Jahresrückblick Musik-Trends 2019: Kunst statt Kommerz

Iggy Pop, Chrissie Hynde und The Divine Comedy haben gemeinsam, dass sie 2019 musikalisch extrem experimentierfreudig waren. Aber auch The National und die Queens of the Stoneage haben neues gewagt. Ein Grund dafür: Die Bedeutung von verkauften Alben fällt hinter Dienste wie Spotify & Co zurück – während die Platte zur Spielwiese wird. In seinem Jahresrückblick stellt MDR KULTUR-Musikexperte Marcel Anders fest, dass genau das einer der Trends im Jahr war 2019: Kunst statt Kommerz.

Bei einem Konzert in Sydney 2019 trägt Musiker Iggy Pop eine Lederjacke mit Leoparden-Muster über dem nackten Oberkörper.
Iggy Pop kann auch anders – und damit ist nicht seine Jacke gemeint. Bildrechte: imago images/AAP

Die Musikindustrie ist im permanenten Wandel. Aktuell sind die Umsätze für das Streaming einzelner Stücke zwar stark gewachsen, die Verkäufe von klassischen Alben aber weiter geschrumpft. Was bei immer mehr Künstlern die Frage aufwirft, warum sie sich den Stress einer aufwendigen Studio-Produktion überhaupt noch antun – beziehungsweise nicht gleich auf Klangkunst setzen.

Ich wollte etwas machen, das komplett aus dem Rahmen fällt. Einfach, weil ich mir das leisten kann. Denn mein letztes Album hat dafür gesorgt, dass ich endgültig ausgesorgt habe. Ich meine, mir ging es schon vorher gut, doch dank des Erfolgs kann ich nun tun und lassen, was ich will. Wem das nicht passt, der kann mich mal.

Iggy Pop, Musiker

Chrissie Hynde, Divine Comedy & The National sind dabei

Bei einem Konzert in Berlin 2019 wird der Sänger von The National Matter Berninger Pink angeleuchtet.
Matt Berninger ist Sänger von The National. Bildrechte: imago images/AAP

Iggy Pop versucht sich an Jazz und Avantgarde, Chrissie Hynde an Lounge-Klängen und The Divine Comedy legen ein spleeniges Konzeptalbum über die Automatisierung der modernen Arbeitswelt vor. Andere Künstler servieren sogar regelrechte Multimedia-Kunstwerke. So ist "Engine Of Paradise" von Adam Green eine Kombination aus Album und Comicbuch. Die "Drift Series Vol. 1" von Underworld vereint das Beste ihrer Internet-Auftritte und "I'm Easy To Find" von The National ist eine Kooperation mit Regisseur Mike Mills. Der entwickelte nicht nur Bilder zur Musik der Band, er editierte auch Songs. Für Sänger Matt Berninger war das ein Experiment.

Uns ging es darum, erstmals eine externe kreative Stimme einzubringen, die das Projekt leitet – und dafür sorgt, dass es diesmal etwas ganz anderes wird. Denn dieses Album kam allein durch Mike zustande: Er hat sich Songskizzen angehört, die ich ihm geschickt habe. Dann hat er sie zerlegt und daraus neue, größere Ideen entwickelt.

Matt Berninger, The National

Klangkunst und Selbstverwirklichung ohne Kommerz

Einigen Musikern ist ihre Selbstverwirklichung so wichtig, dass sie dafür finanzielle Verluste in Kauf nehmen. Wie der Exzentriker Yann Tiersen. Für sein Album "Portrait" ließ der Komponist des "Amelie"-Soundtracks eine ganze Armada an Gastmusikern auf die französische Kanalinsel Ouessant fliegen. Und Josh Homme von Queens Of The Stone Age bestand für die "Desert Sessions" auf ein derart aufwendiges Artwork, dass er bei jedem verkauften Exemplar draufzahlt: "Wir bieten das Vinyl für 30 Dollar an, aber es kostet allein 27 Dollar in der Herstellung. Einfach, weil da die Pferde mit mir durchgegangen sind. Ich bin nach dem Motto vorgegangen: 'Was würde ich mir selbst kaufen?'"

Die Pet Shop Boys sind zwiegespalten

Pet Shop Boys
Neil Tennant (rechts) von den Pet Shop Boys erklärt, dass Iggy Pop und Chrissie Hynde ihrem Publikum nichts mehr beweisen müssen. Bildrechte: IMAGO

Diese Herangehensweise dürfte sich 2020 fortsetzen – weil Musiker ihr Geld mittlerweile ausschließlich auf Tourneen verdienen. Alben dagegen werfen kaum noch Profit ab, sind aber eine willkommene Plattform zum kreativen Austoben und Spaßhaben. Pet Shop Boy Neil Tennant ist zwiegespalten: "Das ist die Situation – und wir müssen damit klarkommen, dass wir immer weniger Alben umsetzen. Iggy Pop und Chrissie Hynde nutzen das, um einfach mal etwas anderes machen, was ich sehr bewundere". Das sich gestandene Künstler lang gehegte Herzenswünsche erfüllen, ist für Tennant das einzig Positive an einer ansonsten eher traurigen Entwicklung. Anfang 2020 legen die Pet Shop Boys ihr neues Album "Hotspot" vor. Dann wird sich zeigen, wie sie mit dem Trend zu mehr Kunst umgehen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. Dezember 2019 | 18:05 Uhr

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