MDR-Doku "East Side Stories" Warum der Weimarer Pianist Martin Kohlstedt Bäume pflanzt

Als "Waldkind" ist er aufgewachsen im thüringischen Eichsfeld: ländlich, konservativ, aber auch "noch mit ganz viel Restsozialismus in der Erziehung". Dass der Försterssohn, Jahrgang 1988, in Weimar Musik studieren wollte, fand die Familie etwas abseitig. Heute bringt er die Klassik in Hinterhofclubs und elektronische Musik in die renommiertesten Konzerthäuser. Zuhause in Weimar aufzutreten, ist Kohlstedt wichtig: Aus Gründen der Nachhaltigkeit, aber auch, um sich freizumachen vom "Ticketdruck" und der "westlichen Attitüde, dass alles perfekt sein muss". Die Kleinstadt erdet ihn, die Natur braucht er, um seine eigenen Wurzeln zu spüren und neue zu schlagen – sagt er in der MDR-Doku "East Side Stories", die nun in der ARD MEDIATHEK zu sehen ist.

Martin Kohlstedt
In der MDR-Doku "Eastside Stories" spricht Martin Kohlstedt darüber, warum er sich sein eigenes Stück Wald zugelegt hat. Bildrechte: MDR/Julia Matyschik

MDR KULTUR: Die Initiative "Music Declares Emergency" zielt auf CO2-Reduzierung, auf Aufklärung. Und bei Punkt vier heißt es durchaus selbstkritisch: Auch wir in der Musikindustrie machen Dreck und wir verpflichten uns zum sofortigen Handeln. Wann ist Ihnen als Künstler klar geworden: Ja, ich mache Dreck und wahrscheinlich zu viel und ich kann nicht so weitermachen?

Martin Kohlstedt: Ja, das wird am Anfang ein wenig von der Euphorie überdeckt, wenn die allerersten Anfragen aus dem Ausland kommen, man das erste Mal nach Italien darf oder irgendwie über die Ländergrenzen, um Konzerte zu spielen. Aber dann merkt man sehr schnell, dass man auch viel hinterlässt und anfangen muss, zu überlegen, wie viele Flüge und wie viele Fahrtkilometer man eigentlich zurücklegen möchte.

East Side Stories: Martin Kohlstedt
Blick über Weimar Bildrechte: Hoferichter & Jacobs/MDR

Hinzu kommt die Produktion von Datenträgern, Vinyl und CD. Das wird alles transportiert via Schiff. Merchandise. Es gibt gewisse Bands, die verkaufen T-Shirts. Das kann alles mit Fair-Trade-, Bio- und allen anderen Siegeln versehen werden. Man muss, weil es nun mal auf uns ausgelagert bzw. jeden einzelnen ausgelagert wurde, genau darauf achten, was man da macht.

Stichwort: "Music Declares Emergency"

Das Thema Nachhaltigkeit beschäftigt inzwischen auch die Musikbranche. Sind Welttourneen per Flugzeug noch vertretbar? Wie kann Merchandise fair produziert werden? Weltweit engagieren sich Musikerinnen und Musiker wie Billie Eilish unter dem Motto "Music Declares Emergency" für Umwelt und Nachhaltigkeit. Ein Musiker, der dieser Initiative Gesicht und Namen leiht, ist der 1988 im thüringischen Breitenworbis geborene Pianist und Komponist Martin Kohlstedt. Er pflanzt Bäume, warum erklärt er im Gespräch mit MDR KULTUR:

Martin Kohlstedt 7 min
Bildrechte: J. Konrad Schmidt

Es gibt Reaktionen: Zum Beispiel hat die nicht ganz unbekannte Band Coldplay erklärt, nicht mehr auf weltweite Tournee zu gehen, bis es klare Ideen gäbe, wie man so einen Tourneezirkus umweltfreundlicher gestalten kann. Herr Kohlstedt, machen Tourneen überhaupt noch Sinn oder sind die insgesamt jetzt mittlerweile fragwürdig geworden?

East Side Stories: Martin Kohlstedt
Kleine Konzerte zuhause in Weimar zu spielen, ist Martin Kohlstedt wichtig. Bildrechte: Hoferichter & Jacobs/MDR

Nein, Tourneen machen natürlich noch Sinn. Da will ich, da muss ich auch für die Kultur sprechen. Das ist sehr, sehr wichtig, den Diskurs und die Musik mit herumzutragen, Kommunikation zu betreiben, auch über die Ländergrenzen hinweg. Missverständnisse aus dem Weg zu räumen und Musik zu machen. Und das kann man tatsächlich ja nachhaltig gestalten.

Sie können sich eigentlich ganz entspannt zurück lehnen, Herr Kohlstedt. Denn Sie sind CO2-fußabdruckmäßig ziemlich weit vorne. Sie sind der Sohn eines Forstamtsleiters in Thüringen und haben sich jetzt unabhängig von dieser Emergency-Aktion längst ein Stück Wald gekauft und forsten es auf. Weil Sie ein gutes Gewissen haben wollten oder aus ganz anderen Gründen?

East Side Stories: Martin Kohlstedt
Binnen Wochen wuchs noch ein pinker Garten in seinem Stück Wald: "Die Stille im Kontrast zu diesen adrenalinreichen Auftritten in der Welt, das bringt am Ende die Ruhe rein." Bildrechte: Hoferichter & Jacobs/MDR

Nein, das ist eine tatsächlich eine Idee, die ist schon über 20 Jahre alt. Schon als Kinder haben wir am Waldrand nachgedacht über die Dinge, die da verschwinden. Uns ist früh aufgefallen, dass Deutschland wie ein Schachbrett aufgebaut ist. Und wenn man es mal von oben betrachtet hat, merkte man, dass alles aufgeteilt ist in minikleine Mosaike.

Über den Forst, beziehungsweise den Gedanken der Nachhaltigkeit, den ich auch anerzogen bekommen habe, fällt mir natürlich auf, dass man, wenn man etwas wegnimmt, auch wieder was dazupacken muss.

Mittlerweile hat die Dürre und die Hitze und der Käfer die Natur so richtig im Schwitzkasten. Dafür sind Menschen verantwortlich. Da zu handeln ist Pflicht.

Martin Kohlstedt
East Side Stories: Martin Kohlstedt
Neben dem Wald findet Kohlstedt auch am Klavier Ruhe. Bildrechte: Hoferichter & Jacobs/MDR

Das ist im Forst auch gezwungenermaßen so, da man 300 Jahre in die Zukunft denken muss. Mittlerweile hat die Dürre und die Hitze und der Käfer die Natur so richtig im Schwitzkasten. Dafür sind vor allem Menschen verantwortlich. Und da gilt es jetzt selbstverständlich zu handeln.

Das sehe ich jetzt nicht als Samariter-Aktion. Es ist Pflicht.

Das Interview führte Moderator Thomas Bille, MDR KULTUR.

Programmtipp

Eine Frau mit einem bunten Regenschirm mit Video
Bildrechte: MDR/Lutz Hofmann
MDR FERNSEHEN Do, 14.10.2021 23:40 00:25
MDR FERNSEHEN Do, 14.10.2021 23:40 00:25

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. September 2021 | 07:10 Uhr

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