Auswirkung Wie verändert Corona die Klassikszene?

Die Corona-Pandemie bringt die klassische Musikszene ins Nachdenken über die eigene Zukunft. Auch neue Denkwege gibt es – und sie sie haben nur indirekt mit der Krise zu tun. Die Gagen von Spitzenstars stehen dabei ebenso zur Debatte wie die bislang übliche Gestaltung von Konzerten. MDR KULTUR hat drei große Häuser befragt und interessante Antworten erhalten.

Kammermusikensemble des MDR-SInfonieorchesters vor nachtblauem Hintergrund im Pavillon der Stadthalle Görlitz
Corona hat gezeigt, dass klassische Konzerte auch ganz anders als gewohnt funktionieren können Bildrechte: MDR/Marco Prosch

Seit einem Jahr leidet die klassische Musikszene unter den Folgen der Corona-Pandemie. Seit Monaten sind die Konzerthäuser leer, Musiker und Publikum können nicht zusammenkommen. Alle hoffen, dass diese belastende Situation bald enden möge.

Doch was kommt danach? Wird es jemals wieder einen Konzertbetrieb wie vor Corona geben? Vor Corona spielten große Orchester, große Chöre vor mehr als 2.000 Menschen in einem ausverkauften Saal – alle dicht an dicht, gemeinsam in einem Raum. Momentan kann man sich eine solche Situation schwer vorstellen.

Ich bin nur ungern der Kassandra-Rufer, aber ich glaube, es muss sich alles ändern. Es wird einfach keinen Tag X geben, wo alles wieder so sein wird wie vorher.

Folkert Uhde, Intendant Köthener Bachfesttage

Dresdner Philharmonie: Konzertbranche muss sich neu erfinden

Die Intendantin der Dresdner Philharmonie, Frauke Roth, hat jetzt mit einem Zeitungsinterview für Aufsehen gesorgt. Sie meint, dass ein einfaches Abwarten, bis Corona mal vorbei ist, nicht funktionieren wird – in der Hoffnung, dass alles wieder wird, wie es einmal war. Sie ist der Überzeugung: die Konzertbranche muss sich komplett neu erfinden. Dem großen Konzertabend mit zwei Hälften und einer langen Pause setzt sie kürzere und vielschichtigere Programme entgegen:

Die neue Intendantin der Dresdner Philharmonie, Frauke Roth, posiert am 09.01.2015 vor einer Pressekonferenz im Rathaus in Dresden
Frauke Roth Bildrechte: dpa

Ich bin mir ganz sicher, dass auch postcoronal kürzere Formate, einstündige Konzerte, zu anderen Zeitpunkten, vielleicht auch in flexiblerer Besetzung, nicht immer das volle ganze Orchester möglicherweise, durchwebt auch mit Kammermusikformaten, dass das auf hohes Interesse stößt.

Frauke Roth, Intendantin Dresdner Philharmonie

Für das Haus sind zwei Konzerte hintereinander mit Abstand im Publikum eine Möglichkeit, die Einnahmeverluste in Grenzen zu halten. Für das Publikum kann es die Chance sein, mal nicht erst – wie traditionell üblich – um 20 Uhr im Konzertsaal zu sitzen.

Gewandhaus Leipzig: Konzerte sind auch Treffpunkte

Auch im Leipziger Gewandhaus war das bisher die eherne Regel: großes Orchester vor großem Publikum im großen Saal. Das Publikum fehlt seit Monaten. Wird es überhaupt wiederkommen, wenn vom Konzert als gesellschaftlichem Event mit Pausensekt und Smalltalk nur noch die Musik bleibt? Dazu ein wachsendes Unverständnis für teuer eingekaufte Weltklasse-Stars, eingeflogen für nur zwei, drei Konzerte?

Wenn wir wieder spielen dürfen, kommt das Publikum dann auch?

Andreas Schulz, Gewandhausdirektor

Gewandhausdirektor Andreas Schulz regt an, bei den Spitzengagen zu überlegen und bei "großen Orchestern und Konzerthäusern zusammenzuarbeiten, um sich genau anzugucken, ab welcher Honorarhöhe man anfängt zu deckeln". So hält er es für überlegenswert, mit Spitzenstars ganz andere Pakete zu packen als man es bisher getan hat. So könnte ein solcher Künstler nicht nur für eine Woche als Solist im großen Konzert auftreten, sondern auch kammermusikalisch mit dem Gewandhausquartett zusammen ein Klavierquintett musizieren. Dadurch böte sich "ganz verschiedenen Menschen und verschiedenen Altersgruppen die Möglichkeit, einen solchen besonderen Künstler zu erleben".

MDR Kultur trifft Gewandhausdirektor Andreas Schulz
Gewandhausdirektor Andreas Schulz Bildrechte: MDR/Linda Schildbach

Köthener Bachfesttage: Man muss flexibel bleiben

Alle zwei Jahre finden die Bachfesttage in Köthen statt. Im vergangenen September stand das Festival pandemiebedingt auf der Kippe. Doch in extrem kurzer Zeit hat Intendant Folkert Uhde die alten Pläne über den Haufen geworfen, es gab kleine Formate und Wandelkonzerte im Freien. Das Konzept ging auf.

Natürlich hat er es mit einem regionalen Musikfestival leichter, flexibel zu sein. Aber Uhde meint, das könnten alle – beweglich bleiben, weg vom elitären Selbstbild der Hochkultur. Er sieht, dass mittelfristig alle Kulturschaffenden ein großes Problem in der Argumentation bekommen werden. Immer häufiger werden sich seiner Meinung nach die Fragen stellen: "Warum macht ihr das eigentlich? Warum braucht es euch denn eigentlich?"

Folkert Uhde, Ex-Musiker und Kulturmanager
Folkert Uhde Bildrechte: dpa

Ich möchte mit meiner Arbeit dahin kommen, dass mich keiner mehr fragt, warum es mich braucht. Der Weg dahin ist vielfältig und bedeutet auch sehr viel Arbeit. Aber ich glaube, das ist eine grundsätzlich andere Herangehensweise, die sehr viel stärker als Haltung bedeutet: auf andere zugehen, in Kooperationen denken, in gemeinsamem partnerschaftlichen Agieren denken.

Folkert Uhde, Intendant Köthener Bachfesttage

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 18. Februar 2021 | 22:05 Uhr

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Kultur

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MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei