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Der Leipziger Musiker Lutz Leukhardt ließ sich von einer Fahrt an die polnisch-ukrainische Grenze zu einem Solidaritätssong inspirieren. Bildrechte: IO:A / Lutz Leukhardt

"I am your border"Wie ein Song aus Leipzig Musikerinnen und Musiker in der Ukraine unterstützt

Stand: 06. Dezember 2022, 10:08 Uhr

Kurz nach Ausbruch des Kriegs brachte der Leipziger Musiker Lutz Leukhardt Hilfsgüter in die Ukraine und nahm auf dem Rückweg drei Mütter und ihre Kinder mit. Um seine Eindrücke zu verarbeiten, schrieb er im Anschluss an seine Reise den Song "I am your border". Er soll die Entschlossenheit der Menschen in der Ukraine zeigen und helfen, Spenden für ukrainische Musikerinnen und Musiker zu sammeln. MDR KULTUR hat mit Lutz Leukhardt über die Aktion gesprochen.

MDR KULTUR: Sie haben nach Ihrer Rückkehr aus der Ukraine gemeinsam mit Ihrer Leipziger Band "IO:A" den Song "I am your border" aufgenommen. Worum geht es in diesem Song, welche Botschaft hat er?

Lutz Leukhardt: Die Botschaft ist aus den Eindrücken entstanden, die wir mitgenommen hatten – von der Grenze, aber auch aus den Gesprächen mit den Frauen aus der Ukraine. Nämlich, dass, so hart, traumatisch und schwierig die Situation auch ist, die Menschen sehr, sehr stolz und überzeugt davon sind, dass sie den Krieg gewinnen. Wir hatten das Gefühl, dass man auch als Helfer einen kleinen Teil dazu beitragen kann: Als Helfer kann man selbst eine gewisse Grenze setzen und sagen: bis hierhin und nicht weiter. Wenn man zum Beispiel wie wir das Gefühl hatte, es wird nicht nur ein Land attackiert, sondern eben auch demokratische Prinzipien. Dann hatten wir den Impuls, zu sagen, okay, hier möchten wir einen Grenzstein setzen. Und wir versuchen, mit unserer Hilfe diesen Grenzstein zu verteidigen. Darum geht es letztendlich.

Da hat Sie die Stärke der Ukrainer selbst bestärkt – auch in Ihrer Aktion. Dank eines wunderbaren Zufalls ist daraus dann ja auch ein großes Gemeinschaftsprojekt geworden. Es kamen am Ende 54 Musiker in Kiew dazu und 17 Leipziger Musiker, sowie ein Chor. Wie ist das zustande gekommen?

Es hatte sich herausgestellt, als dann die Mütter hier in Leipzig waren, dass eine mit einem Dirigenten in Kiew verwandt ist. Dieser Dirigent heißt Mykola Lysenko, und in dem Moment hat es bei mir Klick gemacht: Ich dachte, aus dieser Verbindung müssen wir irgendetwas machen. Das kann kein Zufall sein. Also habe ich Mykola über Telegram kontaktiert und ihn gefragt, ob er sich vorstellen könnte, für den Song, "I am your border", den es dann schon gab, in irgendeiner Form ein Orchester zu organisieren – eine Gruppe von klassischen Musikern in Kiew, die zu unserer Aufnahme spielen und sich selber dabei aufnehmen, um es zu einem Gemeinschaftsprojekt zu machen und gemeinsam herauszubringen. Und er fand es großartig. Wir haben dann viel über Telegram kommuniziert, weil es wahnsinnig viel Detailarbeit ist, und jetzt, sieben Monate später, konnten wir damit herauskommen.

Die ukrainischen Musikerinnen und Musiker spielten die Orchester-Parts von "I am your border" in einem Studio in Kiew ein. Bildrechte: IO:A / Lutz Leukhardt

Das Video ist auf YouTube, das Audio bei Spotify, iTunes und Soundcloud zu sehen. Zeitgleich läuft eine Crowdfunding-Aktion für die Musikerinnen und Musiker in der Ukraine. Wie ist denn die Situation der Musiker in der Ukraine und wie wollen Sie denen helfen?

Die Situation ist die von vielen Menschen in der Ukraine, das heißt, viele sind verstreut, haben sich irgendwo Unterschlupf gesucht, leben zeitweise in Kellern oder einer kalten Wohnung. Bei den Musikern, mit denen wir gespielt haben, das sind Orchestermusiker, ist es so: Denen wurden zusätzlich zur jetzt schon sehr extrem schwierigen Situation noch 70 Prozent des Gehalts gekürzt. Das heißt, die leben unter der Armutsgrenze.

Das Preisniveau ist wie in Deutschland, zum Teil im Moment etwas darüber. Aber: 70 Prozent weniger Lohn. Und da haben wir gesagt, lasst uns versuchen, den Song mit einer Spendenaktion genau für diese Musiker zu verknüpfen. Man sieht die Musiker im Video, man kann sie in der Aufnahme hören, und wen das berührt, oder wer sagt, denen würde ich gerne helfen, der kann das dann bei uns auf der Webseite tun.

Der ukrainische Dirigent Mykola Lysenko ist mittlerweile offizieller Teil eines ukrainischen Freiwilligenteams und als solcher regelmäßig in Leipzig zu Gast. Bildrechte: IO:A / Lutz Leukhardt

Und wie erreicht die Hilfe dann die Musiker?

Brachte Musikerinnen und Musiker aus Leipzig und der Ukraine zusammen - der Song "I am your border" Bildrechte: IO:A / Lutz Leukhardt

Wenn wir es schaffen sollten, über die Crowdfunding-Aktion einen Betrag zu erreichen, dann geht der gesammelt an die Mykola-Lysenko-Foundation. Das ist eine Stiftung des Dirigenten, der sich vor Ort auch stark engagiert hat. Die Stiftung gibt es schon sehr lange, das ist also kein Hauruck-Projekt, sondern die gibt es schon seit vielen Jahren. Sie unterstützt Musiker in der Ukraine als Stiftungszweck. Genau dieser Stiftung übergeben wir die Summe, und die Stiftung stellt dann sicher, dass die Beträge auf die Musiker in Kiew verteilt werden.

Dieses Interview ist ein Auszug aus dem Interview von MDR KULTUR mit Lutz Leukhardt vom 3. Dezember 2022. Das Interview führte Stefan Blattner.

(Redaktionelle Bearbeitung: Tina Murzik-Kaufmann)

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 03. Dezember 2022 | 12:15 Uhr