Häuptling Abendwind oder Das gräuliche Festmahl - Nahuel Häfliger (Arthur) und Dascha Trautwein (Atala)
"Häuptling Abendwind oder Das gräuliche Festmahl" - Nahuel Häfliger (Arthur) und Dascha Trautwein (Atala) Bildrechte: Candy Welz

"Der Auftrag/ Häuptling Abendwind oder das gräuliche Abendmahl" am DNT Weimar Heiner Müller und Johann Nepomuk Nestroy auf schrill und albern gebürstet

Eine ungewöhnliche Kombination aus zwei ganz verschiedenen - und selten gespielten - Stücken hatte am Deutschen Nationaltheater Weimar Premiere: Heiner Müllers "Der Auftrag" und Johann Nepomuk Nestroys "Häuptling Abendwind oder das gräuliche Festmahl". Mit dabei war unser Kritiker Matthias Schmidt. Ihm hat sich der Sinn des Abends jedoch nicht entschlossen.

Häuptling Abendwind oder Das gräuliche Festmahl - Nahuel Häfliger (Arthur) und Dascha Trautwein (Atala)
"Häuptling Abendwind oder Das gräuliche Festmahl" - Nahuel Häfliger (Arthur) und Dascha Trautwein (Atala) Bildrechte: Candy Welz

MDR KULTUR: Können Sie uns sagen, warum diese beiden Stücke in Weimar zusammen auf die Bühne gebracht werden?

Matthias Schmidt: Grundsätzlich finde ich es sehr reizvoll, verschiedene Texte, vielleicht verschiedene Epochen oder Sichtweisen zusammen zu inszenieren. Das kann sehr spannend sein, eine Differenz zu erkennen oder einen Gleichklang. Für die gestrige Premiere darf ich sagen: es hat sich mir nicht erschlossen. Auf dem Papier liest sich das ganz gut, da ist die Verbindung thematisch dadurch gegeben, dass bei Müller vom Scheitern einer Revolution auf Jamaika die Rede ist und bei Nestroy zwei reaktionäre Kolonialherren auf ihren Südseeinseln nach Belieben herrschen und ausbeuten. Also ja, mit viel gutem Willen, kann man in beiden Texten die Kritik daran erkennen, dass wir uns lieber unser "Stück vom Kuchen" nehmen als gegen die Verhältnisse aufzubegehren. Aber das ist eben nur die Theorie, auf der Bühne habe ich davon nichts wiedererkannt. Das hängt, wie ich glaube, mit der Art der Präsentation zusammen.

Häuptling Abendwind oder Das gräuliche Festmahl - Oscar Olivo (Ho-Gu), Bernd Lange (Abendwind der Sanfte), Krunoslav Sebrek (Biberhahn der Heftige) und Dascha Trautwein (Atala) 6 min
Bildrechte: Candy Welz

Bei den Stücken scheint es Regisseur Christian Weise nur um Dekoration zu gehen. Alles ist opulent, knallbunt und aufgesetzt albern. Der Inszenierung fehlt jede Idee. Kritiker Matthias Schmidt ist enttäuscht.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 01.12.2018 10:15Uhr 06:00 min

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Wie werden die Stücke denn präsentiert?

Häuptling Abendwind oder Das gräuliche Festmahl - Dascha Trautwein (Atala) und Nahuel Häfliger (Arthur)
"Häuptling Abendwind oder Das gräuliche Festmahl" - Dascha Trautwein (Atala) und Nahuel Häfliger (Arthur) Bildrechte: Candy Welz

Vor allem knallbunt und schrill. Das ist ein Teil der Regiehandschrift von Christian Weise, der den Abend inszeniert hat. Nestroys Stück heißt ja im Untertitel "Eine Faschingsburleske", manchmal wird es sogar als Operette bezeichnet, und das hat Weise sehr ernst genommen. Wir erleben eine Art Fasching auf der Insel von Häuptling Abendwind: in opulenten, albernen Kostümen, gesprochen in Dialekten von Berlinerisch bis Schweizerisch. Auch die Musik von Jaques Offenbach wird zu Gehör gebracht, betont übertrieben kitschig gesungen, gerne auch falsch. Alles ist zum Klischee überspitzt, alles will besonders lustig sein. Es wird dann auch viel gelacht, aber von Nestroys Intention, den österreichischen Nationalismus heiter aufs Korn zu nehmen, bleibt eigentlich nichts übrig, wenn man zusätzlich eine Art Dauer-Ironie obendrauf setzt.

Es passiert sogar etwas ziemlich Fatales, denn statt auf das Verhalten der beiden Häuptlinge zu fokussieren, die sich den Eingeborenen gegenüber wie üble Kolonialherren benehmen, sind in der Inszenierung diese Eingeborenen die Deppen: Die werden nämlich vorgeführt als quasi von Natur aus dümmliche Wilde im Lendenschurz. "Hulla, hulla, hulla, das sind die Papatutu" singen und stampfen sie. Ich kann nur hoffen, dass das versehentlich passiert ist, und zwar wahrscheinlich, weil der ganzen Inszenierung eine Idee fehlt, wie man dieses selten gespielte Stück nicht nur formal originell, sondern eben inhaltlich für die Jetztzeit interpretieren soll.

Passt da Heiner Müllers Text dazu? Der ist ja das Gegenteil von operettenhaft oder faschingsburlesk. Banal gefragt, werden die Stücke nacheinander gespielt?

Der Auftrag - Dascha Trautwein (Mutter), Nadja Robiné (Galloudec), Krunoslav Sebrek (ErsteLiebe), Jonas Schlagowsky (Debuisson), Nahuel Häfliger (ErsteLiebe), Oscar Olivo (Sasportas), Bernd Lange (Vater), Jens Dohle (Musiker)
"Der Auftrag" - Dascha Trautwein (Mutter), Nadja Robiné (Galloudec), Krunoslav Sebrek (ErsteLiebe), Jonas Schlagowsky (Debuisson), Nahuel Häfliger (ErsteLiebe), Oscar Olivo (Sasportas), Bernd Lange (Vater), Jens Dohle (Musiker) Bildrechte: Candy Welz

Ja und nein. Der knapp dreistündige Abend zeigt tatsächlich bis zur Pause den Nestroy und danach folgt Heiner Müllers "Auftrag". Aber ganz zu Anfang wird bereits eine Passage aus dem "Auftrag" gespielt – der Monolog "Der Mann im Fahrstuhl". Und damit beginnt, was bis zum Schluss nicht zu verstehen ist: Warum machen die das? Es scheint Christian Weise nur um die Form zu gehen, nicht aber um den Inhalt. Der Mann im Fahrstuhl wird gespielt von der Schauspielerin Nadja Robiné, die so eine Art Nackt-Kostüm trägt mit übertrieben breiten Hüften, mit darauf applizierter üppiger Schambehaarung und ebenso übertrieben großen Brustwarzen, und dann spricht sie den Text auf Sächsisch. Ich bin echt nicht drauf gekommen warum, es wirkte auf mich wie: Hauptsache ganz anders machen, Müller mal lustig sprechen. Jetzt könnte man sagen: ja, das geht, es wird gelacht. Ich würde sagen: schade drum, dann kann man auch gleich die "Herkuleskeule" einladen.

Jetzt fehlt noch, was nach der Pause geschieht, der Rest vom "Auftrag" sozusagen.

Der Auftrag - Jonas Schlagowsky (Debuisson), Oscar Olivo (Sasportas)
"Der Auftrag" - Jonas Schlagowsky (Debuisson), Oscar Olivo (Sasportas) Bildrechte: Candy Welz

Nach der Pause sieht es aus, als würde es nun ernsthafter. Alle sieben Schauspieler betreten die Bühne – die ist übrigens sehr schön, eine kitschige, vergrößerte Puppenbühne mit Prospekten und allem Drum und Dran, die in den Maschinensaal des E-Werks hineingestellt wurde – und beginnen als Formation zu marschieren. Besser gesagt: auf der Stelle zu treten. Von rhythmischer Live-Musik getragen, sprechen sie den Müller-Text chorisch. Wir wissen, dass das Müllers oft wie in Stein gemeißelt wirkenden Sätzen sehr gut bekommt, und das ist auch in Weimar so. Mal ganz monoton, mal sich steigernd, mal fast wie ein Gebet, dann in verschiedenen Stimmlagen und als Kanon. Das ist toll, aber irgendwann wird es automatisch zu einer Art Müller-Muschelrauschen. Und dann schaut man sich die Kostüme an: Alle sind wie Drag-Queens gekleidet, bonbonbunt, mit Lackstiefeln, hochgesteckten farbigen Perücken und riesigen Herzen als Kopfschmuck. Da dachte ich so: Das ist ja auch wieder nur Form. Das ist keine Interpretation eines Stückes von Heiner Müller, das ist seine Dekoration. Und spätestens, wenn Nadine Robiné als Galloudec wieder sächselt, wahrscheinlich weil der ein bretonischer Bauer ist, aber dabei immer wieder ins Hochdeutsche zurückfällt, weil dieser Text von Müller eben stärker ist als eine putzige Regie-Idee, ja, da habe ich innerlich mit dem Abend abgeschlossen.

Das Gespräch führte Moderator Vladimir Balzer für MDR KULTUR.

Informationen zum Stück: Christian Weise (Regie)
Stefan Britze (Bühne)
Isabell Reisinger (Kostüme)
Jens Dohle (Musik)
Alan Barnes (Choreografie)
Eva Bormann (Dramaturgie)

BESETZUNG
Jonas Schlagowsky (Debuisson / Der Auftrag)
Nadja Robiné (Galloudec, Frau im Fahrstuhl / Der Auftrag)
Oscar Olivo (Sasportas / Der Auftrag)
Nahuel Häfliger / Krunoslav Šebrek (ErsteLiebe / Der Auftrag)
Dascha Trautwein (Mutter / Der Auftrag)
Bernd Lange (Vater / Der Auftrag)
Jens Dohle (Musiker / Der Auftrag)
Bernd Lange (Abendwind der Sanfte, Häuptling der Groß-Lulu / Häuptling Abendwind)
Krunoslav Šebrek (Biberhahn der Heftige, Häuptling der Papatutu, Eisbär / Häuptling Abendwind)
Dascha Trautwein (Atala, seine Tochter / Häuptling Abendwind)
Nahuel Häfliger (Arthur ein Fremdling, Eisbär / Häuptling Abendwind)
Oscar Olivo (Ho-Gu, Koch bei Abendwind / Häuptling Abendwind)
Jonas Schlagowsky / Nadja Robiné (Gross-Luluerer, Gross-Papatutuaner / Häuptling Abendwind)
Jens Dohle (Musiker / Häuptling Abendwind)

Vorstellungen: 28. Dezember, 15. Januar, 12. Februar im Maschinensaal des E-Werks in Weimar

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. Dezember 2018 | 10:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. Dezember 2018, 10:15 Uhr

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