Veranstaltungsbranche Nach der Pandemie: Festivals stehen vor entscheidender Saison

Die meisten Festivals in Mitteldeutschland haben zwei Jahre Pandemie überleben können - dank staatlicher Hilfen und vieler Spenden ihrer Fans. Doch jegliche Reserven sind aufgebraucht und die Kosten steigen teils sehr stark. Für die Branche startet die entscheidende Saison. Auf welche Unterstützung kann sie zählen?

Feiernde Menschen vor einer Bühne des Rudolstadt-Festivals
Menschen feiern beim Rudolstadt-Festival. Bisher zeigen Besucher Verständnis über die gestiegenen Kosten. Bildrechte: Matthias Kimpel

Zwei Jahre pandemiebedingter Festivalausfall: 2019 war der letzte Sommer, in dem in Menschenmassen getanzt und die Zeilen der kollektiven Lieblingsmusik mitgebrüllt oder ruhigeren Tönen andächtig gelauscht worden ist. Etwas, das für viele ganz selbstverständlich jedes Jahr dazu gehörte, fiel 2020 auf einmal weg.

Ob das Rudolstadt-Festival, das Nachtdigital, die Händel-Festspiele Halle oder das Leipziger Wave-Gotik-Treffen: All diese Veranstaltungen fielen aus. Oft erst kurzfristig. Und sehr lange gab es keine Gewissheit, wann es weitergeht.

Immer wieder versuchten die Veranstalter trotzdem zu planen, Tickets loszuwerden: Um dann doch an Inzidenzen, finanziell nicht umsetzbaren Hygieneauflagen oder unzureichenden Verkaufszahlen zu scheitern.

In diesem Frühjahr scheint die Lage für die mitteldeutschen Festivals endlich besser zu sein. Die Organisatoren von Nachtdigital etwa planen fest mit ihrem neuen Techno-Festival Escape to Olganitz. "Wir haben vor einem Monat das Festival angekündigt und es war direkt ausverkauft. Es gibt eine unbändige Lust, an Festivals teilzunehmen - und das motiviert natürlich enorm", sagt Benjamin Leonhardi vom Nachtdigital-Team.

Auch das Rudolstadt-Festival verzeichnet gute Zahlen im Vorverkauf: Innerhalb der ersten zwei Wochen wurden mehr als 10.000 Tickets gekauft - so schnell wie nie.

Wir haben vor einem Monat das Festival angekündigt und es war direkt ausverkauft.

Benjamin Leonhardi Nachtdigital-Team

Trotz hoher Nachfrage bleibt Planung schwierig

Doch trotz der zufriedenstellenden Vorverkaufszahlen bei zumindest einigen Veranstaltern besteht ein Problem weiter: die fehlende Planungssicherheit. Bei nahezu allen Veranstaltungen konnte der Vorverkauf erst mehrere Monate später starten - aus Unsicherheit über die geltenden Hygieneauflagen.

Die diesjährige Vorsicht der Veranstalter resultiert auch aus den Verlusten des Vorjahres: 2021 wurden viele Tickets früher zum Verkauf freigegeben, was neben einer höheren finanziellen Vorleistung, beispielsweise für Werbung, auch zu einer riskanten Kalkulation des Festivals selbst führt. Eine Erfahrung, die auch Clemens Birnbaum als Stiftungsdirektor der Händel-Festspiele Halle machen musste.

Bei den letzten Festspielen hatten wir ein Planungsmodell von 2020 für die Händel-Festspiele 2021 genommen und den Kartenvorverkauf begonnen. Das führte dazu, dass wir Anfang März die Festspiele absagen mussten.

Clemens Birnbaum Intendant Händelfestspiele

Um finanziell überstehen zu können, ist ein zaghaftes Planen also notwendig - was gleichzeitig eine Entscheidung ist, die eigene Konsequenzen mit sich bringt. Gerade bei einem überregionalen Event wie den Händelfestspielen, zu denen viele internationale Gäste anreisen, braucht es Vorlauf, um Flugreisen zu planen und Unterkünfte zu buchen - bei gleichzeitiger Unsicherheit darüber, welche Einreisebestimmungen zu dem Veranstaltungszeitpunkt gelten. Entsprechend zögernd äußert sich aktuell noch das Kaufverhalten des anreisenden Publikums.

Konzerte "kannibalisieren sich"

Eine Entwicklung, die auch der Bundesverband für Konzert- und Veranstaltungswirtschaft beobachtet. Neben dem Gefühl, den Planungen noch nicht ganz trauen zu können, sorgen sich weiter viele, sich in großen Menschenmassen anzustecken. Zudem sei durch viele verschobene Konzerte aufgrund der neuen Termine aktuell geradezu ein Überangebot vorhanden, berichtet Verbandsvorstand Professor Jens Michow und verdeutlicht: "Tatsächlich ist es so, dass eine Veranstaltung die andere kannibalisiert". Dies führt zu Schwierigkeiten, Hallen für die Veranstaltungen zu finden, und lässt die Preise für Veranstaltungsorte steigen.

Massive Kostensteigerungen erhöhen die Preise

Das ist aber nur einer von vielen Faktoren, der aktuell zu gestiegenen Ticketpreisen führt. Zwei Jahre Ausfall haben die gesamte Veranstaltungsbranche schwer geschädigt. In der Privatwirtschaft gingen Gelder verloren, die auch von den zahlreichen staatlichen Überbrückungshilfen und Sonderfonds nicht vollständig ausgeglichen werden konnten. Zudem sind viele Akteure, die als Selbstständige tätig waren, aus Unsicherheit in andere Arbeitsbereiche gewechselt.

So mangelt es der Veranstaltungsbranche nun an Geldreserven und Fachpersonal. Denn neben den Organisatoren selbst stehen hinter jedem Festival viele weitere Unternehmen: Bühnenbau, Tontechnik, Reinigung, Gastronomie, Security. Mit jeder dienstleistenden Firma werden Verträge abgeschlossen, und dahinter wiederum steckt Personal, das sich auf bestimmte Verdienste einstellt. Hinzu kommen Einkäufe, die im Vorhinein bezahlt werden.

Und neben den Verlusten durch die Ausfälle der Corona-Pandemie erhöhen sich Kosten schließlich noch durch Inflation und den steigenden Mindestlohn. Es sind Summen, die beim Rudolstadt-Festival durch höhere Ticketpreise und strenge Kalkulation ausgeglichen werden sollen. Das sei schmerzhaft - aber anders gehe es nicht, erklärt Miriam Rossius vom Rudolstadt-Festival.

Wir haben ein deutlich geringeres Budget als 2019, sehen uns aber mit extremen Preissteigerungen konfrontiert. Wir haben eigentlich bei allen Leistungen, die wir extern vergeben - Bühnenbau, Licht, Ton, Security - im Schnitt eine Steigerung von über 30 Prozent.

Miriam Rossius Rudolstadt-Festival

Sowohl bei Gästen als auch bei den Geschäftspartnern herrscht für die Mehrkosten aktuell noch Verständnis - gerade, weil die Gründe transparent gemacht werden können. Sonst wäre es schlicht nicht möglich, ein Festival auf die Beine zu stellen. Und auf genau diese beiden Gruppen kommt es nun an: So kräftezehrend die zwei Jahre Ausfall für die Branche waren, so gab es doch finanzielle Maßnahmen, um das Überleben der Festivals zu sichern. Bis jetzt. Denn nun müssen die Veranstalter wieder auf eigenen Beinen stehen.

Konzertveranstalter fordern längere Hilfen

Die Überbrückungshilfe läuft im Juni aus, auch der Sonderfonds des Bundes und das Programm "Neustart Kultur" laufen nur noch bis Ende des Jahres. Der Verband für Konzert- und Veranstaltungswirtschaft verlangt vehement nach einer Verlängerung. Gerade mit Blick auf eine fast schon erwartete neue Corona-Welle im Herbst sei es unverantwortlich, die Veranstalter nicht für einen entsprechenden Notfall vorzubereiten und abzusichern. Sonst würden viele Veranstalter endgültig nicht überleben.

Die diesjährige Saison wird für die weitere Zukunft der Festivals in Mitteldeutschland entscheidend sein. Nicht nur kulturpolitische Beschlüsse, auch die Bereitschaft des Publikums, entsprechende Veranstaltungen wieder zu besuchen, bestimmen darüber. Das kollektive Mitbrüllen zur Lieblingsband darf diesen Sommer also auch ein politischer Schrei sein - und signalisieren, dass es weitergehen darf.

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MDR (cbu/mm)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 07. Mai 2022 | 18:00 Uhr