Sachsens Clubszene Techno in Zwickau: In der Kunstplantage Subkultur erleben

Die sächsische Stadt Zwickau genießt nach Schlagzeilen zu NSU und rechter Gewalt nicht gerade den besten Ruf. Die Open-Air-Location Kunstplantage will mit einem offenen Veranstaltungsprogramm den Ruf der Stadt retten. Angebote wie Urban Gardening und Lesungen werden hier auch von Familien angenommen. Doch vor allem jungen Leute können bei Konzerten, Graffiti-Workshops und vor allem Techno-Open Airs Subkultur erleben. Die Partys hier sollen zeigen: Feiern ist politisch.

Die sächsische Stadt Zwickau genießt nicht den besten Ruf. Jahrelang lebten hier die Mitglieder des NSU unentdeckt und erst kürzlich sorgte die rechtsextreme Partei Der III. Weg für Schlagzeilen mit ihren Wahlplakaten, auf denen sie zu Gewalt gegen die Partei Die Grünen aufriefen. Viele Zwickauer sind zurecht unzufrieden mit der Außenwirkung ihrer Stadt. Dennoch kann diese Problematik nicht totgeschwiegen werden, wenn kürzlich die Außenmauer der Open-Air-Location Kunstplantage mit Nazi-Symbolik verunstaltet wurde.

Dabei verstehen sich die Betreibenden der Kunstplantage nicht unbedingt als politisch, wie Begründer und Graffitikünstler Task unterstreicht: "Was genau an die Mauer gesprüht wurde, möchte ich nicht wiedergeben. Denn ich gebe hier keinem der politischen Lager eine Plattform. Es gibt überall Arschlöcher. Das hat nichts mit Nationalität oder Gesinnung zu tun."

Zum Außenbereich der Kunstplantage gehören das überdachte DJ Pult, eine Baumskulptur in der Mitte, Sitzecken aus Sperrholz und einige kleine Holzhütten.
DJ Pult, Baumskulptur, Sitzecken aus Sperrholz und einige kleine Holzhütten sind selbst gebaut. Bildrechte: Kunstplantage Zwickau

Zum Feiern nach Zwickau statt Berlin

Die Kunstplantage ist ein beliebter Ort der Zwickauer für junge Leute, die gerne feiern gehen, aber auch Familien kommen gerne her. Der große Garten, umgeben von einer mit Graffiti verzierten Mauer, ist etwa so groß wie drei Fußballfelder. Es gibt zwei leerstehende Industriebauten direkt am Eingang und viel Selbstgebautes. Dazu gehören das überdachte DJ Pult, eine Baumskulptur in der Mitte, Sitzecken aus Sperrholz und einige kleine Holzhütten. Alles liebevoll dekoriert und bepflanzt.

Die Betreibenden der Kunstplantage Zwickau: Isabelle, Kathi, Task, Chris (v.l.n.r.)
Musikjournalistin Kathi Groll (2.v.l.) hat Isabelle, Task und Chris von der Kunstplantage Zwickau getroffen. Bildrechte: Kathi Groll/MDR SPUTNIK

Auch die Veranstaltungen sind ganz verschieden. Es finden Lesungen und Konzerte statt, Kleidertauschmärkte, Graffiti-Events, und auch Techno- und House-Open Airs. Rund 25 Menschen engagieren sich im Verein um die Kunstplantage. Sie organisieren alles ehrenamtlich in ihrer Freizeit. Dass es über Zwickau so oft negative Schlagzeilen gibt, ist für die Betreibenden der Kunstplantage eher lästig.

Rechter Gewalt etwas entgegen setzen

Die Clubbetreibenden wissen, dass die Stadt mehr zu bieten hat als Artikel über rechte Gewalt. Trotzdem sieht sich Mitbegründer Chris auch selbst in der Verantwortung, denn gerade während der Pandemie habe sich bei den Jugendlichen viel Frust aufgebaut. Rechte Akteure würden versuchen, das für sich zu nutzen und junge Leute zu akquirieren, warnt er.

Die Betreibenden der Kunstplantage Zwickau: Chris, Isabelle, Kathi, Task (v.l.n.r.)
An der Mauer um das Gelände werden Graffiti-Workshops angeboten. Bildrechte: Kathi Groll/MDR SPUTNIK

Wenn wir über die Lage in Zwickau sprechen, sind jetzt die Jugendclubs, die Streetworker und auch Kulturtreibenden gefragt, die am Ende eine riesengroße Verantwortung übernehmen müssen, indem sie sinnstiftende Alternativen bieten.

Mitbegründer Chris

Die Stadt Zwickau fördert die Kunstplantage zwar nicht institutionell, dennoch erfährt der Ort viel Unterstützung, zum Beispiel durch schnelle, unbürokratische Genehmigungen ihrer Veranstaltungen. Denn ihr offenes Konzept für verschiedene Veranstaltungsformate kommt in Zwickau gut an.

Diversität und Subkultur in Sachsen stärken

Für Mitbegründerin Isabelle ist die Kunstplantage deswegen nicht nur ein Ort, indem sie sich kreativ ausleben kann, sondern sie hat eine größere Bedeutung. Die Kunstplantage sei ein Beweis dafür, in welcher Freiheit wir leben würden, erklärt Isabelle. Es gäbe Länder, in denen so ein Ort und die Veranstaltungen nicht möglich wären.

"Damit können wir zeigen, dass wir für und nicht gegen etwas sind. Egal ob man hier homo, hetero, bipoc oder ein Mensch mit Behinderung ist, dieser Ort ist der Beweis dafür, dass wir in einer ganz großen Freiheit leben", sagt Isabelle weiter. So zeigt eine Location wie die Kunstplantage, wie offen die Stadt Zwickau für Subkultur und alternative Lebensentwürfe sein kann und rückt eine klischeebehaftete ostdeutsche Stadt in ein neues Licht.

Über die Autorin Katharina Groll

Katharina Groll ist Musikjournalistin und Liebhaberin elektronischer Musik. In dieser Kulturszene ist sie auf- und mitgewachsen. Sie liebt die Musik, kennt die Künstlerinnen und Künstler und engagiert sich leidenschaftlich für die Szene. Im neuen Podcast "Raveland" von MDR SPUTNIK stellt Groll die regionale Technoszene und ihre Macherinnen und Macher vor. Bei MDR SPUTNIK betreut sie seit fünf Jahren die Sendung "Clubperlen".

Feiernde bei einer Open-Air-Party in der Kunstplantage Zwickau.
Feiernde bei einer Open-Air-Party in der Kunstplantage Zwickau. Bildrechte: Kunstplantage Zwickau

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR Sputnik | 07. September 2021 | 12:30 Uhr

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