Johann Sebastian Bach, Elvis Presley in Hüftschwung-Pose, Ludwig van Beethoven
Johann Sebastian Bach, Elvis Presley oder Ludwig van Beethoven (v.l.n.r.) - sie alle haben natürlich auch im Buch "Musik – Ein Streifzug durch 12 Jahrhunderte" ihren Platz. Bildrechte: IMAGO

Sachbuchempfehlung Musikwissen von Klassik bis Techno

Was verbirgt sich hinter dem Mythos Beethoven, und wie wurde der Lkw-Fahrer Elvis Presley zum "King of Pop“? Die musikalischen Streifzüge reichen von Bach bis zu John Cage und Miles Davis, vom Minnesang bis zu Techno und House. Das Buch "Musik – Ein Streifzug durch 12 Jahrhunderte" spannt einen großen thematischen Bogen, aber schafft es immer wieder, dem Leser praktisches Wissen mitzugeben.

von Uwe Friedrich, MDR KULTUR-Kritiker

Johann Sebastian Bach, Elvis Presley in Hüftschwung-Pose, Ludwig van Beethoven
Johann Sebastian Bach, Elvis Presley oder Ludwig van Beethoven (v.l.n.r.) - sie alle haben natürlich auch im Buch "Musik – Ein Streifzug durch 12 Jahrhunderte" ihren Platz. Bildrechte: IMAGO

In diesem Buch kann man sich festlesen wie einst in einem Konversationslexikon, falls sich noch irgendjemand erinnert, was das ist. Wikipedia in gedruckt, sozusagen. Nur mal kurz einen Begriff nachschlagen, sagen wir mal "Kompositionen von bisher nicht gekannter Pracht – Das Ereignis Notre Dame", diese Musik läuft gerade im Hintergrund, und man hat etwas über Perotin und die Modalnotation gelernt – da blättert man auch schon zurück zur Doppelseite über Neumennotation. Die wurde in Paris nämlich von einer moderneren Schreibart abgelöst.

Beginn der Musikwissenschaften

Von Orpheus bis Hip-Hop. Musik - Ein Streifzug durch 12 Jahrhunderte
Bildrechte: Bärenreiter-Verlag, Henschel Verlag

Die Neumennotation steht wiederum fast am Anfang dieser ebenso informativen wie unterhaltsamen "Streifzüge durch die Musik", weil mit ihr vor 1.200 Jahren die aufgeschriebene Musik begann. Das ist zwar nicht der Anfang der Musikgeschichte, musiziert wurde natürlich schon viele tausend Jahre früher, aber hier beginnt die Musikaufzeichnung, durch die Musik ein Objekt der Wissenschaft wurde.

Man kann diesen "Streifzug durch die Musikgeschichte" der Herausgeber Tobias Bleek und Ulrich Mosch von Anfang bis Ende chronologisch durchlesen, muss man aber nicht. Viel mehr Spaß macht es nämlich, einfach nach Lust und Laune zu blättern und festzustellen: Von grafischer Notation habe ich ja gar keine Ahnung, was soll der Quatsch? Um dann auf einer Doppelseite zu erfahren, dass diese Komponisten auf ihrer Suche nach neuen Wegen der Notation vielleicht doch nicht so blöd waren, sondern vielmehr wie ihre mittelalterlichen Kollegen den besten Weg suchten, ihre Ideen festzuhalten.

Gemacht für interessierte Laien

Hip Hop, House und Techno gehören ebenso zur Musik, die uns umgibt, wie das vom Gewandhausorchester gepflegte Kernrepertoire, und deshalb bekommen sie wie Bach, Wagner oder Stummfilmmusik jeweils eine Doppelseite eingeräumt. Das ist nämlich der Platz, mit dem sich jeder Autor für sein Thema bescheiden muss, außerdem sollte möglichst wenig Musikwissenschaftlerfachsprache verwendet werden. Das funktioniert überraschend gut.

Opernliebhaber werden zwar einwenden, dass Wagners Gesamtkunstwerke arg verkürzt dargestellt werden oder dass Bellini gar nicht erwähnt wird, wer Kammermusik liebt, findet Streichquartette unterrepräsentiert. Aber an Spezialisten wendet sich das Buch auch gar nicht, sondern an den interessierten Laien. Die Artikel sind knapp, dicht und im besten Sinne musikjournalistisch verfasst. Wer sich hier vor dem Konzert- oder Opernbesuch schlau macht, wird sich beim Smalltalk sicher nicht blamieren und kann den einen oder anderen Blender mit seinem neuen Wissen enttarnen.

Schallpatten und analoger Synthesizer.
In dem Buch geht es um Musikwissenschaften und musikalische Epochen. Bildrechte: IMAGO

Breites Themenspektrum

Je näher diese Streifzüge durch zwölf Jahrhunderte Musikgeschichte der Gegenwart kommen, umso mehr Themen finden Aufnahme, um so breiter wird das Feld. Das liegt an den persönlichen Vorlieben der Herausgeber Tobias Bleek und Ulrich Mosch, die bei den Themen des 20. und 21. Jahrhunderts auch vermehrt als Autoren vertreten sind. Andere Autoren hätten den Schwerpunkt wahrscheinlich auf das 19. Jahrhundert gelegt, das unseren klassischen Konzertbetrieb noch immer dominiert.

Und doch ist diese Gewichtung sinnvoll. Schließlich besteht bei Mikrotonalität und Raummusik mehr Erklärungsbedarf als beim romantischen Klavierkonzert, außerdem kann es gar nicht schaden, wenn das musikgeschichtlich interessierte Publikum auch etwas über die Musik der türkischstämmigen Minderheit in Deutschland oder Fusion-Jazz erfährt. Darüber hinaus ist dieser Band auch ein sehr schön gestaltetes Bilderbuch, ansprechend gesetzt, übersichtlich gestaltet. Ein Buch zum Blättern und Lernen, zum Schmökern und klüger werden.

Infos zum Buch Tobias Bleek und Ulrich Mosch: Musik - Ein Streifzug durch 12 Jahrhunderte
416 Seiten
Henschel Verlag
34,95 EUR
ISBN: 978-3-89487-933-4

Auch interessant

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. Oktober 2018 | 10:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Oktober 2018, 04:00 Uhr

Mehr Sachbücher