Sachbuch "Abschied vom Abstieg": Wie soll Deutschland in Zukunft aussehen?

Herfried und Marina Münkler fordern in ihrem Buch weniger Hysterisie von links und rechts – damit man sich mehr auf eine Agenda für Deutschland konzentrieren kann. Ein gelungenes Debatten-Buch, findet unser Kritiker.

von Bernd Schekauski, MDR KULTUR-Politikredakteur

Herfried und Marina Münkler
Herfried und Marina Münkler Bildrechte: IMAGO

Politikwissenschaftler Herfried Münkler sorgte mit seinen popularisierenden Büchern über Kriege, Imperien und Militärgeschichte für Furore. Vor wenigen Jahren folgte dann das erste Zukunftsgewandte Buch "Die neuen Deutschen", das er zusammen mit seiner Frau geschrieben hat. Nun haben die beiden nachgelegt – Titel diesmal: "Abschied vom Abstieg. Eine Agenda für Deutschland".

Darin geht es Herfried und Marina Münkler darum, all denen eine Absage zu erteilen, die lautstark jammern und greinen, zetern und schreien, sich in Alarmismus ergehen und Debatten hysterisieren – mal mit Verschwörungstheorien, mal mit dem, was korrekte Lebensführung und was korrekte Sprache sei. Und wenn die Autoren dagegen anschreiben, dann weniger, weil sie Freunde von leisen Tönen sind, sondern weil sie meinen, dass all das Dramatisieren den Blick verstellt auf ganz reale Probleme, mehr noch: weil dieser Alarmismus uns die Energie nimmt, die es für die Lösung ernsthafter Probleme braucht. In diesem Sinne ist das Buch eine Aufforderung: Nehmen wir Abschied vom Abstiegs-Gedöns linker wie rechter Populisten – und konzentrieren wir uns auf das Wichtige: eine Agenda für Deutschland.

Analytischer Blick auf Veränderungen der Gesellschaft

Europas Finanzkrise, in der es um Schlagworte wie Negativ-Zins geht, das Wohlstands-Gefälle Nord-Süd, die Deindustrialisierung zahlreicher Regionen, die Überalterung der Gesellschaft, zunehmende Probleme mit Mieten, Renten, Gesundheit – aus Sicht der Münklers sind das alles keine Hinweise auf einen tendenziellen Abstieg Deutschlands. Ganz im Gegenteil: Genau diese Phänomene sind es, von denen sie meinen, sie gehören unbedingt ernst genommen. Deshalb fragen sie auch sehr analytisch: Was verändert sich derzeit eigentlich in unserer Gesellschaft, was verschiebt sich da?

Da geht es etwa um die zunehmende globale Verflechtung von Wirtschaft und Handel, um die Migration, wenn man so will, ganzer Branchen nach Asien, mit der Folge, dass in den vergangenen zwanzig Jahren ein ehedem festes Gefüge von sozialen Klassen und Schichten in unserer Gesellschaft erodiert. Es geht um die Erfahrungen von sozialem Auf- oder Abstieg – und die immer seltener werdenden gemeinsamen "Klassen-Erfahrungen". Es geht um Verteilungskämpfe, die sich daher immer öfter spontan und aggressiv entzünden, denken wir an die "Gelb-Westen" in Frankreich – was wiederum Populisten das Terrain bereitet. Solche sozialen Phänomene betrachten die Münklers sehr genau – um schließlich zu konstatieren: Politiker in Deutschland haben den Ernst der Lage offenbar immer noch nicht begriffen.

Keine simple Agenda für Deutschland

Herfried und Marina Münkler: Abschied vom Abstieg. Eine Agenda für Deutschland
Herfried und Marina Münkler: Abschied vom Abstieg. Eine Agenda für Deutschland Bildrechte: Rowohlt Verlag

Im Grunde bleiben die beiden in ihrem gesamten Text beim analytisch-fragenden Betrachten – mit Blick auf die Parteien. Was sehen die Münklers da natürlich?:  Verluste in der Mitte, Erosion alter Bindungen, Prestige-Verlust. Sie weisen darauf hin, wie wichtig Parteien für eine Demokratie nun aber einmal sind als Einrichtungen, über die sich immer noch am effektivsten politischer Wille der Gesellschaft manifestiert. Nur dass Parteien, wie es die Münklers darlegen, es heute gleich mit mehreren Dilemmata zu tun haben: immer kleineren Spielräumen, während Erwartungen und Ansprüche immer größer werden.

Natürlich fragt man sich, welche Agenda für Deutschland die Münklers nun anzubieten haben. Sie richten den Fokus auf drei große Problem-Felder: Demokratie, Bildung und Deutschland in Europa; die Gedanken zu Europa sind dabei eher einrahmend.

Vorschläge zur demokratischen Erneuerung  kommen dann als ein sehr lehrreiches Abwägen von wissenschaftlichen Positionen daher. Richtig konkret wird es im Themen-Feld Bildung, da werden einige Pflöcke ganz unverrückbar in den Boden gerammt. Insgesamt muss man aber sagen, dass das. was da Agenda heißt, kein simples Zehn-Punkte-Programm ist.

Vorschläge: Parteien wie NGO's organisieren und Wohlfahrt reformieren

Einen konkreten Vorschlag haben Herfried und Marina Münkler beispielsweise für Parteien: Sie könnten sich künftig an Bewegungen orientieren, die sich projektbezogen, also nur zeitweilig, dafür aber umso intensiver und effektvoller, organisieren – wie  Greenpeace oder "Fridays for Future". Auch interessant ist ihre Idee, Parteien zu "Agenturen der Bürgermobilisierung und Kompetenz-Vermittlung" zu machen.
Außerdem machen die Autoren Vorschläge zur "Sicherung des gesellschaftlichen Zusammenhalts", um u.a. gegen das Auseinander-Driften von Stadt und Land anzukämpfen.

Zudem raten sie, alle Wohlfahrtsunternehmen mindestens alle zwei bis drei Jahrzehnte zu reformieren, weil die Wohlfahrt sonst verkommt, wie sie schreiben, zu einem teuren Ensemble sozialer Besitzstände oder zum teuren Pflegefall. Und dann schlagen die Autoren mit Blick auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt etwas vor, was ordentlich Streit auslösen dürfte: Wohlfahrt, so sagen die Münklers, sollte doch bitte nicht mehr in erster Linie ausgerichtet werden am Grundsatz der Gerechtigkeit – Begründung: "'Gerechtigkeit' hat sich zu einem beliebig verfügbaren Anspruchs-Begriff entwickelt" und sei somit "nicht viel mehr als ein semantisches Strategem im Kampf um […] öffentliche Mittel". Wohlfahrt solle sich in ihren Augen am Gemeinwohl ausrichten. Dieser Begriff habe den Vorteil, die Gesellschaft insgesamt zu betrachten, sich auf die Mitte zu konzentrieren, ohne die Ränder zu vernachlässigen. Die Idee hat Potential, dürfte aber erst mal Ärger machen.

Reform der Bildung nach DDR-Vorbild?

Beim Thema Bildung beschreiben die Münklers zunächst eine Landschaft, getragen von ach so vielen schönen Absichten, aber grauenvoll entstellt von föderativer Rechthaberei, rivalisierenden Überzeugungen und Ideologien – und diese Beschreibungen münden dann in eine rhetorische Frage, bei der ich mir die Augen gerieben habe: "Das Bildungs-System der DDR: Schreckbild oder mögliches Vorbild?" – Antwort der Münklers, einem Wissenschaftler-Ehe-Paar aus Westdeutschland: Wir hätten uns einige dicke Scheiben von diesem System abschneiden sollen. Was sie damit meinen, ist zum Beispiel die Gliederung von Schule in zwei Teile – POS (Polytechnische Oberschule) und EOS (Erweiterte Oberschule). Vor allem meinen sie: die Homogenität.

Bevor die Münklers nun aber ostalgisch werden, fordern sie vor allem eine nationale Bildungsanstrengung mit dem Ziel der Vereinfachung, Vergleichbarkeit und Erhöhung der Qualität. Die Idee: Wenn Deutschland künftig wieder aufholen will im globalen Wettbewerb, ein Land zumal, dass – von Braunkohle mal abgesehen – über keinerlei Rohstoffe verfügt, muss sich bei der Bildung gewaltig ins Zeug legen. Das dürfte wiederum die Chancen darauf erhöhen, dass der Abschied vom Abstieg gelingen kann.

Zeug zum Debatten-Buch?

Das Buch "Abschied vom Abstieg" hat auf jeden Fall das Zeug, Grundlage für Debatten zu werden. Es knüpft an viele Diskussionen an, die wir über Exzesse des Neo-Liberalismus führen, über den Aufstieg Asiens, den Migrations-Druck aus Afrika; es verweist auf die Unterlassungssünden Deutschlands und der Europäischen Union und es zeigt schließlich Wege auf, die Gesellschaft erfolgreich zu gestalten. Der Tenor der Buches lautet, einfach formuliert: Nicht so viel Abstiegs-Gedöns, mehr entschlossenes Handeln. Und für alle, die eher hoffnungsfroh über Zukunft reden wollen, ist so ein Buch eine regelrechte Steilvorlage.

Angaben zum Buch: "Abschied vom Abstieg – Eine Agenda für Deutschland"
von Herfried und Marina Münkler
Rowohlt Verlag (2019)
512 Seiten, gebunden
ISBN: 3737100608

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 18. September 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. September 2019, 14:20 Uhr

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