Jüdisches Leben Wie Diana Matut jüdische Kultur in Halle und Weimar lebendig hält

Aktuell wird das Festjahr 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" gefeiert. Der Termin bezieht sich auf die Ersterwähnung der jüdischen Gemeinde in Köln. In Mitteldeutschland gibt es eine ungefähr 1000-jährige Tradition von jüdischer Kultur. Seit 1990 hat sich das Leben in den jüdischen Gemeinden spürbar belebt. Auch Dank Diana Matut aus Halle, die westjiddische Kultur erforscht, Jiddisch unterrichtet und Konzerte gibt.

Diana Matut, Portraitfoto - Eine junge Frau mit kurzen blonden Haaren schaut lächelnd in die Kamaera.
Bildrechte: Antje Seeger

Diana Matut, die zur westjiddischen Sprache und Kultur forscht, liebt Musik schon seit ihrer Kindheit. Ihre ganze Familie lauschte oft Schallplatten von Igor Oistrach oder Joseph Schmidt, einem Tenor aus Tschernowitz. Doch erst durch ein Konzerterlebnis kam sie auf die Idee, tiefer in diese Welt einzutauchen: "Und zwar war es bei mir auch das jiddische Lied, das mich motiviert hat, mich damit zu beschäftigen. In den 90er-Jahren gab es in Erfurt schon jüdische Kulturtage. Ich hatte damals das große Glück Chava Alberstein, eine israelische Sängerin, mit einem jiddischen Programm zu hören und das hat mich vollkommen fasziniert", erinnert sich Matut.

Jiddische Kultur in Weimar und Halle vermitteln

Blick auf die Synagoge in Halle
Blick auf die Synagoge in Halle Bildrechte: dpa

Später entdeckte Diana Matut jüdische Musik aus dem Barock und der Renaissance. Sie studierte und lehrte unter anderem am Oxford Centre for Hebrew and Jewish Studies. Dort entdeckte sie spannende westjiddische Texte, Lieder und Tänze, die sie später mit ihrem Ensemble auf die Bühne brachte. "Ich empfinde es als großes Privileg in Bibliotheken wie in Oxford in der Bodleiana sitzen zu können, vor einem unglaublichen Schatz an altjiddischen Liedtexten, und diese Liedtexte wieder zum Klingen zu bringen. Aber das Vermitteln ist mir mindestens genauso wichtig. Das heißt nicht nur, Jiddisch als Sprache zu vermitteln, sondern auch in seiner ganzen kulturellen Dimension", erklärt die Wissenschaftlerin

Diana Matut arbeitet an der Martin-Luther-Universität zur westjiddischen Sprache und Kultur. Sie entwickelte Führungen für die Synagoge Halle sowie den Jüdischen Friedhof und unterrichtet seit vielen Jahren Jiddisch beim Yiddish Summer in Weimar. Dieses Festival strahlt in die Stadt hinein, auch durch Formate, die im Pandemiesommer 2020 entwickelt wurden. Kurse fanden da unter freiem Himmel statt, berichtet Matut: "Wir haben am Ende des Beethovenplatzes Jiddisch gelernt und auf der anderen Seite wurde Musik gespielt. Das war eine wunderbare Erfahrung und letztlich schön zu sehen, dass in so einer Krise Dinge aufbrechen können, sich verändern können, die auch neue Perspektiven schaffen."

Eine Jam Session beim Lied-Workshop des Yiddish Summer Festival.
Impression vom Yiddish Summer in Weimar Bildrechte: dpa

Zuerst Kulturschätze entdeckt

Es geht Diana Matut um neue Perspektiven auf die westjüdische Kultur. Denn diese ist bei uns weitaus weniger bekannt als ostjüdische Musik und Literatur. Matut selbst hat väterlicherseits jüdische Wurzeln und würde sich vor allem als culturally Jewish bezeichnen, obwohl sie Mitglied der Jüdischen Gemeinde Oxford ist.

Meine Familiengeschichte hat erst einmal dabei keine vorrangige Rolle gespielt: In DDR-Zeiten war Religion ein schwieriges Thema: Es gab keinen direkten Zugang, jedenfalls für uns nicht. Aber es gab jüdische Kultur in unserem Haus – sei es durch Literatur, auch durch Schallplattenaufnahmen. Dadurch kam ich schon als junges Mädchen damit in Berührung – aber immer über kulturelle Aspekte, nicht über religiöse Praxis.

Diana Matut, Kulturwissenschaftlerin und Musikerin

Verbindung von jüdischer und christlicher Kultur

Diana Matuts neues Programm mit Simkhat hanefesh heisst "Eine Reise durch Aschkenas – Die Fahrten des Abraham Levie, 1719-1723". Es bewegt sich auf den Spuren eines angehenden Kaufmanns von Lemgo nach Italien und zeigt die gegenseitige Befruchtung der jüdischen und christlichen Kulturen.

Simkhat hanefesh - Musiker spielen vor Publikum auf ihren Instrumenten.
Impression von einem Konzert von Simkhat hanefesh Bildrechte: Antje Seeger

Ein schönes Beispiel ist das Brautlied: Der Text auf Westjiddisch stammt vom Sohn des Kantors der Prager Altneu Synagoge, die Melodie aus einem deutschsprachigen Volkslied. "Wenn eine christliche Prozession durch die Straße zog und ein Lied sang, dann hat man das auch in den jüdischen Häusern gehört und umgekehrt. Man hatte eine Melodie, die man geliebt hat, egal ob bei Katholiken, Hugenotten, Protestanten oder jüdischen Menschen, man hat diese Melodie genommen und mit neuem Text versehen. Das war völlig normal." Laut der Musikerin und Wissenschaftlerin sind solche Kontrafakte seit dem Mittelalter beliebt und belegt. Diana Matut hält sie mit ihrem Ensemble Simkhat hanefesh lebendig.

Weitere Informationen Diana Matut aus Halle und ihr Ensemble Simkhat hanefesh geben das Eröffnungskonzert bei der Jüdischen Woche Leipzig am 27. und 28.06.2021. Dann erscheint auch die neue CD "Eine Reise durch Aschkenas: Die Fahrten des Abraham Levie, 1719-1723".

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. Februar 2021 | 06:15 Uhr

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MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei