Erlebnisbericht aus Leipzig Wie Louis Armstrong den Jazz in die DDR brachte

Im Frühjahr 1965 tourte Louis Armstrong durch die DDR mit Stationen in Berlin, Leipzig, Magdeburg, Erfurt und Schwerin. Nachdem die Kulturpolitik der DDR den Jazz in den 50er-Jahren noch als "Gift des Imperialismus" attackiert hatte, feierte man den Trompeter nun als "Kämpfer gegen den Rassismus" und erhoffte sich durch dessen Besuch ein Stück mehr internationale Anerkennung. MDR KULTUR-Jazzexperte Bert Noglik von seinem prägenden Konzerterlebnis.

Louis Armstrong mit Trompete.
Louis Armstrong, geboren am 4. August 1901 in New Orleans, starb vor 50 Jahren am  6. Juli 1971 in New York City Bildrechte: dpa

Das war eine Sensation: Der King of Jazz kommt nach Leipzig. März 1965, vier Konzerte an zwei Abenden in der Messehalle 3 auf dem heutigen Alten Messegelände. Zwölftausend Karten, die im Nu verkauft waren. Und ich, damals sechzehn Jahre alt, wollte dabei sein. Meine Eltern meinten gar, ich müsse dabei sein. Was für ein Glück! Für die anderen – die Karten kosteten so um die fünfzehn Ostmark – erschien das sündhaft teuer, so dass ich der einzige aus der Klasse war, der das erleben durfte.

Satchmo, ja, das war eine Ikone, eine Legende, ein Weltstar und noch immer der Junge aus New Orleans, ein Entertainer der Extraklasse und ein Trompeter, der Mississippi-Schlamm in pures Gold zu verwandeln wusste.

Armstrong in Leipzig

Louis Armstrong, 1965 in der DDR
Louis Armstrong 1965 in der DDR Bildrechte: Bayerischer Rundfunk

Louis Armstrong in Leipzig, das war die erste und stärkste Begegnung mit dem authentischen Jazz, jener swingenden Musik, die damals in Gestalt der Trad-Bands ein Revival erlebte. Auch sie konnten wir damals hören, zumeist bei Messekonzerten in der Leipziger Kongresshalle, die britischen Dixieland-Bands, die drei großen Bs: Chris Barber, Acker Bilk und Kenny Ball. Gut gemeint und auch gut gespielt, doch allenfalls wohlfeile Imitate eines Edelstoffes. Und der große Satchmo brauchte nur einmal mit den Augen zu rollen, um sie alle in den Schatten zu stellen.

Armstrong verwandelte die Messehalle 3 in einen Tempel des echten Jazz, Kirche und Karneval, Funeral und Street Parade, glänzende Chorusse, eine tolle Band. Noch heute kann ich alle Namen auswendig. Aber vor allem erinnere ich mich an eine Aura der Herzlichkeit, die dieser Mann mit den breiten Lippen ausstrahlte, der uns mit seiner Musik zu umarmen vermochte.

Die Essenz des Jazz

Noch mehr als damals für mich, der ich durch Musiker wie Albert Mangelsdorff und Joachim Kühn bereits mit dem modernen Jazz in Kontakt gekommen war, bedeutete Armstrong für Generationen von Jazzfans vor mir geradezu die Essenz des Jazz, die Dreifaltigkeit in Personalunion: Swing, Improvisation und Individualität.

Sehr viel später schloss ich mit Emil Mangelsdorff Bekanntschaft schloss. Der Saxofonist erzählte mir, wie er bereits während der Nazi-Zeit über die sogenannten "Feindsender" mit der Musik von Armstrong in Berührung gekommen war.

Zeitzeugengespräch mit Emil Mangelsdorff
Emil Mangelsdorff Bildrechte: imago/Marc Schüler

Da ist manches Buch geschrieben worden, dass sich vielleicht mit Humanismus und seiner Verbreitung beschäftigt – aber wenn der Armstrong gesungen hat, das war der pure Humanismus!

Jazzmusiker Emil Mangelsdorff über sein Erleben von Louis Armstrong

Eine tiefe Liebe zu den Menschen, das war auch bei dem Konzert in Leipzig zu spüren. Und obwohl ich auf einer Bank ganz weit hinten saß, glaubte ich, dass Satchmo direkt für mich singen und spielen würde.

Bühnenwirkung bis in die letzte Reihe

Wolfram Knauer, der Autor der Louis-Armstrong-Biografie, hat das auch historisch hergeleitet: "Diese Momente, die man so von Armstrong kennt, der Trompeter mit aufgerissenen Augen und weißem Taschentuch in der Hand, der so ein bisschen effektheischend auf der Bühne steht. Mir wurde das erst in einigen frühen Filmaufnahmen bewusst, dass das tatsächlich ein Bühnenverhalten ist, das notwendig ist auf einer großen Bühne, wo man die Künstler aus der letzten Reihe vielleicht sonst gar nicht sieht. Armstrong hat man gesehen und man hat seine Mimik wahrgenommen, selbst wenn man ganz weit hinten saß."

Louis Armstrong 2 min
Bildrechte: dpa

Fr 19.03.2021 11:19Uhr 01:52 min

https://www.mdr.de/zeitreise/stoebern/video-501880.html

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Video

Politische Seite Armstrongs

Die Tournee von Armstrong durch die DDR, dreieinhalb Jahre nach dem Bau der Mauer, fiel in die Zeit des Kalten Krieges und wird in dem großartigen Buch "What a Wonderful World" von Stephan Schulz, unter anderem auch in diesem Kontext beleuchtet.

Für Heranwachsende wie mich blieb das damals unreflektiert. Wie man heute weiß, hat Louis Armstrong durchaus Stellung bezogen – mal direkt, indem er den Rassisten entgegenschleuderte: "So wie sie meine Leute im Süden behandeln, kann die Regierung zur Hölle fahren." Mal indirekt, indem er sich wie ein Schlitzohr herauszureden versuchte, als man ihn nach der Berliner Mauer fragte.

Die entscheidenden Statements freilich hat Armstrong mit seiner Musik abgegeben – eine Musik, in der sich die afroamerikanische Erfahrung spiegelt, die stolz und den Menschen zugeneigt mit einer eigenen Stimme spricht.

Thema Jazz

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. Juli 2021 | 18:05 Uhr

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