Enkel des Walzerkönigs Inspiriert vom Mampfen der Schafe – der Magdeburger Musiker Martin Müller

Sein Großvater galt am Klavier als Walzerkönig von Magdeburg, doch Martin Müller hat sich auf Knopfarkkodeon verlegt. Doch seiner Stadt bleibt er treu: In Magdeburg arbeitet er mit vielen Musikern zusammen und legt sich nicht auf einen Stil fest. Zur Inspiration fährt er regelmäßig in die Elbauen, wo ihn neben dem Jazz auch die Schafe inspirieren. MDR KULTUR stellt den vielseitigen Künstler vor.

Mann mit Schaf 4 min
Bildrechte: Martin Müller

Seinem Knopfakkordeon kann Martin Müller gefühlt alles entlocken. 96 Knöpfe hat es allein auf der Bassseite, 43 auf der anderen Seite im Diskant, also die Soprantöne. Hinzu kommen die Register. Daraus ergibt sich eine große klangliche Vielfalt. Als Laie fühlt man sich vom Anblick vielleicht sogar ein wenig erschlagen.

Und Müller war erst acht Jahre alt, als er seine erste Akkordeonstunde hatte. Ganz am Anfang war es aber auch noch kein Knopfakkordeon, auf dem er spielen lernte: "In meiner vagen Erinnerung muss es vielleicht die dritte Musikstunde gewesen sein, in der ich zum ersten Mal das Akkordeon auf dem Schoß hatte. Das war damals ein Pianoakkordeon, wie es den meisten im Kopf ist, wenn sie Akkordeon hören." Also eines mit Tasten nach Art eines Klaviers, nicht mit Knöpfen, wie er es später kennenlernte. Es muss wohl auch in der Familie gelegen haben, in die Tasten zu hauen, erinnert er sich weiter.

Mein Urgroßvater soll angeblich am Klavier der Walzerkönig von Magdeburg gewesen sein.

Martin Müller, Akkordeonspieler

Vielfältige Musikstile – auch Akkordeon-untyische

Am Akkordeon war Martin Müller dann aber doch der Erste in seiner Familie – und er ist ihm auch immer treu geblieben. Dem einen Musikgenre hat er sich allerdings nicht verschrieben. So unterschiedlich die Künstlerinnen und Künstler sind, mit denen Müller zusammenarbeitet, so unterschiedlich sind auch die Stile. Das kann beispielsweise eine jiddische Weise sein, wie "Oj dortn dortn". Mit Tali Östreicher an der Klarinette tritt Müller als Duo Talimar auf. Auch den Magdeburger Popsänger Arnulf Wenning begleitet er am Akkordeon. Mit ihm spielt Müller als Liederpiraten verschiedenste Klassiker von "La Paloma" bis zum "House of the rising sun". Nicht zuletzt hat der Irish Folk es Martin Müller angetan: Seit 2008 spielt er in der Starbridge Folk Band.

Welche Musikrichtung er am liebsten spiele, das schwanke je nach Stimmung, meint er. Seinen ganz eigenen Stil habe er über die Jahre sowieso herausgebildet. So etwas wie eine musikalische Heimat gäbe es vielleicht aber doch. Man könnte vieles als Jazz bezeichnen, meint Müller, aber eigentlich hätte er das so nie gelernt. Denn er hat nicht Musik studiert, sondern Industriedesign.

Für mich ist Jazz auch nicht nur irgendeine Harmonielehre, ohne deren Kenntnis man gar nicht erst beginnen kann, sondern eher ein Gefühl – mehr noch: ein Lebensgefühl.

Martin Müller, Akkordeonspieler

Die Elbe ist seine Inspirationsquelle

Stadtansicht von Magdeburg - mit Elbe und Dom
Entlang der Elbe kommt man in Magdeburg schnell aus der Stadt heraus ins Grüne. Bildrechte: MDR/Anja Datan

Wo er seine geografische Heimat hat, das ist jedenfalls klar: Magdeburg. Hier wurde Martin Müller 1984 geboren und von hier ist er nie weggegangen. Auch der Name seiner Folkband ist eine Hommage an die Stadt an der Elbe: Starbridge, die Sternbrücke. Hier hatte die Band bei Straßenkonzerten zusammengefunden. Sein Lieblingsort liegt allerdings ein Stückchen außerhalb der Stadt. "Ich fahre jeden Tag so dreißig Kilometer mit dem Fahrrad durch die Elbaue – nach dem Motto: 'Hörst du's baggern, rattern, keuchen, musst der Stadt du mal entfleuchen!'"

Hier beobachtet er die Schafe, lauscht ihren Mampfgeräuschen und hier kommen ihm immer wieder auch Ideen für Texte und Musiken. Neben denen hat Müller übrigens noch eine andere große Liebe: die Fotografie.

Interessantes Crossover-Fotoprojekt

So wie er sich am Akkordeon der Vielfalt und dem Crossover verschrieben hat, so hat er es auch in der visuellen Kunst getan. Gemeinsam mit dem Skulpteur Paul Ghandi hat er eine eigene Reihe konzipiert: "Fornamentik" heißt sie – ein Kofferwort aus Foto und Ornamentik. Die Idee: Müller fotografiert – meist sind es weibliche Akte – und Ghandi versucht daraufhin die zweidimensionalen Motive plastisch zu erfassen. Das tut er in vielen langen Bahnen und Schnörkeln.

Das Prinzip lautet: Aktion, Reaktion. Hinzu kommt der spielerische Umgang mit Formen und Mustern – ein bisschen so wie in einem Jam. Und da sei das Fotoprojekt am Ende auch gar nicht so anders als seine Musik, meint Martin Müller: "Das fasziniert mich auch so am Standardjazz. Der Grundbaustein ist da, und es ist für mich so unheimlich spannend, was man mit dieser Basis formen kann, wie man spielerisch mit dem Zugrundeliegenden umgehen kann."

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Nachmittag | 02. Februar 2021 | 17:10 Uhr

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