Podiumsdiskussion Wie geht es den Amateurchören nach Corona?

Sängerinnen und Sänger beim Chorfest, 2016
Auch Amateurchöre haben unter der Corona-Pandemie gelitten, weil gemeinsames Singen lange nicht möglich war. Bildrechte: imago images / Objektif

Die vergangenen zwei Jahre haben dem Chorleben in Deutschland stark zugesetzt. Durch die Corona-Schutzmaßnahmen waren Chorproben zeitweise kaum möglich. In Berlin haben am Donnerstag Vertreter der deutschen Chorkultur eine Bestandsaufnahme des Chorlebens nach zwei Jahren Pandemie gemacht. Im Gespräch waren Christian Wulff, der Präsident des Deutschen Chorverbands und Bundespräsident a.D., Rainer Robra, Staatsminister und Minister für Kultur des Landes Sachsen-Anhalt sowie Luise Neuhaus-Wartenberg, Präsidentin des Sächsischen Chorverbands und dritte Vizepräsidentin des Sächsischen Landtags. Es moderierte der Kulturkoordinator des Deutschlandradios, Hans Dieter Heimendahl.

Kein großes Chorsterben durch Corona

Nach Angaben von Neuhaus-Wartenberg hat sich die Befürchtung eines großen Chorsterbens nicht bewahrheitet. Neuhaus-Wartenberg sagte, der sächsische Chorverband habe von insgesamt 270 Chören durch die Pandemie lediglich sieben Chöre verloren: "Wir haben das geschafft", sagte sie im Rückblick auf diese Zeit erleichtert.

Es war ein unglaubliches Aufatmen, als wir dann wieder singen durften.

Luise Neuhaus-Wartenberg, Präsidentin des Sächsischen Chorverbands

Luise Neuhaus-Wartenberg
Luise Neuhaus-Wartenberg, Präsidentin des Sächsischen Chorverbands Bildrechte: dpa

Nun fiebere man dem Deutschen Chorfest in Leipzig entgegen, das vom 26. bis 29. Mai 2022 stattfinden soll. Sachsen-Anhalts Kulturstaatsminister Robra verwies auf 309 Chöre in Sachsen-Anhalt und nutzte die Gelegenheit für eine freundschaftliche Stichelei gegen Sachsen: "Dass die Sachsen nur so wenig Chöre haben, das war mir neu."

Kinder müssen singen lernen

Chorverbandspräsident Wulff wies auf langfristige Problemfelder hin. So sollten Erzieherinnen und Erzieher befähigt werden, mit den Kindern in Kindertagesstätten und Schulen zu singen. Neuhaus-Wartenberg verwies – ohne verklären zu wollen – darauf, dass in der DDR das "Singen in Kitas und Schulen bis 1989 normal war". Kindergartenerzieherinnen hätten ein Instrument beherrschen müssen, das habe zur Ausbildung gehört. Doch dafür müsse man die Grundvoraussetzungen schaffen: Geld, Anerkennung der Stunden und die Möglichkeit der Ausbildung an Universitäten.

Christian Wulff
Altbundespräsident Christian Wulff ist Präsident des Deutschen Chorverbands. Bildrechte: imago images/localpic

Viele Chorleiter werden schlecht bezahlt

Robra verwies darauf, dass für die Schulmusik ein geeignetes gesellschaftliches Klima geschaffen werden müsse. Dazu gehörten der Stellenwert der Ausbildung von Schulmusikern an den Universitäten und die nötige Unterstützung an den Schulen. "Wir müssen da, wenn wir dieses Pflänzchen nicht verdorren lassen wollen, kräftig nachbessern", sagte Robra und betonte: "Natürlich kostet das Geld."

Chöre könnten keine ordentlichen Honorare zahlen, sagte auch Neuhaus-Wartenberg. Manche Chorleiter leiteten sechs bis sieben Chöre in der Woche, um über die Runden zu kommen. Wulff stimmte zu: Viele Chorleiter würden "grottenschlecht bezahlt". Dabei betreiben diese Menschen aus seiner Sicht sogar Sozialmaßnahmen. Folgeschäden wie Jugendkriminalität, Selbstzweifel und Ähnliches würden durch Choraktivitäten vermieden. Dem stimmte Neuhaus-Wartenberg zu: Chöre würden gebraucht, um die Gesellschaft zusammenzuhalten.

Die lebensverlängernde Kraft des Singens

Wulff merkte weiter an, Singen sei mit das Gesündeste, was man im Leben machen könne. Laut einer Studie lebten Frauen im Chor im Durchschnitt zehn Jahre länger als Frauen, die nicht sängen. Singen schaffe Freude, außerdem unternehme man dabei auch etwas in der Gemeinschaft.

Eigentlich sollte der Mitgliedsbeitrag im Chor von der Krankenkasse absetzbar sein.

Christian Wulff, Präsident des Deutschen Chorverbands

Informationen zur Diskussionsrunde über das Chorwesen

"Vielstimmig! Aktuelle Situation und Perspektiven der Amateurchor-Szene"
Livegespräch per Internetstream
Veranstaltet von der Vertretung des Landes Sachsen-Anhalt beim Bund und dem Deutschen Chorverband

Auf dem Podium:
Christian Wulff (Präsident des Deutschen Chorverbands und Bundespräsident a. D.)
Rainer Robra (Staatsminister und Minister für Kultur des Landes Sachsen-Anhalt)
Luise Neuhaus-Wartenberg, MdL (Präsidentin des Sächsischen Chorverbands, 3. Vizepräsidentin des Sächsischen Landtags)

Moderation: Hans Dieter Heimendahl (Deutschlandradio Kulturkoordinator)

 

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. März 2022 | 07:30 Uhr

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