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Auch in Orchestern gibt es unterschiedliche Haltungen zur Corona-Impfung. Bildrechte: dpa

Impfquoten unter Musikerinnen und MusikernWie das Thema Corona-Impfung Orchester spaltet

Stand: 09. Dezember 2021, 14:45 Uhr

Weite Teile der Kulturbranche setzen aufs Impfen, damit wieder mehr Konzerte, Theater- oder Opernaufführungen möglich werden. Doch auch in manchen Orchestern oder Chören sind die Corona-Impflücken groß. MDR KULTUR-Musikkritiker Uwe Friedrich weiß: Daran zerbrechen Ensembles. Im Interview schildert er, was er aus der Szene erfahren hat.

Eine höhere Corona-Impfquote in der Bevölkerung würde der Pandemie ihren Schrecken nehmen – und wohl auch mehr Kultur ermöglichen. Das sehen aber nicht alle so, auch nicht alle Künstlerinnen und Künstler. So gibt es bei den Impfquoten in großen Orchestern erhebliche Unterschiede: Während das Gewandhausorchester Leipzig eine Impfquote von über 90 Prozent angab, sind es bei der Dresdner Philharmonie nach offiziellen Angaben 73 Prozent. In der Sächsischen Staatskapelle Dresden soll der Anteil der Geimpften laut Medienberichten bei 60 bis 70 Prozent liegen – das Orchester selbst machte dazu keine Angaben. Die Dresdner Semperoper sprach von einer Impfquote von geschätzten 60 Prozent ihrer Beschäftigten.

In Bezug auf die Einstellung zur Corona-Impfung geht also durch manche Orchester und Ensembles ein Riss. Rund 400 professionelle Musikerinnen und Musiker haben nach Angaben der Initiative "Musik in Freiheit" ein Manifest erstunterzeichnet, in dem sie für alle Menschen freien Zugang zu Konzerten fordern, ohne Einschränkungen. Wie wirkt sich diese Spaltung auf den Alltag in Orchestern aus? MDR KULTUR-Musikkritiker Uwe Friedrich hat sich in der Musikwelt umgehört.

MDR KULTUR: Herr Friedrich, wie ist die Stimmung in der Szene?

Uwe Friedrich: Kurz gesagt: genervt. Und natürlich auf beiden Seiten. Zum einen die Mehrheit – auch in den Orchestern, wo sich relativ wenige impfen lassen, sind die Geimpften ja in der Mehrheit. Die Geimpften sind genervt von den Ungeimpften, die dann auch noch mit Forderungen aller Schattierungen kommen zwischen: Ist eh alles Quatsch, Corona gibt es gar nicht, bis: Ich will mich nicht testen lassen. Und wenn Test, dann bitte in der Arbeitszeit. Und die Ungeimpften, das sehen wir in allen Bereichen, die sind sowieso lautstark genervt.

Orchester und Chöre sind ganz delikate soziale Wesen. Wenn da so eine Störung reinkommt, hat das auch Auswirkungen auf den Arbeitsalltag.

Uwe Friedrich, MDR KULTUR-Musikkritiker

Vielleicht auch tatsächlich auf die künstlerische Arbeit – Sie sagen es ja: So ein Orchester, so ein Ensemble, muss innerlich funktionieren. Kann man da noch vernünftig miteinander spielen?

Nein, das wird halt auf eine harte Probe gestellt. Nun dürfen wir kein naives Verständnis vom Orchester haben. Mitunter hassen die sich untereinander und spielen trotzdem toll. Wie in jedem mittelständischen Betrieb. Das sind eben auch Betriebe. Aber man muss halt eine Arbeitsgrundlage finden.

Und wenn die Grundlage gestört ist, wenn – und das sehen wir ja auch wieder in allen Bereichen, wo die eine Gruppe die anderen für leicht geistig retardiert und nicht zurechnungsfähig hält, dann wird es wirklich schwierig. Wenn man nicht sagt: Naja, ist zwar menschlich gesehen ein Problem, aber spielt das Solo-Horn wie kein anderer Mensch auf der Welt, und deshalb ertragen wir das. Aber wenn so grundsätzlich was nicht stimmt, ist es wirklich schwierig.

Sie haben mit mehreren Musikerinnen und Musikern gesprochen. Was hören Sie von denen?

Das eine sind die, die eben sagen: Wir könnten ja, wenn wir uns nur alle zusammenreißen, wieder aufführen. Es gibt Hygienekonzepte und so weiter. Und die anderen, die sagen wie in diesem etwas merkwürdigen Manifest, das nun wirklich, ich fasse mal leger zusammen, sagt: Wir haben keinen Bock mehr auf Corona, lass uns so tun, als wäre alles wie vorher. Und daran zerbrechen zum Teil momentan auch Ensembles.

Ich weiß von einem Vokalensemble, einem sehr renommierten, die extrem zerstritten sind darüber. Ich bin gespannt, ob dieses Ensemble so zusammenbleibt, dessen Namen ich nicht nenne. Ich habe mit einigen gesprochen, auch Theaterleitern, und keiner von denen wollte, dass ich auch nur den Ort sage, um den es geht. Daran sieht man, wie angespannt dort auch die Verhandlungslage ist.

Mitunter hassen die sich untereinander und spielen trotzdem toll. Wie in jedem mittelständischen Betrieb.

MDR KULTUR-Musikkritiker Uwe Friedrich über Orchestermusiker

Haben denn Theaterleiter irgendeine Handhabe gegen Impfverweigerer?

Die können wenig machen. Die halten sich an die gesetzlichen Bestimmungen, sagen also: geimpft, getestet, genesen – ich will den Nachweis sehen. Und dann kann man natürlich so arbeitsrechtlich mit Verwarnungen, Abmahnungen und so weiter reagieren, wenn das nicht erfüllt wird. Aber es gibt auch Fälle, wo unter Musikern – man wundert sich – wo dann gefälschte Atteste vorgezeigt werden und dann auch fristlose Kündigungen ausgesprochen werden sollen. Soweit ich weiß, ist es dazu noch nicht gekommen, bisher. Da geht es hoch her.

Es gibt Planungen für eine allgemeine Impfpflicht. Wir wissen noch nicht, ob sie kommt. Das wird dann ja erst frühestens im März im Bundestag beschlossen. Bis dahin ist noch einiges an Zeit. Gibt es irgendeinen Ausweg für Theater, für Symphonieorchester, aus dieser verfahrenen Situation?

Das Einzige, was im Moment geht, sind offenbar Einzelgespräche. Auch da habe ich mit verantwortlichen Personen gesprochen, die mir sagten, an einem Opernhaus: Ich treffe die entsprechenden Chorsänger und -sängerinnen im Moment zum Einzelgespräch und nehme die sozusagen in die Einzelmassage oder Einzeltherapie. Das ist, glaube ich, die einzige Hoffnung im Moment.

Das Interview führte MDR KULTUR-Moderator Vladimir Balzer.

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 09. Dezember 2021 | 08:40 Uhr