Interview Trompeter Ludwig Güttler zum Ende seiner Karriere: "Ich bin voller Dankbarkeit"

Der Dresdner Trompeter Ludwig Güttler verabschiedet sich mit 79 Jahren, nach mehr als 50 Jahren auf der Bühne, vom Konzertleben. Der bekannteste Botschafter der Dresdner Frauenkirche und weltweit geschätzte Trompeten-Virtuose gab am 29. Dezember 2022 in Röhrsdorf bei Meißen mit dem Blechbläserensemble Ludwig Güttler sein letztes Konzert. Am 1. Januar 2023 fand ihm zu Ehren ein Abschiedskonzert in der Frauenkirche Dresden statt. Im Interview verrät er u.a., ob ihm der Abschied von der Bühne schwerfällt und warum er für die Musik mit einer Familientradition brach.

Ein Mann mit einer Trompete in der Hand
1943 in Sosa im Erzgebirge geboren und heute in Dresden lebend, hatte der Weltstar Ludwig Güttler seine Karriere als Solotrompeter bei den Dresdner Philharmonikern begonnen. Bildrechte: dpa

MDR SACHSEN: Ihr aktives Konzertleben neigt sich dem Ende zu. Wie erlebt das ein Künstler wie Sie? Drückt man das weg oder beschäftigt Sie das im Hinterkopf?

Ludwig Güttler: Das beschäftigt mich – ich muss es ganz brutal sagen – überhaupt nicht! Ich bin voller Dankbarkeit für die 15 Jahre, die mir über die Schwelle von 63-65 Jahren gegeben sind – verglichen mit den Kollegen, die an ersten Positionen musizieren und die mit 63, spätestens 65 oder auch schon vorher eine hintere Position einnehmen oder anstreben.

Und ich habe das einfach "überspielt", weil ich keinen Grund verspürt habe, aufzuhören oder ins zweite Glied zu treten. Und in meinen eigenen Ensembles, die ich habe – dem Leipziger Bach-Collegium, den Virtuosi Saxoniae, dem Blechbläserensemble und auch die Trompeter-Orgel-Konzerte, von denen wir, Friedrich Kircheis und ich, das letzte im November gemacht haben – gab es keinen Anhaltspunkt, das sein zu lassen oder einzuschränken oder umzustrukturieren.

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Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Und jetzt? Wir hatten gerade in Pirna, in der ganz herrlichen Marienkirche, den Abschluss von 30 Jahren "Sandstein und Musik". Und die Menschen hatten Tränen in den Augen und kamen nach dem Konzert zu mir, haben wunderbare Dinge gesagt.

Und wenn ich in die Augen der Menschen da sehe, auch wenn sie nichts sagen würden, dann weiß ich: Güttler, du hast nicht alles verkehrt gemacht, einiges war richtig!

Ludwig Güttler, Trompeter

Sie werden im Juni 2023 80 Jahre alt. Und gerade bei den Blasinstrumenten ist die Physis etwas ganz Wichtiges, die Lunge! Wie haben Sie es geschafft, so lange so fit zu bleiben?

Ich muss Ihnen ehrlich sagen: Ich habe einfach Luft geholt und habe mit der Luft geblasen. Es ist kein besonderes Rezept. Ich habe immer in den Bergen – ich bin auch im Erzgebirge geboren – die Luft gerochen, eingesogen. Wie auch an der Ostsee. Die unterschiedlichen Lüfte haben mir auch dabei geholfen. Und da ich das intensiviert habe und früh, wenn ich aufgestanden bin, erstmal ans offene Fenster gehe und ein paar Atemzüge nehme, ist für mich ein Lebensmittel, pauschal gesagt. Ohne Luft geht gar nichts! Ohne Essen geht es ein paar Tage – aber ohne Luft geht es nicht mal ein paar Minuten.

Und die Physis? Viel laufen! Ich hätte noch mehr laufen müssen, aber mehr als ich gemacht habe, konnte ich einfach nicht machen. Der begrenzende Faktor war nicht die Kraft, er war die mögliche Zeit. Und die Frauenkirche hat nochmal sehr viel Zeit gekostet, da habe ich neben meiner Konzerttätigkeit noch eine halbe Stelle eines Geschäftsführers über die Runden gebracht. Und ich kann nur dankbar sein. Auch für alle, die mit mir gearbeitet und mir zugearbeitet haben und die das überhaupt alles erst ermöglicht haben: Herr Steude, mein Geschäftsführer, und Herr Dr. Jäger bei der Frauenkirche. Es waren einfach Menschen, die man auch nachts halb zwei noch anrufen kann. Das waren keine Vertreter dieser Ideologie "16 Uhr ist mein Feierabend und danach gibt es nichts mehr". Es ging auch gar nicht. Es ging so oder nicht.

Ein Mann steht in einem Garten
Ludwig Güttler wurde am 13. Juni 1943 in Sosa im Erzgebirge geboren. Nun mit 79 Jahren verabschiedet er sich aus dem Konzertleben. Bildrechte: dpa

Was gab bei Ihnen seinerzeit den Ausschlag für die Trompete als Instrument?

Ich habe vorher erst andere Blechblasinstrumente gespielt – mit Ausnahme der Tuba alle. Es war ein Nebenbei, ich wollte nicht Musiker werden. Ich war auf dem Weg des Architekten und Baumeisters. Die großväterliche Firma, seit dem Bauernkrieg in Familienbesitz, war ein Heiligtum. Und dann, in der elften Klasse auf der Oberschule – ich hatte ja den mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweig gewählt – dachte ich "Ludwig, bist du wirklich dazu da, um vor jedem Sack Zement auf die Knie zu fallen und um jeden Balken zu bitten? Das kann es doch nicht sein!" Und ich bin nach Leipzig gefahren, auf die Musikhochschule und habe eine Eignungsprüfung – noch keine Aufnahmeprüfung – gemacht. Und da sagten die Professoren, die dort versammelt waren: Machen Sie das Abitur fertig und kommen Sie wieder! Und so habe ich es gemacht.

Sie haben ja auch selbst – mit einem Leipziger Instrumentenbauer – ein ganz spezielles Horn entwickelt ...

Das Corno da caccia, das Jagdhorn. Um die für heutige Begriffe sehr hohen Partien, die Bach dem Horn abverlangt, nicht nur einem Spezialistenkreis möglich zu machen, sondern auch einer breiteren Gruppe von Interessenten und Könnern, habe ich das Corno da caccia mitentwickelt. Übrigens Peter Damm von der Hornseite auch. Und heute ist es so, dass das Corno da caccia von fast allen Instrumentenmachern gebaut wird. Wenn ich mir so meine Kollegen im Blechbläserensemble anschaue, die spielen alle ein Corno da caccia. Vor zehn, fünfzehn Jahren war ich mit Kurt Sandau der einzige.

Ein Mann spielt auf einem Jagdhorn.
Güttler spielt auf dem von ihm miterfundenen Corno da caccia, dem Jagdhorn. Bildrechte: IMAGO / Sven Simon

Warum hat es Ihnen die Musik des Barock – Johann Sebastian Bach und natürlich viele seiner Zeitgenossen – besonders angetan?

Schauen Sie, wir haben doch eine Explosion der Künste. Ob wir da den Orgelbau nehmen oder die Malerei. Nach diesem verheerenden Dreißigjährigen Krieg diese unglaubliche Fülle, diese Fantasie, dieses formale Experimentieren, das Ausfüllen der bisherigen Formen Präludium und Fuge. Das alles war von einer unbändigen Leuchtkraft, Farbe, Kraft. Dem konnte ich mich einfach nicht entziehen!

Ich wusste mit dem damaligen, rudimentären Wissen, dass, wo Komponisten gewirkt haben, da muss es Musiker gegeben haben, die das spielen konnten! Da muss es Räume gegeben haben, in denen das geklungen ist! Da muss es Menschen gegeben haben, die das hören wollten! Und, und, und … Deshalb habe ich mich auf den Weg gemacht und einfach in Archiven und Bibliotheken gesucht. Und ich hatte Recht behalten, die waren übervoll. Wenn ich heute daran denke, allein die Sächsische Landesbibliothek, wo wir mit Musikwissenschaftlern dran sind, die hat noch 48.000 unveröffentlichte Autographen.

Das Gespräch führte Andreas Berger für MDR SACHSEN.
Kürzung und redaktionelle Bearbeitung: op

Angaben zu den Konzerten Letztes Konzert:
Blechbläserensemble Ludwig Güttler
29. Dezember 2022, 17 Uhr
Röhrsdorf bei Meißen / St. Bartholomäuskirche
Eintrittskartenn beim Pfarramt

Neujahrskonzert:
"Hallelujah!" - Dankkonzert zur Verabschiedung von Ludwig Güttler
1. Januar 2023, 20:30 Uhr
Frauenkirche Dresden, Hauptraum

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Aufgefallen | 19. Dezember 2022 | 20:00 Uhr

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