Jugend ohne Party Festivals in der Pandemie: Rocken mit Hygienekonzept

In den Niederlanden haben Musikfestivals vor einigen Wochen dazu beigetragen, dass die Corona-Inzidenzen wieder stark gestiegen sind. Allein bei einer Veranstaltung in Utrecht infizierten sich rund 1.000 Menschen. Hierzulande sind die großen Festivals abgesagt worden, etwa das "Melt!" in Gräfenhainichen, das "Highfield", das "Rudolstadt-Festival" oder das "SonneMondSterne" in Thüringen. Kleinere Festivals wie das "Rocken am Brocken" im Harz finden dagegen statt. Aber auch sie haben mit Problemen zu kämpfen.

Publikum vor einer Bühne
Schon 2020 war das "Rocken am Brocken" pandemiebedingt nur eine kleine Veranstaltung. Bildrechte: Merlin Schönfisch

Die großen Festivals mit zwanzig-, dreißig- oder sogar achtzigtausend Zuschauerinnen und Zuschauern wurden in diesem Jahr alle abgesagt – vom "Melt!" in Gräfenhainichen übers "Highfield" am Störmthaler See bis hin zum "Rudolstadt-Festival" und "SonneMondSterne" in Thüringen.

Es ist die Stunde der kleinen Festivals. Noch geringe Inzidenzen und Zuschauerzahlen im niedrigen Tausenderbereich – so können kleinere Festivals stattfinden. Zum Beispiel das "Rocken am Brocken" im Harz, bei dem am 6. Und 7. August 2.000 Besucherinnen und Besucher zugelassen sind. Auch wenn das nur ein Drittel des gängigen Publikums ist, beim "Rocken am Brocken" ist man sehr froh, dieses Jahr wieder stattfinden zu können.

Erst vor drei Wochen wurde das Festival von den Behörden genehmigt, erzählt Jonas Seetge aus dem Orgateam. In so kurzer Zeit noch an genügend Künstlerinnen und Künstler zu kommen – gar nicht so leicht. Viele seien beispielsweise schon für Picknick- oder Strandkorb-Konzerte ausgebucht gewesen. So wurde das Programm von drei auf zwei Festivaltage gekürzt.

Beim "Rocken am Brocken" gibt noch Tickets

Jonas Seetge
Jonas Seetge, einer der Organisatoren des "Rocken am Brocken" Bildrechte: Till Petersen

Letzte Tickets gibt es noch. Denn auch die Festivalgänger wurden vom kurzfristigen Stattfinden überrascht. Jonas Seetge kann sich vorstellen, dass viele bereits anderweitig verplant sind, keinen Urlaub bekommen oder nicht alles für das eine Festival umschmeißen können.

Jonas Seetges Vermutung deckt sich mit den Erfahrungen von Tim in Leipzig. Der 25-Jährige ist eigentlich leidenschaftlicher Festivalbesucher. Doch als zu Beginn des Jahres nicht klar war, was stattfindet und was nicht, hat er sich nicht um Tickets gekümmert. Und jetzt sei der Sommer schon relativ verplant.

Auch Natalia hat bisher noch keinen Festivalbesuch im Kalender stehen – zu wenig war vorab planbar. Sonst geht sie oft zu großen Festivals mit über hunderttausend Besucherinnen und Besuchern. Da sie geimpft ist, würde sie sich auch diesen Sommer auf ein Festival trauen. Auch wenn die Zahlen steigen, sagt sie, mit einem Zertifikat, dass sie geimpft sei oder genesen, wüsste sie nicht, was sie davon abhalten sollte. Viel eher ist ihr Bedenken, dass sie ihr Geld nicht zurückbekommt, sollte ein Festival doch abgesagt werden.

Geimpfte fühlen sich sicher

Auch die 20-jährige Noa ist geimpft – und fühlt sich deshalb sicher. Dennoch würde sie vor einem Festival zunächst das Hygienekonzept anschauen und gucken, wie die Abstände sind. Julia fährt im September aufs "Tarmac Festival" in Allstedt, Sachsen-Anhalt. Das gehört auch zu den kleineren Festivals und ist bereits ausverkauft. Sie hofft, dass dort alle verantwortungsbewusst sind. Es werde sicher zunächst ungewohnt sein, mit vielen Menschen unterwegs zu sein, glaubt sie: "Ich denke, die meisten haben begriffen, dass man sich eher in kleineren Gruppen bewegt und mit den Leuten zusammenbleibt, mit denen man hinfährt."

Beim "Rocken am Brocken" im Harz gibt es ein klares Hygienekonzept: Die drei Gs, wie Jonas Seetge es nennt: Genesen, Geimpft oder Getestet. Tests gibt es nicht nur bei der Anreise: Jeden Tag wird ein Antigen-Schnelltests durchgeführt, falls man noch nicht geimpft oder genesen ist, bevor es aufs Festivalgelände geht.

Hat man einmal die Testprozedur durchlaufen, soll auf dem Gelände Festivalstimmung herrschen. "Gerade vor den Bühnen werden diese Abstandsregeln größtenteils entfallen", berichtet Jonas Seetge. Da gehe es um Augenmaß, und wo es geht, seien die Besucherinnen und Besucher angehalten, Abstand zu halten und Maske zu tragen, beispielsweise bei den Essensständen. Auch soll eine in Zeitfenster gestaffelte Anreise Menschentrauben vermeiden.

Hygienekonzept soll Festivalstimmung ermöglichen

Auch wenn die Abstandsregeln vor der Bühne entfallen: Besonders eng werde es dort wohl trotzdem nicht werden, glaubt Seetge. Denn dort könnten theoretisch auch zehntausend Menschen stehen. Die zugelassenen 2.000 hätten also enorm viel Platz.

Beim Rocken am Brocken schaut man mit Respekt auf steigende Inzidenzen und die dominierende Delta-Variante – wie die ganze Branche, so Organisator Seetge. Wenn jetzt, wie in Spanien, Frankreich oder den Niederlanden die Inzidenzen wieder hochschießen, dann könnten auch Festivalgenehmigungen gekippt werden. Das würde dann entsprechend wieder das Aus für das Jahr bedeuten.

Festivals auf mehrere Wochenenden verteilen?

Mit Blick auf das Festival im niederländischen Utrecht mit 20.000 Besucherinnen und Besuchern, bei dem im Juli 1.000 Menschen danach infiziert waren, grenzt er ab: In Utrecht seien zum Zeitpunkt des Festivals die Inzidenzen vor Ort schon recht hoch gewesen und ein Großteil des Festivals hätte indoor stattgefunden. Solche Vorfälle sorgten gerade bei den Behörden für viel Unsicherheit. 20.000 Menschen zu Gast zu haben oder 2.000 ist ein Unterschied.

Eine Idee großer Festivals ist es dieses Jahr, die Veranstaltung auf mehrere Wochenenden mit jeweils weniger Publikum zu verteilen. Diesen Weg gehen die Festivals die "Wilde Möhre", die "Fusion" und die "Nation of Gondwana", die in Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern stattfinden. Für das SonneMondSterne Festival, bei dem normalerweise im thüringischen Saalburg über 30.000 Gäste feiern, ist das keine Option. Philipp Helmers aus dem Orgateam des Festivals sagte MDR KULTUR, damit werde der kleine Ort zu sehr überlastet.

Die kommenden kleineren Festivals, sie hängen am seidenen Faden der Inzidenz. Das Publikum wiederum bewegt sich zwischen Pandemievorsicht, Planungsunsicherheit, Festivalvorfreude.

Mehr zu Festivals unter Pandemiebedingungen

Schloss Weitersroda bei Hildburghausen und sein Besitzer, Florian Kirner. 8 min
Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Mehr Festivals

Mehr Rock und Pop

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. August 2021 | 06:15 Uhr

Abonnieren

Kultur

Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei