Premiere "chasing waterfalls": Künstliche Intelligenz an der Dresdner Semperoper

Die Semperoper Dresden wirbt mit dem Versprechen der "spannendsten Uraufführung der Saison" : In "chasing waterfalls" übernimmt zum ersten Mal eine Künstliche Intelligenz (KI) eine Hauptpartie, textet, komponiert und singt zudem live während der Aufführung. Kreiert haben diese sogenannte Artificial Intelligence Oper der Komponist Angus Lee, das Berliner Künstler-Kollektiv phase7 und das Studio for Sonic experiences kling klang klong.

"Chasing Waterfalls" an der Semperoper
Mit der Premiere von "chasing waterfalls" am 3. September hält Künstliche Intelligenz Einzug in die Dresdner Semperoper. Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Sie gehört längst zu unserem Alltag: KI! Künstliche Intelligenz steckt im Smartphone, wird im Haushalt, der Industrie, der Medizin, beim autonomen Fahren und vielem anderen genutzt. Was aber passiert, wenn KI Kunst, gar Musiktheater machen soll? Genau für dieses Experiment hat – man höre und staune –, die traditionsbewusste Semperoper, wo die "Säulen-Heiligen" Wagner, Weber und Strauss allgegenwärtig sind, ihre Pforten weit geöffnet. 

Eine Animation von Gesichtern durch Künstliche Intelligenz.
Die KI-Oper "chasing waterfalls" erkundet, welche Auswirkungen Künstliche Intelligenz auf unser menschliches, soziales und kreatives Sein hat. Bildrechte: Studio Eigengrau/Hajo Rehm

"chasing waterfalls": Tröpfelnder Wasserfall versus Big Data

Beeindruckt an "chasing waterfalls" haben mich die Bild- und vielschichtigen Projektionswelten, durchaus auch die live und elektronisch-erzeugte Musik sowie die anspruchsvollen Gesangspartien, weniger der Plot und das Libretto. Da schrammte dann doch so manches, was mit Hilfe von computergenerierten Algorithmen co-produziert wurde, die Grenze zur Banalität. Und dennoch: Der Abend entwickelt eine eigene Atmosphäre und allein der Mut der Semperoper, sich für ein relevantes, zudem gerade höchst umstrittenes Thema zu engagieren, ist hoch anzuerkennen. Damit künstlerisch auch ein Stück weit am eigenen Anspruch einer "KI-Oper" zu scheitern, ist der Materie offenbar implizit. 

Wenn künstliche Intelligenz Kunst schafft

Worum geht es? Die Gretchenfrage lautet: Kann Künstliche Intelligenz künstlerisch schöpferisch arbeiten? Die Antwort lautet – nein! Alles, was KI leistet, ist eine Kopie menschlicher Kreativität, respektive menschlicher Vorgaben. KI an sich ist nicht eigenschöpferisch-kreativ, ihr fehlt dafür im Kern das Bewusstsein. Gleichwohl werden in "chasing waterfalls" die ganz großen Fragen aufgeworfen: Wer bin ich? Wer beziehungsweise was bestimmt meine Identität? Welche Rolle spielt die Virtualität und droht der "Machtkampf" zwischen Mensch und Maschine eines Tages zu kippen? Künstliche Intelligenz also als Utopie oder Dystopie?

"Chasing Waterfalls" an der Semperoper
Das Ich versucht sich in seinen Computer einzuloggen und wird von der Maschine mit der Frage nach seinem Sein konfrontiert. Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

In "chasing waterfalls" wird einem weiblichen, realen Ich ein virtuelles Ich (beide hervorragend gesungen und gespielt von Eir Inderhaug) gegenübergestellt. Das reale Ich will sich eines morgens in seinen Rechner einloggen, scheitert aber an der Maschine: "Not convinced you are not a robot – Sie sind nicht Sie selbst." Am Ende klappt die Anmeldung noch, verliert sich das reale Ich jedoch in virtuellen Welten. Dort wird es mit seinen digitalen Twins konfrontiert und während die Grenzen zwischen realer und virtueller Welt immer mehr verschwimmen, kämpft das reale Ich um seine Existenz.  

Kann die "KI-Oper" überzeugen?

"chasing waterfalls" ist eine künstlerische Gemeinschaftsarbeit der Semperoper mit  Musikerinnen und Musikern der Staatskapelle Dresden sowie verschiedenen Akteuren der Freien Szene, bei der man als Besucher in völlig neue, zum Teil beeindruckende Klang- und Bildwelten eintaucht, die einen durchaus nachdenklich zurücklassen. Dass ausgerechnet jene Szene Nr.5, in der die KI "träumt", also live textet, komponiert und interpretiert, künstlerisch am wenigsten fasziniert, hat bei all dem in gewisser Weise auch etwas beruhigendes. So wie die Tatsache, dass am Ende dieser mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz entwickelten Oper mehr Fragen offen bleiben, als Antworten gegeben werden (können)! 

Jessica Harper (Schein, Ego fluens), Julia Mintzer (Glück, Ego fluens), Tania Lorenzo (Kind, Ego fluens), Simeon Esper (Zweifel, Ego fluens), Sebastian Wartig (Erfolg, Ego fluens), Eir Inderhaug (Reales Ich/Virtuelles Ich)
Teile der Oper "chasing waterfalls" werden live und autark von einer Künstlichen Intelligenz komponiert. Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Angaben zur Inszenierung

Oper
"chasing waterfalls"
Angus Lee / phase7 / kling klang klong
Premiere: 3. September 2022

Uraufführung. Eine Artificial Intelligence Oper von phase7 performing.arts BerlinLibretto von Christiane Neudecker
In deutscher und englischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Ort: Semperoper Dresden I Theaterplatz 2, 01067 Dresden

Nächste Termine: 8. und 11. September, 20 bis 21:10 Uhr, keine Pause

Am 11. September ist zudem ein Symposium zum Thema Künstliche Intelligenz geplant. Ab 11 Uhr soll es mehrere Vorträge in der Semperoper geben. Der Eintritt ist frei.

Besetzung
Musikalische Leitung: Angus Lee
Idee, Konzept: Sven Sören Beyer, Johann Casimir Eule, Christiane Neudecker
Inszenierung: Sven Sören Beyer
Bühnenbild: Sven Sören Beyer, Pedro Richter
Kostüme: Pedro Richter
Licht: Henning Schletter
Visuals: Ployz, Studio Eigengrau, Frieder Weiss
Komposition, Raumklang, Sound Design: kling klang klong
Dramaturgie: Johann Casimir Eule
Reales Ich/Virtuelles Ich: Eir Inderhaug
Kind, Ego fluens: Tania Lorenzo
Schein, Ego fluens: Jessica Harper
Erfolg, Ego fluens: Sebastian Wartig
Zweifel, Ego fluens: Simeon Esper
Glück, Ego fluens: Julia Mintzer
Algorithmus, Ego fluens: Artificial Intelligence

Sächsische Staatskapelle Dresden
Eine Koproduktion von Semperoper Dresden und phase7 performing.arts Berlin sowie dem New Vision Arts Festival, Hongkong
Projekt Partner: T-Systems MMS
Mit freundlicher Unterstützung der Sächsischen Semperoper Stiftung

(Redaktionelle Bearbeitung: Rebekka Adler)

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. September 2022 | 06:30 Uhr