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Oper am Deutschen Nationaltheater"Aida" in Weimar: ein Lehrstück über Kolonialismus

von Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur

Stand: 29. Oktober 2021, 04:00 Uhr

Am Deutschen Nationaltheater Weimar hat am Samstag Giuseppe Verdis Oper "Aida" Premiere. Mit der Inszenierung hinterfragt Regisseurin Andrea Moses das neu eröffnete Humboldt Forum in Berlin als Schloss und Museum. Muss der Bau in der Mitte der Hauptstadt aus ethisch-moralischen Gründen wieder abgerissen werden? Oder sich zumindest ganz anders präsentieren?

"Alle Diskurse, die unsere Gesellschaft derzeit beschäftigen und schütteln, lassen sich mit der Oper 'Aida' unglaublich gut verbinden", erklärt Andrea Moses, die neue Operndirektorin am Deutschen Nationaltheater Weimar, im Interview mit MDR KULTUR. Und bringt dort eine Inszenierung des Verdi-Klassikers auf die Bühne, die es in sich hat. Es ist ein Lehrstück über den Kolonialismus. Damals und heute.

Humboldt Forum als Referenzgröße für Aida

Moses setzt ihre "Aida" in ein Bühnenbild, das offenkundig das ethnologische Museum im neueröffneten Humboldt-Forum in Berlin bedeutet. Dieser Museumsraum sei für sie die "Referenzgröße", wenn sie über "Aida" nachdenke, "weil er in einer Art Schizophrenie oder mehrfachen Verblendung das christliche Kreuz auf dem Dach transportiert und damit eigentlich den Vorgang der Kolonialisierung nach vorne verlängert bis in die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder hinein." Wie meint sie das?

Eine Antwort gibt ein Blick auf drei koloniale Gesten, die im Zusammenspiel ein ganzes Bild ergeben: Es ist erstens ein Blick auf die Entstehungsgeschichte der Oper, zweitens ein Blick in die Kolonialzeit des Deutschen Kaiserreichs, und drittens ein Blick auf den Wiederaufbau des Berliner Schlosses nach der Wende. Aber der Reihe nach.

"Aida" in Weimar: Informationen für Ihren Besuch in der Oper

"Aida", Oper von Giuseppe Verdi
Deutsches Nationaltheater Weimar, Staatskapelle Weimar
Regie: Andrea Moses, Musikalische Leitung: Dominik Beykirch

Premiere: Samstag, 30. Oktober 2021, 19:30 Uhr

Weitere Termine:
Donnerstag, 4. November 2021, 19:30 Uhr
Samstag, 27. November 2021, 19:30 Uhr
Donnerstag, 9. Dezember 2021, 19:30 Uhr
Donnerstag, 23. Dezember 2021, 19:30 Uhr
Dienstag, 28. Dezember 2021, 19:30 Uhr
Samstag, 15. Januar 2022, 19:30 Uhr
Sonntag, 6. Februar 2022, 18:00 Uhr
Donnerstag, 24. März 2022, 19:30 Uhr

Die koloniale Geste in der "Aida"

1871, ausgerechnet am Heiligen Abend – mithin vor exakt 150 Jahren, wurde "Aida" in Kairo uraufgeführt. Eigentlich sollte es schon früher sein, zur Eröffnung des Suezkanals. Der wird am 17. November 1869 eröffnet. Aber durch den deutsch-französischen Krieg gibt es Verzögerungen. Auch Verdi ist nicht gleich Feuer und Flamme. Jedenfalls ist der Bau des Suezkanals erstmal eine Großtat, die auch groß gefeiert werden soll. Als kulturelles Beiprogramm wird in Kairo ein königliches Opernhaus gebaut.

Und der ägyptische König setzt alles daran, einen der besten Komponisten für eine Uraufführung zu engagieren. Verdi ist die erste Wahl. Der lehnt aber zunächst ab. Doch der König bleibt hartnäckig. Es ist Ismail Pascha, der Herrscher über die osmanische Provinz Ägypten. Ägypten ist also besetzt und kein autonomer Staat. Ismail Pascha, der 1830 in Kairo zur Welt kommt, geht 14-jährig zur Ausbildung nach Paris, nach Europa.

Poster Für Verdis "Aida", aufgeführt von der Hippodrome Opera Company of Cleveland, Ohio 1908 Bildrechte: imago images / Photo12

Zurückgekehrt an den Nil, ist ihm Europa fortan das große Vorbild. Deswegen ist er bereit, viel Geld zu investieren. Am Ende sind es 150.000 Goldfranken, ein absolutes Spitzenhonorar, das Verdi zusagen lässt, eine Oper für Kairo zu komponieren. Dafür soll es dann aber auch eine Oper im "ausschließlich ägyptischen Stil" sein. Der Opernentwurf des französischen Ägyptologen Auguste Mariette kommt wie gelegen und gefällt Verdi.

Eine Inszenierung nach europäischem Vorbild

Dieser Entwurf wird nun vom Italiener Antonio Ghislanzoni zu einem Libretto umgearbeitet. Kostüme und Bühnenbild werden parallel zu Verdis Arbeit an der Musik schon angefertigt – in Paris. Das Opernhaus wird nach den Plänen eines Architekten aus der Schweiz erbaut. Klar ist: Es sind Europäer, die in Ägypten für die Kultur zuständig sind und dann auch den Ägyptern ihre Antike quasi wieder neu erfinden.

Verdi, der Ägypten nie bereist hat, ist hier die zentrale Figur. Er zeichnet in einer imperialen Geste ein Bild der ägyptischen Antike, das bis heute in unseren Köpfen festsitzt. Da wirkt es fast nebensächlich, wenn in der Oper selbst, im Triumphmarsch, dann auch noch siegreiche Ägypter die "Schätze der Besiegten" – so steht es im Libretto – über die Bühne tragen.

Verdi-Illustration von Jean Baptiste Lavastre (1834-1891) Bildrechte: imago/Leemage

Die koloniale Geste im Deutschen Reich

1871, im gleichen Jahr wie die Uraufführung der "Aida", wurde auch das Deutsche Kaiserreich proklamiert. Es kommt damit erst spät zum Zuge, was Kolonialpolitik betrifft. Großbritannien, Frankreich, Amerika waren schneller unterwegs. In Afrika sind für Deutschland aber noch ein paar Kolonien möglich, auch in der Südsee gibt es ein paar übriggebliebene Inseln: "Mit der nunmehr vollendeten Aufteilung der Erde unter die zivilisierten Staaten Europas und Amerikas hat sich auch die wissenschaftliche Erforschung der Erde mehr und mehr nationalisiert." Nationalismus also als neue Mode in der Weltpolitik. So steht es in einem Buch, das 1907 herauskommt und das Leben des Südseeforschers Richard Parkinson beschreibt.

Der sieht die koloniale Sache durchaus kritisch. 20 Jahre zuvor, 1887, schreibt er schon zur "Arbeiterfrage im Südseearchipel": "Szenen haben sich damals in der Südsee abgespielt, die an Scheußlichkeit mit den Greuelszenen des früheren afrikanischen Sklavenhandels wetteifern." Klar, dass die einheimischen Arbeiter aufbegehren. Das Deutsche Kaiserreich reagiert mit "Strafexpeditionen", die der Reichskanzler Bismarck hochselbst anordnet.

Im Bismarck-Archipel von Richard Parkinson, erschienen im Verlag Leipzig, Brockhaus 1887 Bildrechte: Stefan Petraschewsky

Eine wird 1882 auf der Insel Luf durchgeführt. Zwei Kriegsschiffe der Kaiserlichen Marine schießen die sechs Dörfer der Insel sturmreif. Dann wird die Insel von Matrosen durchkämmt und kurzer Prozess gemacht. Neben den Dörfern werden Plantagen und 50 Boote zerstört; die Lebensgrundlage von mehr als 300 Einwohnern. Übrig bleiben gut 50 Einwohner. Nebenbei nehmen die Matrosen etwa 90 Gegenstände mit und übergeben sie dem Völkerkundemuseum in Berlin: eindeutig Beutekunst also.

Ca. 15 Jahre nach diesem kriegerischen Überfall ist noch ein letztes neues Boot gebaut, das heute im Humboldt Forum als eine Hauptattraktion ausgestellt ist. Über das hat der Historiker Götz Aly gerade ein Buch geschrieben – Titel: "Das Prachtboot". Die Erwerbsumstände sind nicht dokumentiert. Ist das Boot auch Beutekunst? Indem das Museum das Boot zeigt, habe es "seine größten Probleme im Moment", sagt Andrea Moses.

Léontine Meijer-van Mensch, die Direktorin der Völkerkundemuseen in Leipzig, Dresden und Herrnhut, vergleicht das Schiff mit den Benin-Bronzen. Sollte man diese Bronzen vor der Rückgabe noch einmal ausstellen? Meijer-van Mensch findet, dann würde man einen "Publikumsmagnet" schaffen und "letztendlich auch wieder diese kolonialen, asymmetrischen Machtverhältnisse weiterschreiben". Deswegen ist sie dafür, das Boot von der Insel Luf nicht mehr zu zeigen.

Die koloniale Geste im Hier und Heute

Proben für die Oper "Aida" am Deutschen Nationaltheater Weimar Bildrechte: MDR/Stefan Petraschewsky

Beides, die ethnologische Ausstellung mit dem Lufboot und die imperiale Geste Verdis mit seiner "Aida", sind für Andrea Moses zentrale Punkte für ihre Regiekonzeption in Weimar. Indem Verdi mit seiner "Aida" ein Altes Ägypten auf dem Theater präsentiert, macht er das Theater quasi zum Museum. Folgerichtig macht Moses nun das Museum zum Theater. Zum Bühnenbild und Handlungsort.

Das Humboldt Forum ist für sie die "Referenzgröße", wenn sie über "Aida" nachdenkt. Das ehemalige Völkerkundemuseum in Berlin darf seine Objekte in diesem Forum nun neu präsentieren. Was allerdings in altbackener Weise geschieht. Viel buntes Zeug in Schränken und Vitrinen. Kaum Hinweise auf die kolonialen Begleitumstände, sieht man von ein paar generellen Texten ab, die wie Absichtsbekundungen wirken. Konkrete Sachverhalte wären da angemessener.

Wo einst der Palast der Republik stand (hier eine Aufnahme von 2005), steht heute das Humboldt Forum. Bildrechte: dpa

Zur Eröffnung der Ausstellung im September 2021 erinnerte sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an Friedliche Revolution und Wiedervereinigung. Damals sei die Berliner Mitte erneut zum Kristallisationspunkt unserer Verortung als Nation avanciert: "Einer Nation, die nicht nur architektonisch auf der Suche war nach ihrer verlorenen Mitte". Nach langen Diskussionen wurde schließlich der Palast der Republik abgerissen und der Palast des Kaisers wieder aufgebaut.

Nun stehe es also hier, sagt Steinmeier: das Schloss, das Humboldt Forum. Es gehe um unsere Zukunft. Um Weltkulturen, die hier zu Hause sind und sein wollen, sagt Steinmeier: Trotzdem sei es nicht so, "dass eine steingewordene, kreuzgekrönte Reminiszenz an preußische Dominanz sich im wiedervereinigten demokratischen Deutschland von selbst erklärt." Erklärungsbedarf also.

War der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses ein Fehler?

War es am Ende keine ganz so gute Idee, das Schloss wieder aufzubauen und unter der Kuppel mit dem christlichen Kreuz Weltkultur auszustellen, die vor allem in der Zeit des Deutschen Kaiserreichs in quasi kolonialen Kreuzzügen gesammelt worden war? Was ist das heute für eine Botschaft, wenn das so gezeigt wird? Zurück zu alter Größe? Und warum wird im Humboldt Forum die Weltkultur ausgestellt, aber die eigene, deutsche beziehungsweise europäische Kultur woanders? Gehören wir nicht in dieser einen Welt dazu? Sind wir, mal wieder, was Besseres? Auferstanden aus Ruinen und der Vergangenheit zugewandt?!

Für Andrea Moses ist das Humboldt-Forum ein Bau, mit dem sie vor allem Krieg, Vernichtung, Tod, Leid, Geschichtskatastrophe und deutsche Großmannssucht verbindet: "Der Erste Weltkrieg wurde dort ausgerufen." Moses kritisiert, dass durch den Abriss und Wiederaufbau "sehr viel Geschichte vergessen, überschrieben und übertüncht" werde. Ihre "Aida" will diese Schichten freilegen und einen Diskurs befeuern, der dringend nötig ist.

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 29. Oktober 2021 | 18:40 Uhr