Zum 90. Geburtstag Ruth Hohmann: Die erste Jazz-Sängerin der DDR

Ruth Hohmann war die erste Berufs-Jazzsängerin in der DDR, eine lebende, singende, swingende Jazzlegende. Doch das Berufsleben als Jazz-Sängerin war in der DDR nicht immer leicht. Geboren wurde sie am 19. August 1931 in Eisenach. Mit 90 Jahren steht sie immer noch auf der Bühne: Ruth Hohmann hat den Sommer 2021 genutzt, um wieder einmal aufzutreten. "Jazztime" nennt sich ihr Programm, gemeinsam mit dem Instrumentalisten Lukas Natschinski.

Ruth Hohmann, 1975
Ruth Hohmann bei einem Auftritt im Jahr 1975 Bildrechte: IMAGO / Allstar

"Ella Fitzgerald des Ostens", "First Lady des DDR-Jazz" – das sind Etiketten, zu denen Ruth Hohmann ein zwiespältiges Verhältnis hat. Einerseits fühlt sie sich geehrt, gebauchpinselt. Aber auf der anderen Seite wolle doch jeder auch einzigartig sein. Was auf alle Fälle stimmt: Ruth Hohmann hat den Jazz in der DDR geprägt wie keine andere Interpretin: über Jahrzehnte und gegen Widerstände.

Jazz-Erweckungserlebnis im Radio

Ruth Hohmann wird 1931 in Eisenach geboren, geradewegs hinein in eine musikalische Familie. Wie der Bruder lernt Ruth Klavier, wie die Schwester singt sie im Chor. Eigentlich will sie zum Theater, geht zum Ballett, später zur Schauspielausbildung am Erfurter Konservatorium. Doch dann kommt es anders. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs hat sie ein Erweckungserlebnis im Radio:

Und da habe ich entdeckt, immer freitagabends, eine Sendung mit Duke Ellington und Ella und Mahalia Jackson. Und da hab ich gedacht: Meine Güte, das ist ja eine Musik, so was Schönes! Und da, mit diesen 13, fast 14 Jahren, hab ich die Liebe zu dieser Musik entdeckt.

Ruth Hohmann, Jazz-Sängerin

Erste Berufs-Jazzsängerin der DDR

Um mit der Liebe zum Jazz auf den DDR-Bühnen seinen Lebensunterhalt zu verdienen, braucht es die sogenannte "Pappe", den Berufsausweis. Ruth Hohmann bekommt sie, als erste Jazz- Sängerin in der DDR. Sie tourt im In- und Ausland, steht im Laufe der Jahre wohl mit allen auf der Bühne, die im DDR-Jazz Rang und Namen haben: mit Manfred Krug, Conny Bauer, UIli Gumpert, Uschi Brüning.

Jazz als "Musik des westlichen Klassenfeindes"

Manfred Krug (M., mit Gitarre) und Ruth Hohmann (r) beim Auftritt der "Jazz-Optimisten" am 31.10.1965 in der Kongresshalle am Berliner Alexanderplatz.
Manfred Krug (M., mit Gitarre) und Ruth Hohmann (r) beim Auftritt der "Jazz-Optimisten" am 31.10.1965 in der Kongresshalle am Berliner Alexanderplatz Bildrechte: dpa

Mitte der 60er-Jahre jedoch gibt es eine heftige Zäsur. Nach einer Phase der innenpolitischen Liberalisierung gewinnen die Hardliner in der DDR-Führung wieder die Oberhand. Künstler sollen auf Parteilinie gebracht werden, Filme und Bücher werden verboten. Gegen das Englische in der Musik, schon zuvor beargwöhnt, wird vorgegangen – sie gilt als "Musik des westlichen Klassenfeindes".

Das hat Folgen für Ruth Hohmann und ihren Jazz: "Es machte sich bemerkbar, dass wir keine Auftritte mehr bekamen oder dass Auftritte auch abgesagt wurden. Viele Jahre war dann eben zappenduster", erzählt Ruth Hohmann. Ab 1972 kann Hohmann wieder auftreten. Von 1976 an gibt sie ihre Erfahrungen weiter: als Gesangsdozentin an der Hochschule für Musik "Hanns Eisler". In den 20 Jahren dort lernen zahlreiche Unterhaltungskünstler bei und von ihr.

Sich ganz dem Jazz hingeben

Jazz ist das Leben von Ruth Hohmann. Vor allem auf der Bühne, oft mit dem Jazz Collegium Berlin.

Dieses Live-Arbeiten und Sich-Wirklich-Reingeben, denn es ist ja einer der vitalsten Musiken, die es gibt: Der Jazz. Sich immer wieder rein zu knien und sich auch gehen zu lassen und mal laufen zu lassen. Das ist natürlich wunderbar.

Ruth Hohmann, Jazz-Sängerin

Bis in die letzten Jahre, mit schon weit über 80, genoss Ruth Hohmann diese Bühnenerlebnisse. Corona hat da einen deutlichen Riegel vorgeschoben. Doch schon in diesem Sommer gibt sie wieder Konzerte. Und man wünscht der agilen Jazz-Legende, dass sie das wahrmachen kann, was sie in einem Interview vor wenigen Jahren kundtat: "Ich sage mal: Solange der Herrgott mich noch auf dieser Erde rumlaufen lässt und gesund erhält, solange werde ich vielleicht doch auch noch singen."

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. August 2021 | 06:40 Uhr

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