Kind mit Geige
Kinder profitieren nur vom Musikunterricht, wen sie ihn selbst wollen – meint Neurowissenschaftlerin Daniela Sammler Bildrechte: Colourbox.de

Wissenschaft Musikunterricht macht das Gehirn flexibler

Die Neurowissenschaftlerin Daniela Sammer erforscht die Wirkung von Musik auf unser Gehirn. Positive Effekte für räumliches Denken, Koordination und Motorik sind ebenso nachgewiesen, wie enge Zusammenhänge zwischen der Musik und dem Erlernen von Sprache. MDR KULTUR-Autorin Felicitas Förster hat die Wissenschaftlerin am Max-Planck-Institut in Leipzig interviewt.

Kind mit Geige
Kinder profitieren nur vom Musikunterricht, wen sie ihn selbst wollen – meint Neurowissenschaftlerin Daniela Sammler Bildrechte: Colourbox.de

MDR KULTUR: Unterscheiden sich die Gehirne von Musikern und Nicht-Musikern?

Dr. Daniela Sammler: Die Gehirne von Musikern sind schon ziemlich unterschiedlich von denen von Nicht-Musikern. Natürlich durch das Musizieren. Durch das tägliche Üben verstärken sich motorische und auditorische Zentren. Die Verbindungsbahnen im Gehirn werden besser vernetzt, und das kann man sichtbar machen im Magnetresonanztomografen, im EEG, mit verschiedenen Methoden. Tatsächlich ist es so, dass Musiker mehr graue Substanz haben, teilweise aber auch mehr weiße Substanz.

Was bewirkt das? Können Musiker flexibler denken?

Zum Beispiel können Klavierspieler die beiden Hände sehr viel besser miteinander abstimmen. Das sind die grundlegenden Dinge, die passieren. Sie können vielleicht visuelle Informationen mit auditorischer Information besser verknüpfen, weil sie das auch ständig üben. Sie müssen die Noten lesen und das in Töne übersetzen und auch motorisch übersetzen. Das heißt, diese Hirnregion müssen sehr viel stärker, vielleicht auch präziser miteinander kommunizieren. Und das hat einen Effekt auf die weiße Substanz und vielleicht auch im Alltag entsprechend auf andere Funktionen. Das Gehirn wird flexibel dadurch.

Musik stellt ja sehr präzise Anforderungen an das Gehirn: Kinder oder auch Erwachsene, die einen ganz bestimmten Takt halten müssen, zu einer ganz bestimmten Zeit, möglichst auf die Millisekunde genau. Die meisten schaffen das nicht so. Man muss schon sehr viel üben, den Ton zu treffen oder auch den Ton in ganz bestimmter Tonhöhe zu treffen, wenn man singt zum Beispiel oder Geige spielt, wo man das entsprechend mit den Fingern justiert. [...] Diese Wiederholung hat Effekte, ähnlich wie beim Sport.

Gilt das auch fürs Hören von Musik?

Wenn wir Musik hören, die uns gefällt, hat das natürlich einen Effekt auf unser emotionales Befinden. Man kann Emotionen steuern, man kann positive Emotionen hervorrufen oder negative Emotionen verscheuchen. Das kann unter Umständen auch Effekte haben auf die Leistungsfähigkeit. Sie haben bestimmt schon vom Mozart-Effekt gehört. In den Achtzigerjahren wurde beobachtet, dass Kinder, die Mozarts Musik hören, besser Mathematikaufgaben lösen können. Das hat mächtig eingeschlagen. Dieser Befund wurde aber später relativiert: Es liegt nicht an Mozart, sondern jegliche Form von Musik, die positive Emotionen hervorruft, kann unter Umständen leistungssteigernd wirken. Es hat auch nichts mit der Struktur der Musik zu tun, ob das besonders rhythmische oder mathematisch konstruierte Musik ist. Was damals gefunden wurde, war einfach ein Emotions-Effekt. Die Kinder fanden das sehr viel spannender bei Musik Matheaufgaben zu lösen, als in der Stille.

Junge sitzt lesend in einer Bibliothek
Musik löst positive Emotionen aus – die beim Lernen förderlich sein können. Bildrechte: Colourbox.de

Wer musikalisch ist, kann auch gut rechnen. Ist da was dran?

Musik ist sehr mathematisch. Manche behaupten auch, dass die Mathematik in eine gewisse Grammatik hat. Punktrechnung geht vor Strichrechnung – es gibt gewisse Regeln, die einzuhalten sind. [...] Inwiefern das wirklich neuronal implementiert ist, steht noch zur Debatte und dazu wird gerade geforscht. [...] Was nahe an Mathematik ist, ist das räumliche Denken. Musiker können sich besser räumlich orientieren oder sich Dinge vorstellen. Beispiel Melodieführung: Das Hoch und Runter der Melodie hat unter Umständen mit räumlicher Vorstellungen zu tun.

Kinderhände am Klavier 5 min
Bildrechte: colourbox.com

Ihr Fachgebiet sind vor allem die Schnittstellen zwischen Sprache und Musik. Wenn ich musikalisch bin, lerne ich Sprachen besser?

Das ist eine Annahme, die sich in Teilen anfängt zu bestätigen. Nehmen Sie zum Beispiel Kinder, die ein Cochlea-Implantat haben. Das ist eine Hörprothese, die implantiert wird und direkt elektronische Signale auf den Hörnerv sendet. Wenn man diese Kinder Instrumente lernen lässt oder auch singen lehrt, hat man zeigen können, dass diese Kinder Sprache besser erwerben, als Kinder mit Hörimplantaten, die das nicht tun. [...] Musik und Sprache funktionieren beide über den auditorischen Kanal. Da ist die Schnittstelle. Musik und Sprache sind auch beide untergliedert in Abschnitte. Wenn wir sprechen oder singen, geht uns irgendwann die Luft aus und wir müssen eine Pause machen. Diese Phrasen strukturieren und das hilft auch, um Satzenden zu erkennen. Sowohl Sprache als auch Musik haben Rhythmus, im Deutschen zum Beispiel wird sehr häufig die erste Silbe betont. Das hilft Kindern, Sprache zu erkennen.

Wer profitiert vom Unterricht an der Musikschule? Sollten nur talentierte Kinder Musikunterricht bekommen?

Ich glaube, dass Kinder nur dann Musikunterricht auch machen sollten, wenn sie das selber wollen. Ich glaube, es macht keinen Sinn, ein Kind zu zwingen, Musik zu machen. Es ist auch so, dass auch Sport und Schach spielen, Bücher lesen, Fremdsprachen lernen, das Gehirn stimuliert und dann auch positive Effekte auf die Hirnentwicklung nimmt und unter Umständen auch Transfereffekte auf Alltagsfähigkeiten hat. Ich würde sagen, wenn das Kind keine Musik machen möchte, muss es das auch nicht tun. Andererseits finde ich aber, dass Musik ein wunderbarer Stimulus ist, der eben schöne Anforderungen ans Gehirn stellt und dabei noch positive Emotionen hervorrufen kann und auch sehr sozial ist. Meist macht man Musik im Chor, im Orchester, in einer kleinen Band und nicht alleine. Das schult natürlich auch soziale Kompetenzen.

Das Interview führte Felicitas Förster.

Holzbläser und Holzbläserinnen des Jugendsinfonieorchesters Leipzig proben mit Stefan Pantzier vom MDR-Sinfonieorchester 5 min
Bildrechte: MDR/Tom Schulze

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR Spezial | 26. September 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. September 2019, 20:25 Uhr

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