Interview Duo aus Dresden: Ätna geben virtuelles Konzert in Computerspiel-Qualität

Die Corona-Pandemie reißt aktuell eine große Lücke ins Kulturleben. Dort hinein, wo sonst das gemeinsame Erlebnis steht: der Künstler auf der Bühne, das Publikum davor, die Resonanz. Aber gerade in der Kultur entsteht jetzt auch eine Menge Neues: Das Dresdner Duo Ätna gibt am Donnerstagabend ein ganz besonderes Konzert. MDR KULTUR spricht darüber mit Schlagzeuger Demian Kappenstein.

MDR KULTUR: Bei Ihnen beiden könnte es aktuell nicht besser laufen: Im Februar 2020 ist Ihr Debütalbum "Made by Desire" erschienen, im Herbst haben Sie beim Hamburger Reeperbahnfestival den Anker-Award gewonnen – das bedeutet internationale Anerkennung. Eigentlich würde man jetzt durch kleine Clubs und die halbe Welt touren. Stattdessen haben Sie in den letzten Wochen andere Dinge gemacht – was genau?

Inéz Schaefer und Demian Kappenstein vom Duo Ätna. 7 min
Bildrechte: Ätna/MfK – Concerts, Consulting & Management

Demian Kappenstein: Zum einen nutzen wir die Zeit, um kreativ zu sein. Wir haben Material für ein neues Album geschrieben und angefangen aufzunehmen und herum zu probieren. Und dann haben wir uns auch viel damit beschäftigt: Wie können wir die Leute erreichen mit dem, was wir aktuell an Musik machen – und anders, als dass man einfach die Alben streamt? Da haben wir mit Bekannten aus Berlin zusammengearbeitet von den Granola Studios, die an Möglichkeiten arbeiten, um im digitalen Raum live und sozusagen als Spielfiguren aufzutreten. Auch die Zuschauer können sich als Spielcharaktere dazu setzen, sodass man sich wirklich in einem virtuellen Raum treffen und gemeinsam Musik erfahren kann.

Am Donnerstagabend ist es soweit, da spielt Ätna dieses digitale Konzert. Was für eine Plattform ist das, wie genau können wir uns das vorstellen?

Die Zuschauerinnen und Zuschauer haben die Möglichkeit, sich eine App herunterzuladen und können sich in dieser App ihre eigene Spielfigur gestalten. Also entweder wie sehe ich mich oder was kommt mir am nächsten, wie bei den Messenger-Diensten, wo man sich einen eigenen Avatar nach Auswahlmöglichkeiten gestaltet. Mit dieser Figur kann man sich auf dem Konzertplaneten umherbewegen. Man kann den Planeten entdecken, man kann mit den anderen Mitspielern chatten und ins Gespräch kommen. Dann gibt es uns als überlebensgroße Konzertriesen, die von den Spielerinnen und Spielern erflogen, von hinten und von vorne – von allen Seiten sozusagen – begutachtet werden können. Wir können auch das Publikum fragen: Wie wollt ihr die Setlist beeinflussen, hättet ihr eher in die oder in die Richtung Lust? Man kann mit Spielgesten, wie mit Euphorie, die man mit seiner Spielfigur zeigt, ins Konzertgeschehen live eingreifen.

Das heißt, es kommt auch ein bisschen was von der Konzertresonanz vom Publikum bei Ihnen an. Aber Sie können ja nicht gleichzeitig eine Spielfigur steuern und ein Konzert geben. Wie kommen Sie in die virtuelle Umgebung, wie machen Sie das?

Inéz Schaefer vom Duo Ätna.
Inéz Schaefer vom Duo Ätna. Bildrechte: Ätna/MfK – Concerts, Consulting & Management

Wir werden mit Anzügen ausgerüstet, die unseren Körper erfassen. Unsere Mimik und wie wir aussehen, ist vorher gescannt und digitalisiert worden. Wir haben vor dem Gesicht eine Kamera hängen, die die Mimik erfasst und auf unseren Avatar übersetzt. Wir sehen um uns herum Bildschirme, die quasi die Welt, in der wir uns dort befinden, zeigen, sodass wir das Publikum und diese Chatverläufe sehen können. Zwischen den Stücken können wir dann darauf eingehen.

Sie haben das in Proben schon ausprobiert. Wie hat sich das angefühlt. Wenn Sie das mit einem normalen Konzert vergleichen?

Also es ist kein Vergleich – weder zu einem normalen Konzert noch zu den teilweise eher faden Live-Aufnahmen, die sonst bei Youtube oder so zu sehen sind. Die sind auch nicht anders, als eine CD abzuspielen oder sich ein Video aus den 90ern anzuschauen. In diesem Spiel merken wir und auch die anderen, die mitgespielt haben, dass wir das jetzt alle miteinander in dieser Sekunde gestalten. Irgendwie erinnert das an ein Live-Konzert, auch wenn es an gemeinsame Computerspielnachmittage in der Jugend erinnert. Das ist wirklich was anderes.

Inéz Schaefer und Demian Kappenstein vom Duo Ätna beim Einspielen ihres virtuellen Konzertes.
Inéz Schaefer und Demian Kappenstein vom Duo Ätna bei den Proben zu ihrem virtuellen Konzert. Bildrechte: Ätna/MfK – Concerts, Consulting & Management

Wollen wir zum Abschluss nochmal einen Blick in die Glaskugel werfen: Denken Sie, dass solche Konzepte überdauern werden? Wird es solche Konzerte auch dann noch geben, wenn man dann wieder live in einen Club gehen kann oder ist dieses Virtuelle jetzt eigentlich nur eine Ersatzdroge?

Ich glaube, wenn wir den Status der Ersatzdroge verlassen könnten, also daraus eine eigene Disziplin schaffen, die einem etwas anderes bietet, das nicht in Konkurrenz steht, dann ist das auf jeden Fall zukunftsträchtig. Zum Beispiel: Wenn man in anderen Ländern Fans hat und nicht nur in Deutschland. Die können wir auf einen Schlag miteinander zusammenführen. Diese Spielwelt können wir auch selbst gestalten, wir können sagen, den einen Song sind wir im Schnee und im anderen Song gibt es Stürme und dann wird es sehr weltraummäßg – was auch immer einem in den Sinn  kommt. Das kann inhaltlich zu den Stücken so passen, wie kaum ein Bühnenbild das im Live-Konzert schaffen könnte. Dann ist es glaube ich schon a) was anderes und b) auch eine lohnenswerte Ergänzung zu einem normalen Konzert.

Das Interview führte Moderatorin Ellen Schweda für MDR KULTUR.

Informationen zum virtuellen Konzert von Ätna Wann?
28. Januar 2021
Virtueller Einlass: 19:30
Konzertbeginn: 20:00

Wo und wie?
Per App "YABAL"

Wieviel?
Kosten: 7 Euro

Mehr über Konzerte in Corona-Zeiten lesen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. Januar 2021 | 17:10 Uhr

Abonnieren

Kultur

Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei