HiDDen: Verborgene Museumsschätze Weimar: Orgel-Tabulatur des jungen Johann Sebastian Bach

Johann Sebastian Bach ist erst 15 Jahre alt, als er in Lüneburg bei seinem damaligen Lehrer Georg Böhm die sogenannte norddeutsche Orgeltabulatur eigenhändig kopiert. Um 1700 ist diese Art, Musik aufzuschreiben, weit verbreitet. Bachs handschriftliche Notation wurde erst 2005 durch Zufall entdeckt und gilt heute als ganz besonderer Museumsschatz der Klassik Stiftung Weimar.

Orgeltabulatur 7 min
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In den Museen Mitteldeutschlands schlummern viele Objekte, die Besucher nur selten oder sogar nie zu sehen bekommen – etwa Johann Sebastian Bachs Orgel-Tabulatur im Depot der Klassik Stiftung Weimar.

Mo 28.12.2020 20:22Uhr 06:43 min

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Im Depot der Klassik Stiftung Weimar lagert eine kleine Kostbarkeit: eine über 300 Jahre alte Musikhandschrift aus der Feder von Johann Sebastian Bach. Wie Musikwissenschaftler Christian Märkl von der Klassikstiftung Weimar erklärt, habe der erst 15-jährige Bach die sogenannte Orgeltabulatur angefertigt, indem er ein für ihn anscheinend besonders interessantes Musikstück des Hamburger Komponisten Johann Adam Reincken kopiert habe.

Norddeutsche Notationsart

Hierbei handele es sich aber um eine besondere Art der Notation: denn anders als heute üblich, erfolgte die Abschrift nicht auf einem herkömmlichen Liniensystem. Bach habe die Tonbuchstaben hintereinander in Reihe notiert. Da die sogenannte norddeutsche Orgeltabulatur eine platzsparendere Variante darstellt, konnte somit einiges an Papier vermieden werden, welches um 1700 als wertvoll galt. Daher war diese Notationsart damals üblich und weit verbreitet.

Orgel-Tabulatur von Johann Sebastian Bach
Die norddeutsche Orgel-Tabulatur orientiert sich nicht an einem Liniensystem, so wie es heute gebräuchlich ist. Bildrechte: Yellow Table Media GmbH

Im Jahre 1708 brachte Johann Sebastian Bach die Musikhandschrift mit nach Weimar, welches für ihn die erste große Station darstellte. Als er 1717 die Stadt wieder verließ, um eine Stelle in Köthen anzutreten, blieb die Tabulatur in Weimar zurück und wurde erst im Jahr 2005 eher zufällig entdeckt. Das Schriftstück sei lange in Mönchs- und Klosterbeständen und später in den theologischen Handschriften aufbewahrt worden, wo zunächst nicht nach Musik gesucht wurde, so Musikwissenschaftler Christian Märkl. Als dann im Zuge von Recherchen des Leipziger Bacharchivs auch in Weimar nachgeforscht wurde, sei dieser heutige Museumsschatz entdeckt worden.

Melodie noch heute bekannt

Gemälde von Johann Sebastian Bach
Johann Sebastian Bach schreib ein Musikstück des Komponisten Johann Adam Reincke in norddeutscher Orgel-Tabulatur ab. Bildrechte: dpa

Martin Sturm, Professor an der von der Hochschule für Musik "Franz Liszt" Weimar erklärt, dass das Lied heute nicht mehr sonderlich verbreitet sei, die Choralmelodie sich aber gehalten habe. Im Kirchenlied "An Wasserflüssen Babylon" von 1525, welches auf Psalm 137 zurückgeht, findet sich noch immer die Melodie von Bachs handschriftlicher Kopie. Im besagten Psalm seien Israeliten darüber betroffen, sich in Gefangenschaft befindend gezwungen zu werden, permanent fröhliche Liedern zu singen. Aus Protest darüber würden sie ihre Instrumente in die Bäume hängen. Johann Adam Reinckens Stück sei also über einen Choral, der davon handele, keine Musik machen zu wollen, weil man so traurig sei.

Die Subtilität dieser Musik und das menschliche Empfinden, sei etwas, was Bach Zeit seines Lebens auch als Komponist vor sich hergetragen habe, so Martin Sturm.

Eine Ausstellung der Orgeltabulatur aus Bachs Feder ist aktuell nicht geplant. Sie wird weiterhin vor allem wissenschaftlichen Zwecken dienen. Als prominente Quelle dieser Choralfantasie aber lebt sie in heutigen Konzerten weiter. 

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. Dezember 2020 | 20:22 Uhr

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