und sich das Moorsoldatenlied von seinem Entstehungskontext gelöst. Bis heute wird das einzige Lied, das Goguel in seinem Leben je komponierte, gesungen: von Joan Baez und Hannes Wader, den Punkern der "Toten Hosen", von Elektro- oder Mittelalterpoppern wie "Welle Erdball" oder "Helium Vola". Und auch auf serbisch, tschechisch, spanisch, englisch oder französisch geht das Lied um die Welt. Eine Hymne auf den Überlebenswillen in widrigsten Zeiten.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kalenderblatt | 27. August 2018 | 06:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Oktober 2018, 18:35 Uhr

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