"Sunday in the Park with George" am Theater Radebeul Ein Gemälde wird als Musical lebendig

Wie kann man ein Gemälde auf die Musicalbühne bringen, bei dem nicht nur die Figuren, sondern auch die Musik adäquat zur minimalistischen Maltechnik funktioniert? Bei Stephen Sondheims "Sunday in the Park with George" nach dem Gemälde "Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte" von Georges Seurat zeigt sich, dass das hervorragend funktioniert. In den USA ist das Musical von Stephen Sondheim ein Klassiker, wurde mehr als 600 Mal am Broadway aufgeführt. Nun ist es auch in Radebeul zu sehen.

von Boris Gruhl, MDR KULTUR

Schauspielerin und Schauspieler auf einer Bühne
Veronika Hörmann und Tobias Bieri spielen Großmutter und Enkel Bildrechte: Landesbühnen Sachsen, Theater Radebeul, Pawel Sosnowski

Pünktlich zu Stephen Sondheims 90. Geburtstag kommt an den Sächsischen Landesbühnen in Radebeul "Sunday in the Park with George" in auf die Bühne. Es ist Sondheims größter Broadwayerfolg, der hierzulande aber kaum bekannt ist. Weit über 600 Aufführungen hatte das Stück seit seiner Uraufführung 1983 am Broadway und wurde mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

Nicht nur deswegen ist Sondheim in den USA eine Größe, er schrieb die Songtexte für Leonhard Bernsteins Welterfolg "West Side Story" und feierte danach als Musicalkomponist und Textautor einen Broadway-Erfolg nach dem anderen.

Für Sebastian Ritschel, Operndirektor in Radebeul, ist "Sunday in the Park with George" die vierte Inszenierung eines Musicals von Sondheim. Es sei ihm "eine Herzensangelegenheit" bekennt er. Zuvor brachte er schon "Sweeney Todd" (bekannt durch die Tim-Burton-Verfilmung mit Johnny Depp), "Into the Woods" (verfilmt mit Meryl Streep) am Theater in Görlitz sowie "Company" an den Landesbühnen auf die Bühne.

Schauspieler auf einer Bühne
Die Gemälde-Umsetzung auf der Theaterbühne Bildrechte: Landesbühnen Sachsen, Theater Radebeul, Pawel Sosnowski

Ein Gemälde auf der Bühne

Stephen Sondheim lässt in seinem Musical das berühmte Gemälde "Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte" von Georges Seurat kraft der Musikalität auf eine sehr subtile Weise lebendig werden. Dieses richtungsweisende Bild des Postimpressionismus hängt heute in Chicago. Der Maler gestaltete 1884/85 seine Figuren auf dieser Insel in der milden Sonntagssonne eines Nachmittags mit der tupfenden Maltechnik des Pointilismus, dabei werden die Farben nicht gemischt, die Auswahl der Farben ist auf elf eingegrenzt.

Georges Seurat, Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte
Die Bildvorlage: Georges Seurats "Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte" Bildrechte: imago/United Archives International

Diese Menschenfiguren werden so – das mag unwahrscheinlich klingen – in der Sonne zu eingefrorenen Puppen, worauf sich auch die Inszenierung von Sebastian Ritschel bezieht, ohne sie plump bloßzustellen. Ich als Betrachter vermag es allerdings, die Farben sich mischen lassen, kann in meiner Fantasie diese festgehaltenen Menschen in lebendige Bewegung versetzten.

Auf die Musik bezogen ist dies geradezu eine ideale Vorgabe, Farben und Licht in Klänge übergehen zu lassen. Die Sprache wird in die Musik geführt, um einen so ganz sicher niemals geführten Dialog zwischen dem Künstler als Schöpfer und den von ihm gemalten Menschen als seinen Geschöpfen lebendig werden zu lassen.

Boris Gruhl

Dialog zwischen Kunst und Leben

Das Musical hat zwei Teile. Zunächst spielt es in der Zeit der Entstehung des Gemäldes in Paris, dann 100 Jahre später in New York. Auf sehr spezielle Weise geht es letztlich um einen lebendigen Dialog zwischen Kunst und Leben, der sich mit den Mitteln des Theaters lebendig darstellen lässt, indem ein Bild lebendig wird. Das jedoch nicht einfach indem sich die Figuren aus dem Rahmen bewegen würden. Nein, auf eine sehr subtile Weise, in diesem kunstvollen Dialog des Malers mit den von ihm gemalten Figuren.

Bestimmt wird diese so fiktive wie surreale und auch mitunter von absurder Komik getragene Handlung durch die Hauptfiguren: Tobias Bieri als George, der Künstler und Veronika Hörmann als Dot, als Figur des Bildes und seine Geliebte. Dazu kommt ein großes Ensemble mit mindesten 15 weiteren Rollen, bis in die kleinsten Miniaturen großartig, vor allem immer wieder in kunstvoller Stilisierung bis hin zu angedeutetem Minimalismus hingetupfter Darstellungen. 

Minimalistische Farb- und Musiktupfer

Und so, wie der Maler eben seine Menschen hingetupft hat, so gibt ihnen der Komponist mit der Kompositionstechnik des Minimalismus als Grundlage immer wieder sehr sensible Klangmomente, wenn sich Sprache aus der Alltäglichkeit löst, in einen Klangdialog mit den Farben übergeht. Da erweist sich nun die hochmusikalische, neue Sprachfassung von Robin Kulisch als Glücksfall.

Sebastian Ritschel vermag es, sich als Regisseur mit einem hohen Maß vorurteilsfreier Empathie diesen getupften Menschen zu nähern, ihnen somit die Konturen lebendiger Farben und Klänge des Herzschlags zu geben, mitunter auch mit feinem Humor und ironischem Augenzwinkern.

Schauspielerin und Schauspieler auf einer Bühne
Das Musikal spannt den Bogen über 100 Jahre Bildrechte: Landesbühnen Sachsen, Theater Radebeul, Pawel Sosnowski

Immer wieder entstehen Bilder und lösen sich auf. Das ist die Dynamik des ersten Teiles mit seinen klingenden Farben der Einsamkeit. Denn Dot, die sich von der Figur als Farbschöpfung eines Künstlers zur eigenständigen, jungen Frau emanzipiert hat, verlässt George. Sie bricht auf nach New York, mit dem gemeinsamen Sohn, an der Seite eines anderen Mannes.

100 Jahre später begegnen wir wieder einem George, einem Künstler, dem Enkel des Malers aus Paris mit seiner Großmutter. Jetzt ist er in New York, auf einer Vernissage als Schöpfer eines Farbexperiment des 20. Jahrhunderts. Der Dialog zu den Menschen, mit George am Sonntag im Park vor über 100 Jahren ist zunächst sehr heiter und Ironisch, denn die nun 100 Jahre alten, getupften Figuren revoltieren, sie meckern regelrecht. Es hilft aber nichts, gemalt ist gemalt, gerahmt für alle Zeiten.

Vielschichtige Lichtkunst

Kraft der Musik in der feinsinnigen Interpretation von Musikern der Elbland-Philharmonie unter der Leitung von Hans-Peter Preu erhalten diese klingenden Farben zeitloser Einsamkeit doch immer wieder, nicht zuletzt durch die kompositorische Wiederholungstechnik Stephen Sondheims, viel von den Farbpaletten der Kunst und des Lebens.

Und schon geht es dann wieder um die Kunst als eine Form, ganz bestimmte Lichter auf das Leben zu werfen. Denn der Enkel Georges ist wie sein Großvater, ein Lichtkünstler. Nur gestaltet er nicht mit getupften Farben, sondern mit der Raffinesse komponierter Lichttechnik. Verblüffend und grandios wirkt hier die Videokunst von Sven Stratmann.

Veronika Hörmann und Tobias Bieri sind als Großmutter und Enkel jetzt in einer der wohl engsten Beziehungen, die es geben kann, wenn es darum geht, weiterzugeben, was die Kunst des Lebens ausmacht. Da setzt sich menschliche Nähe gegen aufgepoppte Kälte neuer Puppen eines kalten Kunstbetriebes durch.

Eine Teamleistung

Ich bin mir sicher, Regisseur Sebastian Ritschel hat in diesem doch eher kraft der leisen Töne ansprechenden Musical die Herzen des Premierenpublikums erreicht. Das hat er gemeinsam mit dem großen, tollen Ensemble der Landesbühnen und ihren Gästen. Hier müssen auf jeden Fall die Verantwortlichen der Werkstätten und Technik genannt sein: prachtvolle Kostüme, exzellente Licht- und Tontechnik. Begeisterter Applaus, keine Tupfer, volle Zustimmung.

Zur Aufführung "Sunday in the Park with George"
Musical von Stephen Sondheim
Musik und Gesangstexte, Buch von James Lapine

Landesbühnen Sachsen Theater Radebeul
Erstaufführung der Deutschen Fassung von Robin Kulisch

Musikalische Leitung: Hans-Peter Preu
Inszenierung, Ausstattung, Licht: Sebastian Ritschel

Weitere Aufführungen am 6. und 13. Oktober, 3. und 23. November und 13. Dezember.

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Zuletzt aktualisiert: 29. September 2019, 16:33 Uhr