Porträt Coming-Out in der sächsischen Provinz: Der queere Jazz-Musiker Erik Leuthäuser

Er ist der einzige Jazz-Tenor, der auf Deutsch singt: Der mehrfach ausgezeichnete Musiker Erik Leuthäuser zählt derzeit zu den aufregendsten Stimmen im Jazzbereich. Aufgrund seiner Queerness stieß er während seiner Kindheit im sächsischen Freital auf Ausgrenzung und Ablehnung. Heute lebt er in Berlin und hat bereits vier erfolgreiche Alben veröffentlicht. In der oft konservativen Jazz-Szene eckt der schwule Sänger allerdings noch heute an.

Der Sänger Erik Leuthäuser schaut lächelnd in die Kamera. Er trägt ein pinkes Cappie, eine Brille und auf seinem Shirt steht "Promote Homosexuality". Im Hintergrund hängt eine Regenbogenfahne.
Lange wurde Erik Leuthäuser für seine Homosexualität angefeindet. Die Musik hat dem Jazz-Tenor Halt gegeben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der schmale, tiefe Raum ist in bläuliches Licht getaucht. An den rotgestrichenen Wänden hängen zahlreiche gerahmte Fotos. Hinter der langen Bar mit den vielen Hockern steht auf einer kleinen Bühne mit rotem Wandvorhang ein Klavier. Auf dem Hocker sitzt ein Mann, der sein Handy auf das Notenpult gelegt hat. Er lässt seine Finger bedächtig über die Tasten gleiten und beginnt zu singen. Der erste Auftritt im Dresdner Jazz-Club Blue Note war für Erik Leuthäuser ein wichtiger Moment in seiner Musiker-Karriere.

Aufgewachsen ist Erik Leuthäuser in Freital unweit der sächsischen Hauptstadt. Die Musik ist ihm sozusagen in die Wiege gelegt worden: Sein Vater, Tino Leuthäuser, ist Jazz-Gitarrist und Musiklehrer. Im Alter von acht Jahren beginnt Erik, Musik zu machen und in einer Schulband zu singen.

Coming-Out und Flucht aus der sächsischen Provinz

Mit elf Jahren beginnt Erik zu vermuten, dass er schwul sein könnte. Später schreibt er seinem Vater einen Brief und erinnert sich: "Mein Papa ist damit total gut umgegangen. Ich bin meinen Eltern dankbar, dass sie so reagiert haben."

Seitenansicht auf den Musiker Erik Leuthäuser in einem orange-schwarz-gemusterten Pullover vor einem blau-weißem Himmel.
In seiner Jugend in Freital hatte Erik Leuthäuser viel mit Mobbing zu kämpfen. Bildrechte: Lisa Wassmann

In der Schule jedoch stößt er damals auf wenig Toleranz: Er wird von seinen Mitschülern beschimpft und fühlt sich ausgeschlossen: "Freital ist der Ort, der mir kaum etwas Positives gegeben hat, außer meinen musikalischen Vater."

In Dresden das Selbstbewusstsein entdeckt

Zunächst flüchtet sich Erik in die Musik: Mit 15 Jahren wird er am Landesmusikgymnasium in Dresden angenommen. Wegen seiner schlechten Erfahrungen an seiner alten Schule in Freital spricht er dort mit niemandem über seine sexuelle Identität. "Ich habe beschlossen, mich nur darüber zu definieren, was für ein Sänger ich bin, was für ein guter Musiker ich bin", erzählt Erik, der inzwischen zahlreiche Musikwettbewerbe in Riga, Montreux und Washington gewonnen hat.

Erik Leuthäuser sitzt an einer Straße und schaut nachdenklich nach oben.
"Musik hat mein Leben gerettet" – davon ist der Jazz-Musiker Erik Leuthäuser überzeugt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Dresden tritt Erik zum ersten Mal auf einer Jazz-Bühne auf und ist überwältigt von der Stimmung. "Da habe ich gemerkt, dass es das ist, was ich machen will", sagt Erik. "Das hat mir Selbstbewusstsein gegeben und Spaß gemacht." In Dresden lernt Erik auch Silke Krause und Lars Födisch kennen, mit denen er sein erstes Album aufnimmt. Er ist begeistert davon, seine eigene Musik erstmals auf einer CD zu hören.

Jazz-Studium in Berlin

Ende 2015 geht Erik nach Berlin, um Jazz-Gesang und -Komposition zu studieren. Zusammen mit seinem langjährigen Freund bezieht er eine Wohnung am Nollendorfplatz, dem queeren Epizentrum der Hauptstadt. Sein neues Leben ist wie ein Befreiungsschlag von seiner Jugend in Freital. In Berlin taucht er tief in die Club- und Drogenszene ein.

Der Jazz-Sänger Erik Leuthäuser steht in der Dämmerung vor einem großen Baum, über seinem nackten Oberkörper trägt er nur einen dunkelgrüne Daunenjacke.
Der Musiker Erik Leuthäuser hat inzwischen zahlreiche Musikwettbewerbe in Riga, Montreux und Washington gewonnen. Bildrechte: Lisa Wassmann

Wieder hilft ihm die Musik dabei, nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Mit "In The Land Of Kent Carlson: Live at A-Trane Berlin" hat Erik sein viertes Solo-Album veröffentlicht. In den Songs verarbeitet der 25-Jährige seine bewegte Vergangenheit: von seinen Erfahrungen als schwuler Mann bis hin zu seiner überwundenen Drogensucht. Es bleibt schwierig für Erik, denn auch in der vemeintlich offenen Hauptstadt wird der queere Musiker nicht immer mit offenen Armen empfangen. Eines steht für den Sänger jedoch fest: "Musik hat mich gerettet!"

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Dieses Thema im Programm: MDR+ | 03. Februar 2022 | 19:45 Uhr

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