"Die Kinder der toten Stadt" Darf man ein Musical über den Holocaust schreiben?

Das Musikdrama "Die Kinder der Toten Stadt" erzählt eine Episode aus dem Konzentrationslager Theresienstadt, bei der Kinder im Zentrum des Geschehens stehen. Am Samstag, dem Jahrestag der Ereignisse in Theresienstadt erscheint das Album zum Projekt. Gleichzeitig stellen die Autoren Schulen Noten, Begleitmaterial und Playbacks zur Verfügung, damit Schüler das Stück aufführen können. Erinnerungskultur als Musical – wie klingt das, und kann es gelingen?

von Ben Garit Hernandez, MDR KULTUR

Das KZ Theresienstadt: Gestapogefängnis, Durchgangslager, Ghetto. Hier lebten besonders viele prominente Juden, Künstler, Musiker und Schriftsteller und 15.000 Kinder. Die meisten von ihnen wurden in Auschwitz ermordet. Ein unfassbares Leid. Schon deshalb müsse man versuchen den Holocaust mit allen Mitteln begreiflich zu machen, sagt Dr. Sarah Kass, Leiterin des Deutschen Zentrums für Erinnerungskultur und Produktionsleiterin des Musikdramas "Die Kinder der toten Stadt“.

Der Holocaust und Musik – ist das nicht pietätlos?

"Als die Idee vor etwa vier Jahren entstand, haben wir uns viel Kritik ausgesetzt gefühlt. Man hat uns tatsächlich auch gefragt: Der Holocaust und Musik –  wie kann man das machen? Ist das nicht pietätlos? Und wir haben die Frage mit einer Gegenfrage beantwortet: Darf man dann ein Medium aussparen? Wir sagen nein!“

Michael Schulte
Michael Schulte Bildrechte: Sven Sindt

Die Gräueltaten der Nazis, erzählt als knapp zweistündiges Musical mit 36 Musiknummern zwischen symphonischer Musik, Klezmer und Rock. Eine Gratwanderung zwischen gestern und heute. In den Hauptrollen sieben jugendliche Sängerinnen und Sänger begleitet vom Paderborner Domchor und dem Chor der Mädchenkantorei. Mittendrin das Liebespaar Hannah und Albert, gefangen im Ghetto, gespielt von der jungen Sängerin Jade Schulz und dem deutschen ESC-Kandidaten Michael Schulte.

Wahre Geschichte: Gedeckte Tische im KZ

"Die Kinder der toten Stadt“ basiert auf der wahren Geschichte eines perfekt inszenierten Trugbildes.  Kurz vor Ende des Krieges, am 23. Juni 1944, erscheint eine Delegation des Internationalen Roten Kreuzes in Theresienstadt. Die SS lässt Kaffeehäuser mit reichlich gedeckten Tischen aufstellen und die Kinderoper "Brundibar" des inhaftierten jüdischen Komponisten Hans Krasa aufführen. Man soll meinen, die Juden hätten es doch gut im Ghetto. Was die ausländischen Beobachter nicht wissen: Von den gedeckten Tischen darf niemand essen. Von den beteiligten Kinderdarstellern werden im Anschluss fast alle ermordet.

"Man kann sich nicht darauf vorbereiten"

Der Hamburger Sänger Peter Heppner (Wolfsheim, Joachim Witt, Schiller) im Gewandhaus Leipzig auf Akustiktour.
Bildrechte: IMAGO

"Der erste Gedanke der mir durch den Kopf geschossen ist, war: Wie soll man das machen? Das geht nicht, das kann nicht funktionieren. Und ich hab ehrlich gesagt ein paar Wochen darüber nachgedacht“, sagt Peter Heppner. Er spielt den Komponisten in Anlehnung an Hans Krasa, der sich bemüht, den Kindern im Lager eine Freude zu machen, ihnen ein wenig Hoffnung zu geben. Eine bewegende Sprechrolle für den Sänger Heppner. "So richtig darauf vorbereiten kann man sich gar nicht", sagt Heppner. "Ich bin bei meiner Großmutter aufgewachsen, daher kenne ich die Zeit des dritten Reiches aus zweiter Hand, weil meine Oma mir viel erzählt hat und ich viel gefragt habe."

Identifizierung statt Antisemitismus

Allein, mit Zeitzeugen ins Gespräch zu kommen ist heute kaum noch möglich. Für Schülerinnen und Schüler ist die Zeit des Nationalsozialismus meist nur ein Kapitel im Geschichtsbuch. Auf der anderen Seite werden Menschen in Deutschland zunehmend wegen ihrer Religionszugehörigkeit angefeindet, Kinder auf dem Schulhof als Juden beschimpft. Das erlebt auch die Pädagogin Sarah Kass so. "Ich sehe täglich, dass die Schülerinnen und Schüler unwissend sind bei diesem Thema“, sagt sie. "Ich habe jetzt mit einigen über dieses Projekt gesprochen und ich merke, dass der Weg über die Identifizierung mit anderen absolut funktioniert."

Es ist viel leichter für eine 16-Jährige sich mit dem 16-jährigen Albert aus unserem Stück, der gerade zum ersten Mal verliebt ist, zu identifizieren als zu verstehen, dass 6 Millionen Menschen ermordet worden.

Pädagogin Sarah Kass

Einfühlen um zu verstehen. Das Musikdrama "Die Kinder der toten Stadt“ ist vor allem auch als Mitmach-Stück gedacht. Das Deutsche Institut für Erinnerungskultur stellt Musik, Noten und Texte bereit ­ auch Tipps zur Theaterarbeit um das Stück mit der Klasse am Ende ja vielleicht sogar selbst auf die Bühne zu bringen.

Am 23. Juni wird das Musikdrama "Die Kinder der toten Stadt“ veröffentlicht - genau an dem Tag, an dem sich die realen Geschehnisse 1944 in Theresienstadt abspielten

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Nachmittag | 22. Juni 2018 | 17:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Juni 2018, 16:08 Uhr

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