Eine Mitarbeiterin steht mit einer VR-Brille im «virtuellen Migrationsmuseum».
Das virtuelle Migrationsmuseum kann per Computer, Tablet, Smartphone oder VR-Brille erkundet werden. Bildrechte: dpa

"Ein Museum auf der Höhe der Zeit" Einwanderung digital entdecken im virtuellen Migrationsmuseum

Es ist das erste Museum seiner Art - und ganz einfach von überall über einen Link zu erreichen. Mit Computer, Tablet oder VR-Brille können Sie interaktiv in die Geschichten von Migranten in Deutschland eintauchen.

von Maja Fiedler, MDR KULTUR

Eine Mitarbeiterin steht mit einer VR-Brille im «virtuellen Migrationsmuseum».
Das virtuelle Migrationsmuseum kann per Computer, Tablet, Smartphone oder VR-Brille erkundet werden. Bildrechte: dpa

Ein neues Museum im virtuellen Raum macht die Kulturgeschichte von Migranten in Deutschland anschaulich. Es zeigt das politische und kulturelle Engagement verschiedenster Bevölkerungsgruppen. Und welch großer Teil der deutschen Kultur zu Türken, Vietnamesen, Jugoslawen, Griechen, Spaniern und anderen Kulturen führt.

Ins Leben gerufen wurde das Virtuelle Migrationsmuseum von dem Kölner Verein "DOMID", dem "Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland". Der Verein wurde 1990 von Migranten gegründet und hat eine bundesweit einzigartige Sammlung von Alltagsgegenständen aufgebaut, die die Geschichte der Einwanderung erzählen. Mehr als 1.000 Dokumente, Fotos, Videos, Zeitzeugeninterviews und 3D-Scans von Objekten sind hier bislang virtuell ausgestellt. Und: Dieses Museum im digitalen Raum hat den Anspruch, nicht nur zweidimensionales Schaufenster zu sein, sondern auch betreten werden zu können. Mit Tablet, Computer und auch Virtual Reality-Brille. Gefördert wird das Projekt von der Bundeszentrale für politische Bildung und dem Landschaftsverband Rheinland.

Wie das virtuelle Museum funktioniert

Wenn man sich das Programm für Computer oder Tablet heruntergeladen hat und startet, öffnet sich die Karte einer fiktiven Stadt: ein Bahnhof, eine Schule, Wohnhäuser, ein Kulturzentrum und eine Fabrik. All diese Gebäude lassen sich in unterschiedlichen Epochen erkunden: 1945 bis 1973, 1973 bis 1989 und 1989 bis heute. In den Räumen kann man sich dann in der jeweiligen Zeit bewegen und umschauen.

Im ersten Moment ist es, als ob man ein ödes Computerspiel startet. Abgesehen von wenigen atmosphärischen Geräuschen, ist alles leblos und etwas trist. Dann aber, bei genauerem Hinsehen, lassen sich Gegenstände entdecken: Auf der Bühne im Kulturzentrum steht eine Mülltonne, in der Ecke eine Gitarre, ein Paar Schuhe am Eingang. Diese Gegenstände lassen sich anklicken und es öffnet sich eine Art dreidimensionale Vitrine, die wiederum Gegenstände, Informationstexte, Videos und Töne beinhaltet. Immer unter der Frage: Wie prägt Migration unser aller Alltag?

Migranten oft auf Thema Migration festgenagelt

Shermin Langhoff
Shermin Langhoff, Theatermacherin Bildrechte: IMAGO

Shermin Langhoff gründete das Ballhaus Naunynstraße in Berlin Kreuzberg und etablierte den Begriff des "postmigrantischen Theaters". Das Theaterplakat für "Sonnenblumenhaus" dokumentiert die rassistischen Ausschreitungen gegen vietnamesiche Vertragsarbeiter in Rostock-Lichtenhagen 1992. Auf der Bühne bekommen bis dahin nicht gehörte Betroffene eine Stimme. Doch der Regisseur Dan Thy Nguyen ist heute nicht nur glücklich über seinen Erfolg: "Es gibt zwei Produktionen, wo ich ständig genannt werde: das "Sonnenblumenhaus" und "Denken was tomorrow". Und das hat alles mit Vietnam zu tun. Fast alle anderen Sachen, die ich gemacht habe, sind gar nicht im öffentlichen Fokus. Tut auch gleichzeitig weh."

Die in Meißen geborene afro-deutsche Theatermacherin Marika Rockstroh erzählt von ähnlichen Erfahrungen: "Mir passiert es natürlich auch, dass, wenn es darum geht, Projekte zu initierten, die mit Migration zu tun haben, sofort in meine Richtung geguckt wird. Was okay ist, weil es ein Thema ist, zu dem ich etwas sagen kann. Andererseits würde ich vielleicht auch einfach gern das neue Ibsen-Stück machen. Und nicht so auf dieses Thema festgesetzt werden."

Ein Museum auf der Höhe der Zeit

Sandra Vacca leitet das digitale Museums-Projekt und betont dessen Aktualität: "Wir können auch wirklich mit den Nachrichten gehen. Also kommt ein Thema hoch oder haben wir neue Erkenntnisse gewonnen, können wir sehr sehr schnell ein neues Objekt hinzufügen. Das ist für uns ein sehr flexibles Format und deswegen mögen wir es sehr."

Das Virtuelle Migrationsmuseum trägt einen wichtigen Teil bei zu unserer Erinnerungskultur. Gleichzeitig zeigt es, wie Migration unser aller Alltag prägt. Es beleuchtet Geschichte, zu der es kaum ein Geschichtsunterricht schafft, weil dessen Schwerpunkte weiter zurück in der Vergangenheit liegen. Ein tolles digitales Angebot, ein Museum auf der Höhe der Zeit.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. August 2018 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. August 2018, 04:00 Uhr

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