Klangkörper in der Krise Deutsche Orchestervereinigung fordert "differenzierte Öffnungsperspektiven"

2020 konnten Orchester wegen der Corona-Krise nur wenig spielen, 2021 bisher noch gar nicht. Das hat Folgen für die Ensembles, aber auch für die Musikerinnen und Musiker. Viele sind in Kurzarbeit. Jetzt hat sich die Deutsche Orchestervereinigung (DOV) zu Wort gemeldet und fordert "differenzierte Öffnungsperspektiven". Was damit gemeint ist, erklärt DOV-Geschäftsführer Gerald Mertens im Interview.

Gerald Mertens, Geschäftsführer der Deuschen Orchestervereinigung – Lachender Mann an Betonsäule in Büro
Gerald Mertens, Geschäftsführer der Deuschen Orchestervereinigung Bildrechte: Maren Strehlau

MDR KULTUR: Wie geht es den Klangkörpern jetzt in dieser Situation?

Gerald Mertens: Den Klangkörpern geht es einerseits sozial noch vergleichsweise gut, weil sie über das Mittel der Kurzarbeit abgesichert sind – also Kurzarbeitergeld von der Bundesagentur für Arbeit fließt und der Arbeitgeber stockt vor Ort auf. Das funktioniert ganz gut.

Aber es staut sich natürlich inzwischen Frust an, weil man über Wochen, über Monate überhaupt nicht mehr im Orchester zusammengespielt hat und nur noch zu Hause in seinem Übezimmer sitzt. Dann will man irgendwann raus. Man will mit den Kolleginnen und Kollegen wieder zusammen auf die Bühne sein, will zusammen spielen. Und man will vor allen Dingen vor Publikum spielen.

Kurzarbeit bedeutet für viele dieser Berufsmusikerinnen und -musiker 100 oder 95 Prozent ihres Gehalts zu bekommen. Aber da gibt es eben diese andere, vielleicht psychologische Dimension. Was bereitet Ihnen daran Sorge?

Die Sorge, die uns umtreibt, ist: Wann gibt es realistische Öffnungsszenarien? Denn man braucht eine Planung, einen Planungsvorlauf insbesondere. Ein Musiktheater kann nicht von heute auf morgen aufmachen.

Sie [die Musiktheater] müssen die Produktionen wieder einstudieren, die haben längere Zeit gelegen. Im Konzertbereich müssen sie auch entsprechende Projekte wieder vorbereiten. Sie brauchen eine Zeit für die Proben, sie brauchen eine Zeit für das Marketing, für den Kartenverkauf. Dann müssen sie genau wissen, ab welchem Datum können sie mit welcher Platzzahl ihren Saal wieder aufmachen können, damit das alles funktioniert. Das sind mindestens drei bis vier Wochen im Konzertbetrieb, im Musiktheater vielleicht sogar noch länger.

Sie wünschen sich da eine ganz bestimmte Perspektive für die Klangkörper und sprechen von einer "differenzierten Öffnungsperspektive" für Kulturbetriebe. Was steckt dahinter?

Dahinter stecken eigentlich die örtlichen Inzidenzzahlen. Beim Robert Koch-Institut auf einer Webseite können Sie jeden Tag gucken, wie sich die Inzidenzzahlen bundesweit in den einzelnen Städten und Landkreisen verändern. Es sind immer mehr Landkreise und Städte, die unter die Inzidenzzahl 50, die auch von der Bundesregierung festgesetzt worden ist, herabsinken.

Insbesondere in den westlichen Bundesländern, aber auch beispielsweise in Mecklenburg-Vorpommern. Rostock und Landkreis Rostock sind beide unter 50 Inzidenz. Das heißt, da wäre es durchaus möglich, ein Theater, ein Orchester, aber auch ein Museum, die Bibliothek wieder aufzumachen. Während es in anderen Teilen des Landes vielleicht noch nicht möglich ist – also nicht für ein ganzes Bundesland, sondern wirklich für die Kommunen – differenziert Öffnungsstrategien zu entwickeln.

Die Kulturhäuser haben kein fest umrissenes Publikum. Es könnte sein, dass beispielsweise im sächsischen Hoyerswerda die Zahlen gut sind, sodass man dort Konzerte geben kann. Die Bautzenerinnen und Bautzener sagen sich, dann fahren wir dahin. So wird das Virus wieder verbreitet. Das könnte doch nach hinten losgehen?

Die Frage stellt sich in der Tat. Da muss man aber Folgendes sehen: Es gibt eine Untersuchung des Instituts für Wirtschaftsforschung aus Halle. Die haben herausgefunden, dass im Grunde der Einzugsbereich eines Theaters, eines Orchesters rund 30 Kilometer beträgt. Also länger als 30 Kilometer ist es eigentlich eher selten für eine Fahrt zum Konzertbesuch – Ausnahmen vielleicht die großen Leuchttürme in Dresden, Chemnitz oder in Leipzig.

Aber grundsätzlich gibt es einen 30-Kilometer-Radius, das ist das eine. Das andere: Es gibt eine aktuelle Studie des Konzerthauses Dortmund, die mit dem Fraunhofer-Institut nachgewiesen hat, dass beim Tragen von Mund-Nasen-Schutz und Einhalten der sonstigen Sicherheitsbestimmungen – also Abstandsregelungen und Hygieneregelungen – dass dann bis zu 50 Prozent eines Konzertsaales gefahrlos besetzt werden kann. Ich glaube, diese Parameter sind ganz wichtig für die Öffnungsstrategien.

Die Kurzarbeit, die wir eingangs erwähnt haben, sichert aktuell die Arbeitsplätze. Aber kann das auch langfristig funktionieren?

Kurzarbeit ist ein befristetes Instrument. Das hilft jetzt im Jahr 2021 vielleicht noch bis zum Sommer. Aber die Frage ist, was passiert in den öffentlichen Haushalten in den Folgejahren. Da gibt es schon erste Anzeichen, beispielsweise in Jena, aber auch in anderen Kommunen, wo diskutiert wird, man müsse den Kulturetat um die Corona-Folgen jetzt finanziell zu bewältigen, kürzen. Das halten wir für den falschen Weg.

Natürlich sind die Kommunen betroffen. Aber wir glauben, das ist hier letztlich in den Folgejahren auch ein Bundesprogramm geben müsste, was genau in dieser Situation eingreift und zweckgebunden den Theatern und Orchestern hilft, über die Haushaltsschwerpunkte in 2022 bis 2024 hinwegzukommen. Also keine Kürzungen, sondern eine stabile Haushaltsfinanzierung in den öffentlichen Kultureinrichtungen in den nächsten Jahren, ist eigentlich das Ziel.

Das Gespräch führte Moderatorin Ellen Schweda für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. Februar 2021 | 12:10 Uhr

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