Gedenken zum 9. November Projekt "Klang der Stolpersteine" in Jena – Kultur gegen Vergessen

Mit über 40 Kurzkonzerten an verschiedenen Stolpersteinen in Jena wollen Kulturschaffende am 9. November auf die Gefahren von Antisemitismus und Rechtsextremismus aufmerksam machen. So soll nicht nur an die Vergangenheit erinnert werden, sondern auch ein aktuelles Statement gesetzt werden.

Aktion Glanz statt Hetze , bei der im Gedenken an die Opfer der NS-Zeit sogenannte Stolpersteine gereinigt werden.
An vielen Stellen in Deutschland weisen Stolpersteine auf jüdische Mitbürger hin, die während der nationalsozialistischen Diktatur ihr Leben verloren haben. Bildrechte: imago images/Future Image

In Jena wird am Montagabend mit über 40 Kurzkonzerten überall in der Stadt an die Pogromnacht vom 9. November 1938 erinnert, in der in ganz Deutschland die Synagogen brannten und sich die Gewalt gegenüber Jüdinnen und Juden entlud. Die Konzerte finden an den Orten statt, an denen sich Stolpersteine befinden, die kleinen goldenen Plaketten, mit denen der Künstler Gunter Demnig an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Als politische Aktionen dürfen die Konzerte auch mitten im Kultur-Lockdown stattfinden.

Protestaktion gegen Rechtsextremismus

Till Noack
Till Noack steht auch hinter dem Projekt "Klang der Stolpersteine" Bildrechte: imago/Bild13

Die Idee zum "Klang der Stolpersteine" entstand 2016, damals fand am 9. November zum erneuten Male ein Fackelmarsch von Rechtsextremen in Jena statt. Drei Bürger aber wollten ihnen diese Bühne nicht mehr lassen: Physikprofessor Gerhard Paulus, Jazzmusiker Klaus Wegener und Till Noack, ehemaliger Geschäftsführer der Stadtwerke. Sie wollten ein politisches Statement für Völkerverständigung, Toleranz, Religionsfreiheit, Frieden und Menschlichkeit setzen.

Wir sahen ein Konzept darin, viele kleine Demonstrationen anzumelden, an denen musiziert wird. Sozusagen mit Kunst gegen die Barbarei. Und damit drei Ziele zu verbinden, zum einen ein Verneigen vor den Opfern, zum anderen ein Inanspruchnehmen des öffentlichen Raumes. Und zum dritten auch ein aktuelles politisches Statement.

"Klang der Stolpersteine"-Initiatoren

Ansteckendes Engagement

Vor dem ersten Durchlauf vom "Klang der Stolpersteine" im Jahr 2017 fragten die Organisatoren verschiedene Ensembles aus der Stadt an. Es war zunächst unklar, ob sich genug melden würden, um alle 21 Stolperstein-Orte zu bespielen. Doch der Rücklauf war enorm. Und so wurde von Beginn an auch an weiteren Stellen gespielt, die mit NS-Verbrechen in Verbindung stehen.

Gerhard Paulus
Der Physikprofessor Gerhard Paulus ist einer der Initiatoren des Projektes "Klang der Stolpersteine". Der Posaunespieler setzt sich auch an anderen Orten gegen Rechtsextremismus ein, hier beim Protest gegen ein Rechtsrockkonzert in Themar. Bildrechte: dpa

Die Jenaerin Susanne Brauer etwa wird Montagabend mit ihrem Flötenquartett "Flöten-Quer" auf einem Spielplatz an der Schlippenstraße stehen. Dort wurden drei Menschen während des sogenannten Todesmarsches von Buchenwald aus ermordet. Bis heute ist ihre Identität nicht geklärt: "Wir gedenken hier drei Menschen, von denen wir praktisch nichts wissen", so Braucher. "Wir vermuten, dass sie aus Osteuropa kamen. Vielleicht waren sie jüdischen Glaubens, vielleicht waren es Zwangsarbeiter. Wir spielen jiddische Musik, weil sie viele osteuropäische Elemente in sich trägt."

Jiddisches Lied prägt Aktivisten

Für jeden Ort denken sich die Beteiligten etwas anderes aus, gehen auf die Geschichte und auf die dort ermordeten Menschen ein, ob mit kleinen Theaterstücken, Musik oder Gesang. Im Anschluss daran wird überall das gleiche Lied angestimmt: "Dos kelbl", ein Lied in jiddischer Sprache, das 1938 entstand. "Es hat einen zynischen Charakter: Die Schwalbe höhnt quasi, das gebundene Kälbchen soll doch aufstehen, und sich nicht zur Schlachtbank führen lassen", so Organisator Till Noack. "Da kann man viel drüber diskutieren, sollte man drüber diskutieren. Wir halten das Lied für gut und schön. Obwohl es auch einen sehr traurigen Inhalt hat."

Das Lied ist zu einer Art Erkennungszeichen unter den Mitmachenden geworden. Auch für Philipp Schäffler, Musiklehrer am Christlichen Gymnasium in Jena. Er beteiligt sich am "Klang der Stolpersteine" mit einer achten Klasse. Gemeinsam werden sie an einer Stele in der Löbstädter Straße musizieren. Heute steht dort ein Baumarkt, früher befand sich dort das KZ-Außenlager von Buchenwald.

Jugendliche sehen Aktualität

Schäffler hat bereits im Vorfeld viel mit den Jugendlichen über die NS-Zeit und die Musik-Aktion gesprochen: "Worum geht es uns bei der Aktion und was sind die Ziele? Und da war eben eine Sache, die schnell rausgekommen ist: Sie wollen irgendwie auch Zuversicht vermitteln. Und sie wollen eben auch zeigen, dass es noch heute Probleme gibt."

"Enver-Simsek-Platz" steht auf einem Straßenschild in Jena-Winzerla.
Der "Enver-Şimşek-Platz" in Jena-Winzerla. Bildrechte: dpa

Zum ersten Mal wird in diesem Jahr auch eines Menschen gedacht, der nicht in der NS-Zeit umgekommen ist: Auf dem frisch umbenannten Enver-Şimşek-Platz in Jena-Winzerla werden Bürgerinnen und Bürger an das erste Opfer des NSU erinnern. Genau dort also, wo Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe in den 90er-Jahren ihre menschenverachtenden Aktionen erdachten.

Die Aktion Klang der Stolpersteine

Kulturaktionen mit politischem Hintergrund in Jena
Montag, 9. November 2020, ab 17:45 Uhr

Die strengen Hygieneauflagen müssen eigehalten werden, auch beim Singen muss ein Mundschutz getragen werden.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. November 2020 | 12:10 Uhr

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