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Semperoper DresdenNichtverlängerung Thielemann und Theiler: "Man kann nicht zwei konträre Alphatiere in eine Art Zwangsehe stecken"

Politische Weitsicht oder Affront?

Was die Nichtverlängerung für Thielemann und Theiler an der Dresdner Semperoper bedeutet

Stand: 11. Mai 2021, 14:38 Uhr

Die Nachricht kam überraschend: Mit dem Ende der Spielzeit 2023/2024 endet die Arbeit an der Semperoper für Chefdirigent Christian Thielemann und Intendant Peter Theiler. Während Thielemanns Vertrag nicht verlängert wird, darf auch Theiler nur kürzer als erwartet in Dresden bleiben. Was steckt dahinter – politische Weitsicht oder ein Affront? Und was wird das für Konsequenzen haben? MDR KULTUR-Musikexperte Michael Ernst mit seiner Einschätzung.

MDR KULTUR: Der Vertrag von Peter Theiler als Intendant der Semperoper läuft aus, und der Chefdirigent der Staatskapelle, Christian Thielemann, wird auch nicht verlängert. Michael Ernst von MDR KULTUR kennt alle, die dabei auftreten in diesem Drama. Ist es überhaupt dramatisch? Im Sommer 2024 sollen die Verträge von den beiden auslaufen, und die sächsische Staatsregierung will offenbar, dass dort etwas Neues beginnt. Macht also Barbara Klepsch, Staatsministerin für Kultur, einfach ihren Job mit politischer Weitsicht?

Michael Ernst: Das kann man als Drama bezeichnen. Man kann es aber auch nüchtern bezeichnen, dass einfach nach vorne geschaut wird und neue Weichen gestellt werden sollen für das Haus. In Sachen Peter Theiler, dem Intendanten der Semperoper, kam das gar nicht so überraschend. Sein Vertragsgespräch stand jetzt einfach an, ob er nach den ersten vier Jahren, die er in Dresden sein wird, verlängert wird. Was überraschend war, dass er nur um ein Jahr, um eine Spielzeit verlängert wird. Damit hat er seinen Plan, gesellschaftlich relevantes Musiktheater in Dresden zu etablieren, gar nicht umsetzen können. Er ist ja wegen der Pandemie sowieso sehr zwangsgebremst gewesen mit diesem Anspruch.

Bei Christian Thielemann allerdings ist es doch so eine Art Paukenschlag, vielleicht doch ein Drama. Denn es ist in seiner ganzen Geschichte, soweit ich weiß, das erste Mal, dass er eine Position räumen muss, weil sein Vertrag nicht verlängert wird. Ob das nun politische Weitsicht ist? Es wäre zu wünschen. Aber ich bin da doch einigermaßen skeptisch. Ich sehe auch einen Affront in dieser Geschichte.

Der Freistaat ist der Arbeitgeber für die Staatsoper, für die Sächsische Staatskapelle und trifft damit eben auch Personalentscheidungen. Inwiefern also ein Affront?

Sie haben vollkommen recht. Er ist der Arbeitgeber und hat natürlich die Personalhoheit. Aber wie gesagt, Peter Theiler, der erst seit 2018 in Dresden ist, für ihn ist es eigentlich ein Schlag ins Gesicht, wenn er jetzt nur um ein Jahr verlängert wird, denn normal sind da doch zwei Jahre länger oder sogar vier Jahre länger. Und jetzt hat er eben keine Chance, seine Pläne, seine künstlerischen Vorhaben wirklich zu entfalten.

Und für Christian Thielemann, der seine Chefpositionen in Nürnberg, Berlin, München immer mit einem gewissen Theaterdonner verlassen hat, für den ist es geradezu eine Brüskierung. Schließlich hat er eine enorme Reputation. Ob das seine Konzerte sind in Dresden, ob das seine Opern sind, ob das die internationalen Tourneen mit der Kapelle gewesen sind oder auch die CD-Einspielungen – er ist ein Botschafter für die Dresdner, für die sächsische Kultur. Und das wird jetzt einfach gebremst.

Ministerin Barbara Klepsch lässt aber in ihrer Pressemitteilung auch ausrichten, dass sie sich freuen würde, wenn Christian Thielemann der Staatskapelle anhänglich verbunden bliebe.

Ich gebe zu, als ich diese Meldung auf meinen Tisch bekommen habe, musste ich ein bisschen schmunzeln. Ich zitiere mal da raus. Frau Klepsch schreibt oder lässt schreiben: "Unabhängig davon würde ich mich freuen, wenn Christian Thielemann mit seinem weltweit geachteten Profil auch weiterhin der Semperoper künstlerisch verbunden bleibt." Ich habe einen Kopf geschüttelt, als ich das gelesen habe, weil entweder ist es blanker Hohn oder doch ein eindeutiges Unverständnis, wie solche Koryphäen ticken. Christian Thielemann, er ist durchaus eine streitbare Persönlichkeit, aber künstlerisch doch von ziemlich solitärem Niveau und jetzt auf einem seit Jahren anhaltenden Höhepunkt.

Wenn ich Ihnen so zuhöre, dann habe ich das Gefühl, dass da die ganze Energie gerade sehr bei Christian Thielemann ist. Ist das eigentlich fair Peter Theiler gegenüber?

Peter Theiler ist nicht so der Star der Kulturszene. Er wird eher als Mann für das Gediegene wahrgenommen, zumal es ja kürzlich erst einen heftigen Zwist um seine spielerische Zurückhaltung in Zeiten des Lockdowns gegeben hat. Thielemann hat dagegen gedrängt, dass er mit seiner Staatskapelle doch spielen kann. Und diese Konflikte, die will sich die Staatsregierung natürlich vom Halse schaffen in Zukunft. Nicht zuletzt auch wegen der Erfahrungen – das war allerdings in der Zeit vor Barbara Klepsch – im Streitfall zwischen Christian Thielemann und Serge Dorny.

Dann nehmen wir noch kurz den Belgier Serge Dorny, der im Moment Intendant in Lyon ist und künftig die Bayerische Staatsoper übernehmen wird. Ist er nicht an der Alfa-Mentalität von Christian Thielemann gescheitert? Und gibt es nicht an den Theatern inzwischen fast überall die Debatte um zeitgemäße Organisationskultur? Reagiert Barbara Klepsch vielleicht einfach auf diese Entwicklung?

Wie gesagt, vielleicht ist das ja die erwähnte politische Weitsicht. Und generell kann man auch sagen: Es ist nur richtig, Intendanz und musikalischen Leitung an so einem großen Haus einvernehmlich zu besetzen. Also nicht zwei konträr zueinander eingestellte Alphatiere in eine Art Zwangsehe zu stecken. Wenn die gemeinsam antreten, dann ist das durchaus sinnvoll und kann für eine künstlerische Planung sehr solide wirken. Aber die Art und Weise, wie das in Dresden kundgetan worden ist, die wirkt zumindest befremdlich. Es ist gut möglich, dass da auch der erwähnte, jüngste und sehr öffentlich gewordene Konflikt zwischen Theiler und Thielemann mit dazu beigetragen hat. Nach dem Motto: Diesen Zoff wollen wir nicht mehr haben.

Die Ministerin lässt auch erklären: "Die Oper werde in zehn Jahren eine andere sein als die Oper von heute. Sie werde teilweise neue Wege zwischen tradierten Opern und Konzertaufführung und zeitgemäße Interpretation von Musiktheater und konzertanter Kunst gehen müssen." Regiert da jetzt Barbara Klepsch dort in Konzept und Programm hinein?

Das nehme ich nicht an, dass sie in die künstlerische Freiheit reinregieren will. Die erwähnte Kernkompetenz mit Wagner, mit Strauss-Repertoire, das ist sicherlich nicht alles, wofür die Kapelle und die Semperoper stehen dürfen. Da muss mehr passieren. Und da ist in der Vergangenheit, als das möglich war, auch mehr passiert. Aber dass das Ministerium jetzt einen innovativen Ansatz künstlerisch und vielleicht auch digital verfolgt – ich fürchte, da würde man das Ganze überschätzen. Aber vielleicht irre ich mich da auch.

Im Moment bleibt wirklich nur festzuhalten, dass eine große Irritation sowohl am Haus als auch im Orchester herrscht. Denn nicht mal der Orchestervorstand ist in die Entscheidung, dass Christian Thielemann nicht verlängert werden soll, mit einbezogen gewesen und wurde gestern auch nur mit dem Ergebnis konfrontiert. Das hat es so noch nie gegeben, denn normalerweise macht das Orchester Vorschläge für den künftigen Chef und nach einer internen Abstimmung innerhalb des Orchesters wird das dann der Politik vorgetragen und dann erst entschieden.

Wenn jetzt natürlich die Politik so über die Zukunft entscheidet, dann wachsen doch vorsichtige Sorgen, dass es sich nicht nur um künstlerische Inhalte handelt, sondern vielleicht auch um wirtschaftliche Beweggründe. Die Pandemie wird enorme Folgekosten nach sich ziehen. Dass das jetzt schon ins Auge gefasst wird, da kann ich eigentlich nur hoffen, dass ich mich irre.

Das Interview führte Carsten Tesch für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 11. Mai 2021 | 08:40 Uhr