Empfehlung Kraftklubs neues Album "Kargo": Gesellschaftskritische Ohrwürmer

Kraftklub ist zurück. Fünf Jahre nach dem letzten Album und dem Solo-Projekt von Sänger Felix Kummer hat die Chemnitzer Band mit "Kargo" ihr viertes Album veröffentlicht. Wieder treffen sie mit ihrem fröhlichen Indierock und klugem Sprechgesang den Zeitgeist ihrer Generation – und sind wie diese ein Stück erwachsener geworden.

Kraftklub
Die Jungs von Kraftklub melden sich mit neuem Album "Kargo" zurück. Bildrechte: Philipp Gladsome

Zehn Jahre ist es her, dass Kraftklub mit ihrem Debüt "Mit K" von Null auf Platz 1 der Charts stürmten, und fünf Jahre seit ihrem letzten Album "Keine Nacht für niemand". Danach betrat Sänger Felix Kummer Solo-Pfade und veröffentlichte mit "Kiox" ein sehr persönliches Album, mit dem er vor wenigen Tagen noch die letzten Shows in der ausverkauften Berliner Wuhlheide spielte.

Doch damit ist jetzt Schluss, die fünf Chemnitzer stehen wieder gemeinsam im Proberaum, Studio und auf den Bühnen des Landes. "Kummer war angelegt als größtmöglicher Kontrast zu Kraftklub und irgendwann haben mir einfach die anderen gefehlt", sagt Felix Kummer. "Als wir wieder zusammen im Proberaum standen, war klar, dass wir jetzt wieder zusammen sind. Eigentlich war das wie nach Hause kommen". Und so fühlt sich auch die neue Platte an: vertraut.

Nicht auf Designermöbeln ausruhen

Denn neu erfunden hat sich die Band nicht, sie verbindet weiterhin fröhlichen Indierock mit klugem, witzigem Sprechgesang. Schon immer hatten die fünf Musiker dabei ein gutes Gespür für den Zeitgeist ihrer Generation. Jetzt sind sie älter geworden, aber das Gespür ist geblieben. Nur dass ihre Generation es sich jetzt auf Designermöbeln in schicken Stadtvierteln gemütlich macht, ohne sich ihrer Privilegien bewusst zu sein. Mit Songs wie "Wittenberg ist nicht Paris" weckt Kraftklub sie aber wieder auf: "Und jetzt postest du begeistert/ Das Grünen-Wahlergebnis aus deinem Kiez/ Und Nazis raus ruft es sich leichter/ Da wo es keine Nazis gibt".

Kraftklub: Wir waren mal mehr

Politisch war die Band schon immer, das ändert sich auf ihrem vierten Album nicht – schließlich ist die Welt in den letzten Jahren nicht besser geworden. Ganz im Gegenteil. Klimakrise, Pandemie, Putins Krieg und der schon einige Jahre andauernde Rechtsruck hinterlassen Spuren, auch bei der Band, die sich immer wieder gegen Neonazis und AfD positioniert.

Das Cover des Albums Kargo der Band Kraftklub
Die elf Songs auf dem neuen Album "Kargo" von Kraftklub sind politisch, kritisch, aktuell. Bildrechte: dpa

Als im Sommer 2018 Chemnitz wegen rassistischer Ausschreitungen in die Schlagzeilen geriet, organisierten sie ein Konzert in ihrer Stadt, um zu zeigen: "Wir sind mehr". Etwa 65.000 Menschen kamen, es war ein gutes Gefühl. Doch einen Tag später fuhren die meisten zurück nach Hause. Die Chemnitzer Innenstadt war wieder leer, der Alltag zurück. "Wir haben nie als Band öffentlich über das Thema geredet, aber die Zeit damals war sehr intensiv für uns", sagt Felix Kummer. Der Song "Vierter September" sei "der Versuch, in Songform ein paar Dinge einzuordnen".

"Kargo" ist Gesellschafts- und Selbstkritik

Auch in den meisten anderen Songs findet man gesellschaftskritische Ansätze – selbst wenn es Liebeslieder sind wie "Kein Gott, kein Staat, nur du". So rechnen sie mit deutscher Kleinbürgerlichkeit ("Angst") genauso ab, wie mit dem Schönheitswahn in den sozialen Medien ("So schön"), die einen mit all den Fotos attraktiver Menschen und ihrem perfekten Leben schnell deprimieren können.

Auch Selbstkritik übt Kummer, wenn er über Dinge singt, die er bereut: zum Beispiel "Texte wie 'Dein Lied' und all die anderen schlechten Zeilen", wobei er sich auf einen Song bezieht, in dem eine Ex-Freundin beschimpft wurde und den Kraftklub von allen Plattformen genommen haben.

Roadtrip mit Tokio Hotel

Als Gastsängerinnen sind bei einzelnen Songs Mia Morgan und die Schwestern von Blond dabei. Weit überraschender ist die Zusammenarbeit mit den Kaulitz-Brüdern von Tokio Hotel. Doch das passt wunderbar. Der gemeinsame Song "Fahr mit mir (4x4)" mit den Exil-Magdeburgern ist ein "Tschick"-ähnlicher Roadtrip raus aus der ostdeutschen Provinz, vorbei an Spargelfeldern und Kleingärten.

Live sind die Songs auf "Kargo" noch besser

Erstmals gemeinsam mit Bill Kaulitz live aufgetreten sind Kraftklub noch vor der Albumveröffentlichung bei einem Spontankonzert in Hamburg, für das die ganze Reeperbahn gesperrt werden musste. Denn noch besser als auf Platte funktionieren die "Kargo"-Songs live, wenn die Menge wieder ausrastet – mit Mosh-Pit und Mitsingen.

Dass Kraftklubs Indierock längst die großen Hallen füllt, das überrascht die Band wohl selbst immer noch. Denn bereits im Opener des Albums beschreibt Felix Kummer die Situation ganz passend: "Ich kann nicht singen/ Ich spiel kein Instrument/ Aber alle am Springen/ Und ich schrei den Refrain". Und wenn es demnächst wieder auf Tour geht, dürften alle mitschreien. Denn trotz aller inhaltlicher Tiefe ist "Kargo" ein Album voller ohrwurmartiger Hits.

Album und Tourdaten 2022

Kraftklub "Kargo"
Erschienen am 23. September 2022 bei Vertigo (Universal)

Kraftklub gehen mit "Kargo" ab November auf Tour 2022. Das Konzert in der Arena Leipzig am 2. Dezember ist bereits ausverkauft. Für das Konzert in Erfurt am 4. Dezember gibt es noch Tickets.

Die Band Kraftklub ( GER ) aus Chemnitz / Sachsen mit Sänger Felix Brummer bei einem Auftritt ihrer Autobahn zur Hölle Tour im Liveklub Scheune Dresden am 23.12.2011
Ab November 2022 sind Kraftklub wieder live zu erleben. Bildrechte: IMAGO / Andreas Weihs

Redaktionelle Bearbeitung: Cornelia Winkler

Dieses Thema im Programm: MDR SPUTNIK | 23. September 2022 | 19:00 Uhr