Musikgeschichte Die Geschichte der Musikautomaten begann in Leipzig

Um 1880 erfindet der Leipziger Klavierbauer Paul Ehrlich Musikautomaten. Jederzeit Musik abspielen, die man mag - endlich! In kürzester Zeit entsteht eine ganze Musikindustrie, Fabriken schießen aus dem Boden. Leipzig ist perfekt als Standort mit seinem Verlagswesen, der Messe und als Hochburg des Instrumentenbaus. Erst das Grammophon und schließlich das Radio in den 30er-Jahren beenden die Blüte dieser Musikindustrie. Noch heute kann man einige Automaten bewundern, z. B. in Apels Garten in Leipzig oder in der Sammlung von Jost Mucheyer in der Eisenmühle in Elstertrebnitz. Und: In Leipzig beginnt am 28. August ein Symposium zum Thema "Gestanzte Musik", Begegnungen mit Musikautomaten sind in diesem Rahmen möglich.

Ariston von Paul Ehrlich mit gelochter Papp-Platte zum Kurbeln, gebaut in Leipzig um 1890
Ariston von Paul Ehrlich mit gelochter Papp-Platte zum Kurbeln, gebaut in Leipzig um 1890 Bildrechte: Marion Wenzel

Wie lässt sich Musik aufzeichnen und wiedergeben? Das ist im 19. Jahrhundert eine brandheiße Frage, die auch den Leipziger Klavierbauer Paul Ehrlich beschäftigt. Grammophon oder Radio gibt es noch nicht – aber die Drehleier. Auf der lassen sich Lieder mit einer Kurbel abspielen. Gespeichert ist das Lied auf einer Stiftwalze, mit Nägeln sind die Töne eingehämmert, aber das Verfahren ist sehr teuer und die Pfeifen der Drehleier auch. Paul Ehrlich will etwas Billigeres, das sich jeder leisten kann. So erfindet er die Musikautomaten.

Heute sammelt Jost Mucheyer diese Musikautomaten in Elstertrebnitz bei Leipzig: "Also war seine erste Amtshandlung: Pfeifen weg, wie bei der Orgel sehr teuer, die hat er durch Zungenstimmen ersetzt, Mundharmonika und so weiter. Und das zweite war der Datenträger. Die Stiftwalze: Tausende Nägel reinkloppen dauert wirklich lange, so hatte er die Idee mit der Platte! Und nebenbei war er der erste, der eine Platte als digitalen Datenträger erfunden hat."

Eine Platte kostet so viel wie drei Bier

Werksgebäude der Fabrik Lochmannscher Musikwerke, später Symphonionwerke, Abb. aus der Zeitschrift für Instrumentenbau ca. 1885 (Ansicht entspricht heute Eisenacher Straße 68)
Werksgebäude der Fabrik Lochmannscher Musikwerke, später Symphonionwerke, Abb. aus der Zeitschrift für Instrumentenbau ca. 1885 (Ansicht entspricht heute Eisenacher Straße 68) Bildrechte: Marion Wenzel

Eine Platte mit Löchern also, die die Töne angeben. Zunächst aus Pappe, später dann aus Blech. Die Automaten kosten 30 bis 40 Mark, eine Platte 30 Pfennig, so viel wie drei Gläser Bier. Noch passt auf die Platte nur eine Minute Musik – dennoch – die Lochplattenautomaten werden ein absoluter Verkaufsschlager. In Leipzig entsteht ab 1880 in kürzester Zeit eine ganze Industrie.

Ariston heißen die Automaten aus Paul Ehrlichs Werk im Leipziger Stadtteil Gohlis. Bald machen ihm weitere Produzenten Konkurrenz. Heute noch gut erhalten ist das Symphonion-Werk, ebenfalls in Gohlis. Heute befindet sich darin eine Musikschule. Die Musikwissenschaftlerin Birgit Heise hat sich wie kaum eine andere mit diesem Zweig der Musikindustrie beschäftigt:

Gohlis war ein aufstrebender Industriestandort, es stampften die Werke aus dem Boden und es gingen monatlich 10.000 in den Versand in alle Welt. Man konnte die Papp- und Blechplatten kaufen und jederzeit die Musik abspielen, die man gerne hören wollte.

Birgit Heise, Musikwissenschaftlerin

Musikautomaten aus Leipzig gingen in die ganze Welt

Ariston von Paul Ehrlich mit gelochter Papp-Platte zum Kurbeln, gebaut in Leipzig um 1890
Ariston von Paul Ehrlich mit gelochter Papp-Platte zum Kurbeln, gebaut in Leipzig um 1890 Bildrechte: Marion Wenzel
Ariston von Paul Ehrlich mit gelochter Papp-Platte zum Kurbeln, gebaut in Leipzig um 1890
Ariston von Paul Ehrlich mit gelochter Papp-Platte zum Kurbeln, gebaut in Leipzig um 1890 Bildrechte: Marion Wenzel
Musikautomaten in der Privatsammlung von Jost Mucheyer in der Eisenmühle Elstertrebnitz
Musikautomaten in der Privatsammlung von Jost Mucheyer in der Eisenmühle Elstertrebnitz Bildrechte: Eva Morlong
Postkarte um 1900: Ariston in einer Arbeiter-Unterkunft
Postkarte um 1900: Ariston in einer Arbeiter-Unterkunft Bildrechte: Birgit Heise
Kinder-Symphonion, Leipzig um 1890, mit klingendem Püppchen daneben
Kinder-Symphonion, Leipzig um 1890, mit klingendem Püppchen Bildrechte: Marion Wenzel
Postkarte um 1900: Spielmann im Riesengebirge mit Leipziger Symphonion
Postkarte um 1900: Spielmann im Riesengebirge mit Leipziger Symphonion Bildrechte: Birgit Heise
Werksgebäude der Fabrik Lochmannscher Musikwerke, später Symphonionwerke, Abb. aus der Zeitschrift für Instrumentenbau ca. 1885 (Ansicht entspricht heute Eisenacher Straße 68)
Werksgebäude der Fabrik Lochmannscher Musikwerke, später Symphonionwerke, Abb. aus der Zeitschrift für Instrumentenbau ca. 1885 (Ansicht entspricht heute Eisenacher Straße 68) Bildrechte: Marion Wenzel
Polyphon von ca. 1885 in der Privatsammlung von Jost Mucheyer
Polyphon von ca. 1885 in der Privatsammlung von Jost Mucheyer Bildrechte: Eva Morlong
Kammzungen-Spielwerk als Spardose von Symphonion, Leipzig um 1895
Kammzungen-Spielwerk als Spardose von Symphonion, Leipzig um 1895 Bildrechte: Marion Wenzel
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Wirtshäuser freuen sich über die Automaten

Die Automaten werden zuerst für den Privatgebrauch zu Hause gebaut, aber schon bald werden Wirtshäuser die wichtigsten Abnehmer.

Es wurden größere Automaten gebaut und die standen jetzt in jeder Gaststätte, in Warteräumen und überall konnte man einen Groschen einwerfen und eine Platte hören. Noch heute stehen sie z. B. in Apels Garten in Leipzig.

Birgit Heise, Musikwissenschaftlerin

Ein solcher Automat, groß wie ein Wandschrank, steht auch in der Sammlung von Jost Mucheyer in der Eisenmühle in Elstertrebnitz. Er ist aus Holz, hat oben eine Glastür durch die man die drehende Metallplatte sehen kann, und unten einen Schrank mit Fächern, in denen weitere Platten verstaut werden.

Das Repertoire bestand aus Volksliedern, Märschen, Polka, aber auch die neusten Hits aus Operetten, Choräle gab es und ganz viele Nationalhymnen. Daran können wir erkennen, wohin die überall geliefert worden sind. Aber auch so Sachen, die im Wirtshaus gut liefen: der bayerische Schuhplattler, Salonmusik, was auf einer Platte bis zwei Minuten Platz hatte.

Jost Mucheyer, Sammler

Gewandhausmusiker bearbeiten die Musikstücke

Musikstücke auf diese Kürze und auch die begrenzte Anzahl an Tönen herunterbrechen – das ist natürlich auch musikalische Arbeit. Dabei helfen zu der Zeit auch Gewandhausmusiker und das Konservatorium mit. Insgesamt hatte Leipzig perfekte Rahmenbedingungen um zum Weltmarktführer zu werden, sagt Birgit Heise:

Es scheint dieses ganze Verlagswesen hier wichtig gewesen zu sein, Leipzig als Hochburg des Instrumentenbaus, und die Messe: Man konnte die neusten Automaten hier gleich ausstellen und verkaufen. Das waren wohl die ganze großen Beweggründe, warum das hier passierte.

Birgit Heise, Musikwissenschaftlerin

Die selbstspielenden Automaten treffen in den 1880er Jahren den Zahn der Zeit und sie werden so günstig produziert, dass sie die breiten Massen erreichen. Doch die goldene Ära hält nicht lange an: Um 1900 kommen Grammophon und Schallplatte auf: Sie geben klanglich mehr her als die Kammzungen der Lochplattenspieler. Außerdem ist ihre Spieldauer länger und günstiger sind sie bald auch. Als dann in den 30er-Jahren Radiogeräte in alle Haushalte einziehen, sind Ariston, Polyphon & Co endgültig überholt.

Hier lassen sich die Musikautomaten heute noch bestaunen Während des Symposiums "Gestanzte Musik" im ehemaligen Symphonion-Werk in der Eisenacher Straße 72 in Leipzig:
Samstag 29.08., 15 Uhr kostenlose Führung zu ehemaligen Werken in Gohlis, Sonntag 30.08., 11-17 Uhr Vorführung von Musikautomaten
Eintritt frei

sowie:

– in Hüttels Musikwerke-Ausstellung im Vogtland
– in Jost Mucheyers Privatsammlung in der Eisenmühle in Elstertrebnitz
– im Museum für Musikinstrumente der Universität Leipzig
(Museen im GRASSI)
– in der Technischen Sammlungen der Stadt Dresden

Postkarte um 1900: Ariston in einer Arbeiter-Unterkunft
Bildrechte: Birgit Heise

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. August 2020 | 17:40 Uhr