Modellprojekt Distillery, Werk 2, Moritzbastei: Leipziger Clubs öffnen für Modellprojekt

In Leipzig startet ein großangelegtes Modellprojekt, das die Öffnung von Innenräumen an mehreren Veranstaltungsorten erforschen will. Unter anderem die Leipziger Clubs "Distillery", "Werk 2" und "Moritzbastei" öffnen im Zeitraum vom 26. Mai bis zum 27. Juni ihre Türen. Das Projekt wird wissenschaftlich von Forschenden der Universität Leipzig und dem Max-Planck-Institut begleitet. MDR KULTUR erklärt, wie Feiern im Rahmen des Corona-Modellprojekts funktioniert.

Es scheinen Bilder aus einem Paralleluniversum zu sein: junge Menschen tanzend, schwitzend, feiernd. Auch das macht Leben aus – und ist seit mehr als einem Jahr unmöglich geworden. Clubs und Diskotheken sind und bleiben geschlossen. Denn sie gelten als sogenannte "Viren-Hotspots" – Orte, an denen Viren optimale Bedingungen für eine schnelle Verbreitung finden. Bei vielen Clubbetreibern stellte sich eine zermürbende Perspektivlosigkeit ein.

Leipziger Modellprojekt "Kultur // Reallabor" startet

Gebäudeansicht des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig
Das Modellrpojekt wird u.a. vom Max-Planck-Institut begleitet, Bildrechte: MPI CBS

Die derzeit niedrigen Inzidenzzahlen machen jedoch Hoffnung. In den Städten erwacht das Leben und vielerorts macht sich ein Hauch von Normalität breit. Auch Kulturveranstaltungen sind wieder möglich, wenn auch nur mit Abstand, Test und Hygienekonzept. Beim Leipziger Modellprojekt "Kultur // Reallabor" begleiten Forschende der Universität und des Max-Planck-Instituts diese Öffnungsschritte wissenschaftlich. Ziel ist es, herauszufinden, welchen Einfluss Kulturveranstaltungen auf das Infektionsgeschehen haben.

"Der Großteil der Leute ist hungrig auf Kultur"

Während die junge Generation noch immer komplett auf Konzerte und Partys verzichten muss, haben es die Älteren leichter. Für Sitzveranstaltungen wie im Leipziger Kabarett "academixer" gibt es Hygienekonzepte. Aber auch die bedürfen gewisser technischer Voraussetzungen, die insbesondere für das ältere Publikum durchaus eine Hürde darstellen könnten: Rein darf nur, wer einen Impfnachweis oder einen tagesaktuellen negativen Coronatest dabei hat, möglichst gekoppelt mit der Corona-Warn-App. Mit der muss man sich dann über einen QR-Code in die Veranstaltung einchecken. Wer kein Smartphone besitzt, für den gibt’s die gute alte Papierliste. Außerdem muss jeder Gast einen Fragebogen zum Ablauf des Abends ausfüllen. Und zu guter Letzt wird jeder gebeten, sich nach einer Woche noch einmal zu testen. Ein wahrer Vor- und Nachbereitungsmarathon. Ist das der Weg, wie wir Kultur erleben wollen und machen die Leute da überhaupt mit? Tobias Loy, Koordinator des Modellprojekts, scheint daran keine Zweifel zu haben: "Ich glaube, der Großteil der Leute ist so hungrig auf Kultur, dass im Moment nicht das Problem ist, dass zu wenig Leute kommen, eher umgekehrt."

Im Leipziger Techno-Club "Distillery" kann wieder getanzt werden

Steffen Kache
Steffen Kache, Betreiber der "Distillery" Bildrechte: Jörg Singer

Im ältesten Leipziger Techno Club "Distillery" herrscht seit März 2020 Stille. Clubbetreiber Steffen Kache checkt nun zum ersten Mal wieder Licht und Ton für den zweiten Teil des Leipziger Modellprojektes. In einigen Tagen soll hier ein deutschlandweit einzigartiger Versuch starten: Tanzen und Feiern so wie früher – ohne Abstand und Maske. Hygienekonzepte wie im Theater funktionieren in einem Club nicht. Die Idee der Clubbetreiber: sichere Räume schaffen. Für Distillery-Chef Steffen Kache ist das die einzige Chance: "Es ist nicht nur der Wunsch der Gäste, dass wieder Veranstaltungen stattfinden. Es ist auch der Wunsch der Veranstalter. Wir wollen was machen. Das ist ja im Prinzip auch Teil unserer DNA. Wir haben keinen Club eröffnet, um dann auf der faulen Haut zu liegen."

Wir wollen was machen. Wir haben keinen Club eröffnet, um dann auf der faulen Haut zu liegen.

Steffen Kache, Betreiber der "Distillery"

Lohnt sich der hohe Aufwand für eine Partynacht?

Club Distillery in Leipzig
Der Techno-Club "Distillery" im Leipziger Süden. Bildrechte: IMAGO / Thomas Dietze

Die Konzepte dafür hat Steffen Kache schon seit letztem Jahr in der Schublade. Nun endlich kommt der Praxistest. Allerdings muss der spontane Partygänger einige Abstriche machen. Am Tag der Veranstaltung muss man bereits am Nachmittag mit einem negativen Schnelltest zum Club kommen und dort zusätzlich einen kostenfreien PCR-Test machen. Per App gibt’s gegen Abend das Testergebnis. Ist dies negativ, kann es losgehen. Sieben Tage später dann noch mal ein Schnelltest für die wissenschaftliche Auswertung. Ein abstrus hoher Aufwand für eine Nacht in Feierlaune, der aber auch zeigt, wie verzweifelt die ausgebremste Branche ist. Dass in der Distillery nun versuchsweise wieder getanzt werden darf, ist vor allem dem Engagement der Clubszene zu verdanken. Immerhin gab es im Mai auch von der Politik eine wegweisende Entscheidung: Clubs gelten nun ganz offiziell als Orte der Kultur.

Menschen tanzen im Club Distillery
In der "Distillery" darf im Rahmen des neuen Modellprojekts wieder getanzt werden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mehr Informationen zum Modellprojekt Im Zeitraum vom 26. Mai bis zum 27. Juni 2021 finden in neun Leipziger Veranstaltungsstätten Formate für ein breit gefächertes Publikum statt. Jedes Event ist wissenschaftlich begleitet und auf ein Hygienekonzept gestützt.

Folgende Häuser sind am Modellprojekt beteiligt:

- academixer
- Cammerspiele
- Die VILLA
- Distillery
- Kulturhof Gohlis
- Moritzbastei
- Schauspiel Leipzig
- Thomanerchor / Thomaskirche
- WERK 2

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 03. Juni 2021 | 22:10 Uhr

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