Music Of Color Leipziger Initiative will mehr Diversität in der Club-Szene

Obwohl die Gesellschaft in Deutschland immer bunter wird, ist auch die Kultur immer noch vor allem von weißen Menschen geprägt. Das sieht auch in den Clubs nicht anders aus, obwohl die Kultur ihren Ursprung in den schwarzen und queeren USA hat. Die Leipziger Initiative Music Of Color will das ändern, will den Zugang zu Club und zu den DJ-Pulten erleichtern. Wegen der Pandemie ist ihre Bühne derzeit vor allem das Radio.

Music of Color 8 min
Bildrechte: Ramin Büttner/Music of Color

MDR KULTUR: Wer verbirgt sich hinter Ihrer Initiative?

Ramin Büttner: Music Of Color sind gerade vier Personen, die das organisieren. Das sind Somali Vendetta, Vanaenae und Mzngo und meine Wenigkeit. Aber dahinter versteckt sich eigentlich noch eine Art von Community, so wie wir es bezeichnen. Das sind diverse Leute, die eine ähnliche Ansicht zu Musik und Clubkultur haben, die sich dadurch repräsentiert fühlen und in gewisser Weise beteiligen an dem Projekt.

Was uns verbindet, ist eine Leidenschaft für Musik und vielleicht auch, dass die Musik, die uns sehr am Herzen liegt, in Leipzig nicht so oft den Raum bekommt oder unterrepräsentiert ist. Uns verbindet, dass wir uns dafür einsetzen und dass unsere Zielgruppe vielleicht auch eine ähnliche ist oder sich aus unseren unterschiedlichen Perspektiven zusammensetzt und ergänzt.

Viele sind vielleicht überrascht, dass gerade der DJ-Bereich weiß und männlich dominiert ist, weil die Musik vielfältige kulturelle Wurzeln hat.

Da bin ich selber sehr überrascht. Dieses Problem beschränkt sich nicht nur auf die Musik, sondern ist in der gesamten Gesellschaft spürbar. Die Club-Szene ist da leider keine Nische. Ich hatte auch andere Erfahrungen und vielleicht Wünsche, bevor ich nach Leipzig gezogen bin, aber das hat sich doch nicht bewährt.

Besucher einer Disco.
Blick in eine Disco - noch vor Ausbruch der Corona-Pandemie. Bildrechte: imago images/Hans Lucas

Gibt es Statistiken, die das zeigen?

Es wird leider journalistisch und wissenschaftlich nicht richtig erschlossen, wie die Zusammensetzung oder die Repräsentation aussieht. So genau kann man es auch nicht erheben, ob eine Person sich als weiß oder als Person Of Color identifiziert. Letztendlich geht es nicht um eine rassifizierte Statistik, die wir erstellen möchten. Ich finde es allerdings interessant, dass es diesen Gedanken oft gar nicht gibt. Es gibt eine sehr ausführliche Statistik über Geschlechterverhältnisse, die ich sehr spannend finde, aber gleichzeitig merke ich, dass andere marginalisierte Bereiche oft vergessen werden.

Mit welchen Schwierigkeiten sind Sie konfrontiert, wenn es darum geht, als Musician Of Color an das Pult oder auf die Bühne zu kommen?

Gleisdreieck Leipzig
Der Leipziger Traditionsclub Distillery soll demnächst umziehen. Bildrechte: Club- und Kulturstiftung Leipzig

Um ehrlich zu sein, finde ich die Fragestellung etwas problematisch, da diese Problematik nicht nur uns betreffen sollte und nicht nur wir darüber reden sollten. Eigentlich ist Music Of Color ein positives Projekt, mit dem wir Orte schaffen, wo Personen einfach gefeiert werden und es eben nicht um diese Diskriminierungs- und Marginalisierungserfahrungen geht. Das ist gerade unsere Perspektive. Wir finden es oft sehr problematisch, worüber wir in den Medien reden dürfen.

Trotzdem wäre es spannend zu wissen, auf welchen Erfahrungshorizont Sie sich beziehen und warum Sie Ihre Initiative überhaupt für notwendig befinden.

Die Discotheken Twenty One und Night Fever in Leipzig
Immer wieder gibt es Vorwürfe einer harten Einlasspolitik in Leipziger Clubs. Bildrechte: IMAGO / STAR-MEDIA

Zum Beispiel hat elektronische Musik ihre Ursprünge in der schwarzen Kultur in den USA, wo auch diese Freiräume, die uns vorschweben, ausschlaggebend waren, um diese Kulturen zu bilden. Wenn man sieht, was das kulturelle und historische Erbe ist, ist das sehr oft in der Musikkultur in Leipzig und allgemein in Deutschland nicht so vertreten. Das ist nicht nur auf musikalischer Ebene problematisch, sondern bedeutet auch, dass die Personen, die letztendlich einen stärkeren Bezug zu dieser Musik haben sollten – also queere Personen, schwarze Personen, People of Color – oft gar nicht als Zielgruppe angesprochen werden – nicht als Publikum und vor allem nicht auf der Bühne. Das finden wir problematisch und wollen das auf jeden Fall verändern. Das ist der Hintergrund, der uns auch motiviert.

Schauen wir nach vorne: Was haben Sie vor?

Wir machen Veranstaltungen, die wir bewusst nicht Party, sondern Dance nennen – also bezogen auf das Tanzen. Denn wir wollen zum einen nicht nur Personen zusammenbringen, die Marginalisierungserfahrung erlebt haben. Uns geht es eher darum, ein neues Verständnis von Feiern und ein Gefühl zu vermitteln. Da ist Tanzen uns sehr wichtig, dass wir zusammenkommen, uns gemeinsam über Musik austauschen, miteinander etwas erleben. Wir organisieren Veranstaltungen, die sich nicht nur auf Musik beziehen, sondern auch Lesungen, Performances und Podiumsdiskussionen. Eines der Hauptdinge, die Music Of Color derzeit bespielt, insbesondere in der Corona-Pandemie, ist das Medium Radio, das wir davor schon bewusst genutzt haben, um unsere Perspektiven sichtbarer zu machen und unsere Musik miteinander zu teilen. Wir kuratieren und veranstalten wöchentliche Shows bei Radio Blau und Callshop Radio in Leipzig und bei Hallo: Radio in Hamburg.

Das Gespräch führte Moderatorin Ellen Schweda für MDR KULTUR.

Clubkultur in Leipzig und Halle

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. März 2021 | 17:10 Uhr

Abonnieren

Kultur

Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei