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Interview2G-Regel und Maske: Stehen Sachsens Clubs vor dem Aus?

Stand: 05. November 2021, 14:37 Uhr

Die aufgrund steigender Infektionszahlen geplante Verschärfung der Corona-Schutzverordnung im Freistaat Sachsen will Clubs künftig, trotz 2G, dazu verpflichten, Masken und Abstandsregeln wieder einzuführen. In einem am 4. November veröffentlichten Brief der Live-Initiative Sachsen (Lisa) warnen Clubs und Livemusikspielstätten vor den Konsequenzen dieser Entscheidung. Auch der Leipziger Clubvorstand und Betreiber des Techno-Clubs Distillery, Steffen Kache, ist Mitunterzeichner des offenen Briefs.

MDR KULTUR: Herr Kache, Sie sind Mitverfasser des offenen Briefs und darin heißt es im Kern doch, dass Sie 2G schon anwenden. Aber so, wie es jetzt in Sachsen geplant ist, ist es de facto ein neuer Lockdown für die Clubs. Was steht denn da noch im Kleingedruckten, was Sie jetzt so auf die Barrikaden bringt?

Steffen Kache: Es gab bei uns in Sachsen seit dem 23. September die Möglichkeit, mittels des sogenannten 2G-Optionsmodells in den Clubs ohne Abstand und ohne Masken zu arbeiten, wenn wir nur Genesene und Geimpfte in die Clubs lassen. Und das hat uns letztendlich die Möglichkeit eröffnet, überhaupt erst wieder zu veranstalten, da wir in den Clubs nur dann veranstalten können, wenn wir ohne Masken und Abstand arbeiten.

Also 2G am Eingang und wer dann drin ist, der kann feiern wie vor Corona?

Genau. Und diese Möglichkeit würde uns jetzt praktisch genommen werden, was dann einer Schließung gleichkommen würde.

Welche Möglichkeit wird Ihnen denn genommen? Was wird denn von Ihnen verlangt?

Wir gehen davon aus, dass wir in den Clubs wieder Masken tragen müssen. Und wer das Clubgeschehen kennt, der weiß, dass das nicht funktioniert. In Clubs, aber auch auf Stehkonzerten kann mit Maske und Abstand nicht gearbeitet werden. Wir müssen dann de facto sagen, dass das nicht durchführbar ist, und wir müssten dann schließen.

Welche Regeln gelten denn bei Ihnen in der Distillery jetzt gerade?

Aktuell können wir mit 2G ohne Abstand, ohne Maske und ohne Kapazitätsbegrenzung arbeiten. Es ist letztendlich wie immer. Und das ist im Prinzip das, was wir brauchen.

Wenn Sie zurückblicken auf die Geschichte, die die Clubs in Sachsen jetzt in den letzten zwei Jahren hinter sich haben: Was waren die größten Anstrengungen?

Zum einen waren wir die ersten, die geschlossen haben, weil wir uns damals natürlich unserer Verantwortung bewusst waren. Dann wurden viele Konzepte entwickelt, wie wir aus dieser Krise rauskommen. Ganz konkret gab es dieses Jahr verschiedene Modellprojekte, bei denen wir mittels PCR-Testung nachgewiesen haben, dass wir im Prinzip sichere Orte schaffen können, an denen keine Ansteckungen stattfinden. Das gab es hier in Leipzig und in Berlin. Damit können wir sicherstellen, dass es zu keinen Ansteckungen kommt, auch unter Ungeimpften.

Leider wurde das von der Landesregierung nicht wirklich angenommen. Im Prinzip brauchen wir in der Test-Infrastruktur auch Unterstützung, um das umzusetzen, wenn jetzt die Verschärfungen kommen. Das heißt, man könnte mit PCR-Tests diese sicheren Räume schaffen. Was haben wir noch getan? Wir haben verschiedene Aktivitäten entwickelt, überhaupt erst einmal die Unterstützung zu bekommen. Es war am Anfang der Pandemie zuerst sehr schwierig, dass Clubs die nötige finanzielle Unterstützung bekommen. Das haben wir jetzt hinbekommen: Es gibt "Neustart Kultur", es gibt entsprechende Unterstützung für die Möglichkeiten wieder anzufangen, die Gagen werden unterstützt. Das fällt aber jetzt leider alles weg, beziehungsweise liegt das nicht vor, wenn wir wieder zumachen müssen.

Schon lange wird vor dem Clubsterben gewarnt. Wie ernst ist denn die wirtschaftliche Situation jetzt?

Das grundlegende ist die fehlende Öffnungsperspektive. Wir hatten 18 Monate lang quasi keine Öffnungsperspektive. Bei möglichen Öffnungen und Erleichterungen hieß es immer, Clubs und Diskotheken müssen weiter geschlossen bleiben. Das hat natürlich dazu geführt, dass viele aus unserem Personal sich neue Jobs gesucht haben. Eine so lange Zeit mit dieser Ungewissheit zu überstehen, ist gerade für Menschen aus unserer Branche schwer. Das größte Problem, das wir im Moment haben, ist, dass uns das Personal abwandert. Einige Clubs konnten jetzt nicht öffnen, aufgrund der Tatsache, dass ihnen das Personal fehlt.

Das ist wie ein Schuss vor den Bug!

Steffen Kache | Clubbetreiber

Das andere Problem ist, dass wir immer wieder Konzerte und Touren verschieben müssen, weil wir deutschlandweit einen Flickenteppich haben: Wenn ein Bundesland jetzt mit den Schließungen wegfällt, dann bricht meistens eine ganze Konzerttour zusammen. Das heißt, wir werden erst wieder im Frühjahr 2022 ernsthaft mit Touren starten können. Die ganze Branche hat keine Perspektive. Wir hatten jetzt wirklich das Gefühl, jetzt geht es wieder los. Und jetzt ist das wieder weg. Das ist wie ein Schuss vor den Bug. Und das Vertrauen in die Branche, gerade von Leuten, die bei uns arbeiten wollen, schwindet immer mehr. So wird es immer schwieriger, das entsprechende Personal zu finden.

Im Laufe des im Leipziger Techno-Club Distillery durchgeführten Modellprojekts im Juni 2021 gab es keine Infektionen mit Covid 19. Bildrechte: IMAGO / Christian Grube

Wie sollte denn jetzt aus Ihrer Sicht eine Lösung aussehen? Denn dass bei den steigenden Corona-Zahlen gehandelt werden muss, steht ja sicher außer Frage.

Das ist uns auch bewusst. Man soll aber zum einen erstmal versuchen, die Zahlen genau zu betrachten: Wir reden zum einen von jungen Leuten zwischen 20 und 30, die erst vor kurzem geimpft wurden. Das heißt, die haben noch eine hohe Zahl von Antikörpern und sind noch gar nicht so infektiös. Es heißt immer wieder, dass Geimpfte gar nicht so massiv am Pandemiegeschehen teilnehmen. Und eine Maßnahme muss ja immer geeignet und angemessen sein. Und wir zweifeln ganz massiv an, dass diese Maßnahme, in Clubs wieder mit Maske und Abstand arbeiten zu müssen, überhaupt geeignet ist.

Das nächste ist ganz klar: Wir brauchen eine Impfpflicht, besonders in Sachsen für über 60-Jährige. Weil das sind ja die besonders gefährdeten Personen. Und man sollte das Thema PCR-Testungen für die Clubs ernsthaft prüfen. Ganz generell sehen wir das als großen Fehler an, die Testkapazitäten so massiv runterzufahren. Das fällt uns jetzt auf die Füße. Diese drei Möglichkeiten gibt es und wir fordern, dass diese ernsthaft geprüft werden.

Das Interview führte Moderatorin Ellen Schweda für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 05. November 2021 | 08:40 Uhr