Kopfhörer hängen vor einem Smartphone, auf dem das Logo vom Musik-Streaming-Dienst Spotify angezeigt wird.
Bei Musikstreamingdiensten wie Spotify sind vor allem bekannte Klassikwerke wie die "Vier Jahreszeiten" gefragt. Bildrechte: dpa

Musikstreaming Spotify und Co.: Wie gut läuft klassische Musik im Streaming?

Musikstreaming erfreut sich zunehmender Beliebtheit: Ob über Videoplattformen wie YouTube oder Vimeo oder über reine Audiodienste wie Spotify oder Apple Music. Immer mehr Menschen hören ihre Musik direkt übers Internet – das ist ein Trend, von dem besonders die klassische Musik profitieren könnte. Immerhin sind rund 30 Prozent der Klassik-Hörer unter 30 Jahre alt, wie eine neue Studie belegt, durchgeführt vom Analyseunternehmen MIDIa Research und beauftragt vom Streaming-Dienst Idagio. Wie verändert das digitale Streaming nun den Klassik-Markt?

von Felicitas Förster, MDR KULTUR

Kopfhörer hängen vor einem Smartphone, auf dem das Logo vom Musik-Streaming-Dienst Spotify angezeigt wird.
Bei Musikstreamingdiensten wie Spotify sind vor allem bekannte Klassikwerke wie die "Vier Jahreszeiten" gefragt. Bildrechte: dpa

Eine CD ins Fach legen, den Play-Button drücken - Den meisten kommen dabei noch keine nostalgischen Gefühle, auch nicht Holger Busse, Geschäftsführer des Leipziger Klassik-Labels "Genuin". Die Verkaufszahlen seien in den letzten Jahren stetig gesunken, wenn auch nur sehr leicht, sagt er. "Wir haben uns selbst gewundert, dass es sehr stabil weitergeht, dass es immer noch sehr viele gibt, die CDs kaufen. Gleichzeitig nimmt der gesamte Online-Bereich stark zu. Wir hatten bei uns teilweise Wachstumsraten von 20 Prozent." Holger Busse zeichnet mit dem Finger eine Kurve auf den Tisch. Sie zeigt steil nach oben.

Andere Ansprüche bei Klassik-Hörern

Dieser Trend ist im gesamten deutschen Musikmarkt zu spüren, erklärt Florian Drücke, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Musikindustrie: "Wenn man jetzt auf die Klassik schaut, kann man feststellen, dass dort der Streaming-Anteil vergleichsweise gering gestartet ist, dass der Appetit der Klassik-Fans hin zum Streaming langsamer gewachsen ist, aber mittlerweile eine relevante Größe geworden ist." Das heißt in konkreten Zahlen: 2012, als andere Musiksparten im Streaming schon voll durchgestartet waren, lag der Anteil im Klassik-Umsatz bei gerade einmal drei Prozent, sechs Jahre später schon bei 12 Prozent. Tendenz im ersten Halbjahr 2019: Weiter steigend.

Florian Drücke denkt, der langsame Anstieg im Klassik-Bereich hat damit zu tun, dass auch die Musikstreaming-Anbieter erst lernen mussten, bestimmte Zielgruppen abzuholen, in diesem Fall die Klassik-Hörer. Denn diese hätten spezielle Vorlieben, so Dücke. Sei es eine besonders lange Titelanzeige mit vollständiger Werksbezeichnung, eine hohe Soundqualität oder auch besondere Ansprüche an die Suchfunktion. "Ein Klassik-Fan, der verschiedene Einspielungen vergleichen will, der sich vielleicht wirklich dafür interessiert, wie ein anderes Orchester oder ein anderer Violinist ein bestimmtes Stück, das er sucht, eingespielt hat, der sollte das dann auch finden."

Anbieter speziell für Klassik-Fans: Grammofy und Idagio

Mittlerweile gibt es eine Vielfalt an Streaming-Diensten, mit unterschiedlichen musikalischen Schwerpunkten und Kostenmodellen. Manche orientieren sich speziell an den Bedürfnissen von Klassik-Fans, zum Beispiel Grammofy oder Idagio. Diese Dienste zielen auf diejenigen ab, die sowieso schon Klassik mögen. Aber durch das Streaming könnten auch neue Hörer gewonnen werden, meint Florian Drücke. Das sei ein ähnlicher Effekt, den man vielleicht noch aus dem Plattenladen kenne: "Dass, wenn man dann schon mal in der entsprechenden Ecke ist, man dann weiter stöbert."

Holger Busse vom Label "Genuin" freut die gewachsene Hörerschaft. Dennoch wird er etwas melancholisch, wenn er über die neuen Zeiten spricht. Denn die meisten Streaming-Nutzer hören anders: Stimmungsabhängig, weniger exquisit, oberflächlicher, meint er: "Beim Streaming sind es ganz viel bekannte Werke. Wir haben jetzt die 'Vier Jahreszeiten' aufgenommen und veröffentlicht. Das ist ja eigentlich für den CD-Markt extrem uninteressant. Bei Spotify war das unser Beststeller in dem Jahr."

Angst vor Pleite durch weniger CD-Verkäufe verschwunden

Dass der Labelchef so entspannt über das Streaming-Geschäft spricht, ist nicht selbstverständlich. Man muss nur auf die Preise schauen. Für ein Album auf CD bezahlt man um die 15 Euro. Im Stream hingegen wenige Cent. "Das hat uns am Anfang große Sorgen bereitet", so Busse, "weil wir dachten, das bricht alles weg und die Musikindustrie kann im Grunde dicht machen. Wenn Spotify groß wird, können wir alle unsere Türen schließen und nach Hause gehen. Aber es ist anders gekommen, weil es jetzt einfach unglaublich viele Kunden gibt, unglaublich viele Menschen, die auch nebenbei Klassik hören und die alle finanzieren das im Grunde mit. Und so gesehen sehe ich das jetzt sehr optimistisch."

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Juli 2019 | 10:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Juli 2019, 04:00 Uhr

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