Porträt 100 Jahre Opernchor Altenburg-Gera: Spielfreude, Herzlichkeit und Ausdauer

Obwohl am Fürstlichen Theater in Gera schon lange mit großen Ambitionen Oper gespielt wurde, gab es keinen festen Chor. Stattdessen wurden immer wieder neue Sängerinnen und Sänger engagiert. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde dann ein fester Chor gegründet. Dieser wurde in den vergangenen 100 Jahren größer und dann wieder kleiner, aber nach heute ist er wesentlicher Bestandteil des Theater Altenburg-Gera.

Opernchor, Theater Altenbrug Gera 25 min
Bildrechte: Theater Altenburg Gera/Ronny Ristok

Seit 100 Jahren stellt sich der Opernchor des Theaters Altenburg Gera immer wieder neuen Herausforderungen, MDR KLASSIK war vor Ort und hat das verschobene Jubiläumskonzert aufgenommen.

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Vor 1918 wurde der Chor am Geraer Theater immer neu zusammengesucht. "Nach dem Krieg wollte man offenbar ein Zeichen setzen, dass wir Gera bereit ist, auch wieder ganz große Opern zu machen, trotz der schwierigen Situation", erzählt Chorleiter Gerald Krammer, der den Anfängen des Chores nachgeforscht hat. "Es waren damals neun Damen und zehn Herren – also etwas kleiner als heute. Im Lauf der Jahre ist er gewachsen und hat sich wieder durch Sparmaßnahmen wieder verkleinert. Jetzt sind wir bei 21 Stellen. Es ist ein Chor mit Auf und Ab, aber die 100 Jahre haben wir ganz gut über die Runden gebracht."

Vielfalt und Ausdauer

100-jähriges Jubiläum vom Chor Altenburg-Gera
Gerald Krammer dirigiert den Opernchor Bildrechte: Theater Altenburg Gera/Ronny Risko

Gerald Krammer kam 2018 ans Theater Altenburg-Gera. Damals, zum eigentlich 100. Geburtstag, bot der Spielplan keinen Freiraum für ein Festkonzert. Durch den eingeschränkten Spielbetrieb bot sich nun die Gelegenheit. Denn sonst singt der Chor in großen Opern, in Operetten und Musicals. Bei seinem ersten Besuch war Krammer von der Vielseitigkeit fasziniert.

Wenn man die Sängerinnen und Sänger fragt, was den Chor im Innersten auszeichnet, lautet die Antwort: Ausdauer. "Weil wir oft gar nicht von vornherein Top-Voraussetzungen für alles mitbringen, ist es unsere Ausdauer, dieser Wille, dieses Ergebnis gemeinsam zu erzielen", erläutert Michael Rieger seine Antwort. Er ist seit 1989 Teil des Opernchores. 1991 stieß seine spätere Frau dazu. Beide meinen, dass der Chor zu klein sei, um sich in der Masse zu verstecken. "Wir werden in der Stadt erkannt. Wir sind so wenige und du kennst jeden einzelnen – wir sind wie Chorsolisten, weil wir nicht in einer Riesenmasse stehen, wo keiner zur Geltung kommt", erklärt das Ehepaar. Für Kathrin Rieger-Loeck gehört auch die Spielfreude zu diesem Chor, der in den Inszenierungen die unterschiedlichsten Rollen übernimmt und bei Musicals ganze Choreografien erlernt.

100-jähriges Jubiläum vom Chor Altenburg-Gera
Der Opernchor in Eugen Onegin Bildrechte: Theater Altenburg Gera/Ronny Risko

Auf Abstand gemeinsam klingen

Umso ungewohnter ist die aktuelle Situation: Statt auf der dicht gedrängt auf der Bühne zu spielen, sitzen sie mit großen Abständen auf der Orchesterbühne. "Obwohl man gerne zusammenklingen möchte, muss man auseinandergehen. Das ist natürlich eine große Erschwernis, an die man sich gewöhnen kann, aber die es sicher nicht leichter macht", fasst Gerald Krammer die aktuellen Herausforderungen zusammen. Der Lockdown bietet aber auch die Möglichkeit, sich wieder auf Grundsätzliches zu konzentrieren: "Wir haben plötzlich Zeit, mal am Klang zu arbeiten, die Homogenität zu überprüfen und diese Dinge zu tun, zu denen wir sonst gar nicht kommen", zeigt sich Michael Rieger optimistisch.

100-jähriges Jubiläum vom Chor Altenburg-Gera
Der Chor mit Abstand im Konzertsaal Bildrechte: Theater Altenburg Gera/Ronny Risko

Das ist auch nötig, denn Gerald Krammer hat sich ein anspruchsvolles Programm für das Jubiläumskonzert überlegt. "Wir möchten den Chor in seinen historischen Dimensionen, aber auch in seiner gegenwärtigen Situation abbilden", beschreibt Krammer die Grundidee. So gibt es beispielsweise einen Ausschnitt aus Ruggero Leoncavallos "Bajazzo" in einer deutschen Übersetzung, so wie sie 1920 in Gera gespielt wurde. Außerdem gibt es Stücke von Otto Nicolai und Franz Lehár, weil Spielopern und Operetten fest zum Repertoire gehörten, sowie Volkslieder aus Korea oder Bulgarien. "Ich habe mich gemeinsam mit den Chorsängern entschieden, in dem aktuellen Programm Stücke zu nehmen aus fremden Kulturkreisen, die uns deswegen nicht mehr fremd sind, weil das Muttersprachler bei uns mitsingen. Diese Offenheit war für mich auch eine tolle Entdeckung."

100-jähriges Jubiläum vom Chor Altenburg-Gera
Der Chor bei einer Aufnahme Bildrechte: Theater Altenburg Gera/Ronny Risko

Freundschaftlich und herzlich

Bei den Proben haben die erwähnten Muttersprachler die richtige Aussprache der Wörter erklärt. "So lange, bis sie meinten, dass es jetzt richtig sei", erinnert sich Michael Rieger. Das Miteinander im Chor beschreibt der Sänger als herzlich und freundschaftlich. Das bestätigt auch Diane Claars. Sie kam 2019 nach Gera und hat sich sofort willkommen gefühlt. Bereits mit vier Jahren wollte sie Opernsängerin werden, nun singt sie Opern im Chor. Sie ist dennoch begeistert und stolz: "Ich finde es sehr schön, im gemeinsamen Klang etwas zu erleben und zu erforschen", erzählt sie. Als Mutter zweier Kinder schätzt sie die größere Sicherheit. Michael Rieger erklärt, für eine Solo-Karriere sei seine Stimme nicht außergewöhnlich genug, doch im Chor ist es gerade gut.

100-jähriges Jubiläum vom Chor Altenburg-Gera
Bildrechte: Theater Altenburg Gera/Ronny Risko

Im Altenburg-Gera können die Sängerinnen und Sänger auch regelmäßig Solo-Partien übernehmen und auf der Bühne glänzen. Allerdings wird sofort spürbar, wenn jemand fehlt. Die Sparmaßnahmen machen den Künstlerinnen und Künstlern sorgen. Der Chor sollte nicht kleiner werden, sondern eher größer. "Die Zahl 21 ist unglücklich. Also 24 sollten wir schon sein, damit die Regisseure zumindest die Paar- und Seitengestaltung hinkriegen", so rechnet Michael Rieger.

Opernchor Theater Altenburg Gera 25 min
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Seit 100 Jahren stellt sich der Opernchor des Theaters Altenburg Gera immer wieder neuen Herausforderungen, MDR KLASSIK war vor Ort und hat das verschobene Jubiläumskonzert aufgenommen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. Dezember 2020 | 15:45 Uhr

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