Intreview zum "SonneMondSterne" Wie Techno in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist

Das Festival "SonneMondSterne" an der Bleilochtalsperre in Saalburg in Thüringen gehört zu den größten Techno-Festivals in Deutschland. Festivalmacher Philipp Helmers spricht im Interview über die Anfänge in den wilden Neunzigern, die Doku-Serie "Techno House Deutschland" und wie sich die Corona-Pandemie auf das SMS ausgewirkt hat.

MDR KULTUR: Wenn man sich die Festivalszene hierzulande anschaut, gibt es schon seit vielen Jahren große Festivals, bei denen es vor allem elektronisch zugeht. Eines der ganz großen ist das SonneMondSterne (SMS), das Philipp Helmers mitorganisiert. Herr Helmers, in der ARD-Mediathek gibt es gerade die Doku "Techno House Deutschland", die diesen ganzen Festivals ein filmisches Denkmal setzt. Haben Sie da schon reingucken können?

Philipp Helmers: Selbstverständlich. Die habe ich mir gleich an dem Freitag, als sie herauskam, angeschaut. Und es war wirklich total schön, die ganzen Macher aus den letzten 30 Jahren zu sehen. Die konnten alle genau das Richtige dazu erzählen – zum Beispiel, dass Techno einfach ein Lebensgefühl damals war und unter welchen Umständen wir das auf die Beine gestellt haben, ganz am Anfang, als die Subkultur damals entstanden ist.

Welche Umstände waren das?

Wir haben gemerkt, dass das genau unsere Musikrichtung ist. Dass Techno genau unser Lebensgefühl ist und wollten das unbedingt selber unter die Leute bringen. Wir haben die Bilder von der Loveparade gesehen damals und wollten das auch bei uns haben in Thüringen. Wir haben uns dann ein schönes Fleckchen Erde gesucht in Thüringen, Saalburg. Und dann ging es los.

Das klingt so leicht und selbstverständlich, wenn Sie das so erzählen. War es wirklich so einfach?

Nein, überhaupt nicht. Wichtig war, dass die Überzeugung da war. Wir wollten das unbedingt machen und haben ganz viel Lehrgeld bezahlt am Anfang. Wir sind durch die Gegend gelaufen, haben Flyer verteilt und so klassisch auf der Straße Werbung gemacht. Und waren aber trotzdem davon überwältigt, dass so viele Leute kamen. Es waren vielleicht 2.000 Personen, aber ungefähr die doppelte Zahl ist einfach so über die Zäune gesprochen und hat mitgefeiert. Das sind so Dinge, die man heute auch unter Sicherheitsaspekten so nicht nochmal machen würde. Aber trotzdem war es super.

An dem Festival "SonneMondSterne" kann man gut erkennen, wie aus dieser Bewegung, dieser Begeisterung in den Neunzigern eine Massenkultur geworden ist. Heutzutage kommen 40.000 Leute. Wie haben Sie diese Entwicklung wahrgenommen?

Ich habe das stets positiv wahrgenommen. Klar, wir sind kein Technoclub, der wöchentlich für eine Handvoll Menschen oder vielleicht 500 Leute was liefert, sondern wir machen einmal im Jahr was ganz Großes. Das hat sich über die letzten 25 Jahre so dorthin entwickelt. Und wir sind natürlich froh darüber, weil wir gemerkt haben, dass Techno oder elektronische Musik einfach richtig in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Das hat uns total gefreut. Und wir freuen uns auch darüber, dass alle drei, vier, fünf Jahre sich die Genres irgendwie ändern. Da ist ganz viel Bewegung drin in der Musik. Das haben wir immer sehr wohlwollend wahrgenommen und dann auch berücksichtigt bei unserem Programm.

Eine Festivalbühne, davor eine riesige Menschenmenge, die jubelt.
Die Mainstage beim "SonneMondSterne" Bildrechte: MDR Philip Krahnert

"Techno ist heute selbstverständlich. Techno ist Popkultur und nicht mehr die Raving Society der Neunziger" – das hat ihr Kollege Thomas Sperling vom Club Kassablanca in Jena gesagt, der auch beim SMS involviert ist. Wenn Sie das so hören, ist das mit keinerlei Schmerz verbunden?

Wir müssen schon ein bisschen unterscheiden: Es gibt die Kultur vielleicht nicht mehr ganz so, wie sie damals entstanden ist. Aber im Clubbereich gibt es das schon noch. Das sehe ich total gerne und gehe da gerne noch hin. Wir alle tun das. Aber wir akzeptieren einfach, dass Techno oder elektronische Musik sehr in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Das gefällt uns auf jeden Fall, deswegen können wir das akzeptieren.

Inzwischen sprießen andere Festivals wie Pilze aus dem Boden. Da gibt es das "Parookaville", "Nature One", "Tomorrowland" und viele mehr. Was machen Sie, um unter all diesen Festivals besonders zu bleiben?

Wir bleiben so, wie wir sind. Mit der großartigen Crew, die wir haben, mit dem großartigen Umfeld, das man auch in der Doku kennengelernt hat. Das ist die Basis weiterhin. Wir werden nicht die Augen verschließen vor weiteren Trends. Aber wir werden unsere Marke des Festivals so weiterleben. Damit sind wir bisher auch sehr gut gefahren. Wir sind nach wie vor – was reinen Techno angeht – noch ganz weit vorn in Deutschland.

Sie hatten zwei Jahre coronabedingte Pause, jetzt soll es einen Neustart geben. In wenigen Tagen geht es los. Wie haben Sie sich vorbereitet?

Eigentlich wie immer. Normalerweise ist das ja fast schon Routine. Es gibt eingespielte Prozesse, die man immer wieder macht. Dieses Jahr war es natürlich schwieriger. Es gibt Personalmangel, alles ist viel teurer geworden. Das heißt, wir mussten viel früher anfangen, uns damit auseinanderzusetzen. Aber ansonsten planen wir volle Kraft voraus, und bisher sieht auch alles sehr gut aus. Wenn wir Glück haben mit dem Wetter, können wir unter dieses Jahr auch einen guten Schlussstrich ziehen, denke ich, trotz aller Schmerzen, die wir in den letzten zwei Jahren hatten.

Haben Sie denn den Eindruck, dass das Publikum wiederkommt?

Ja, wir sind ausverkauft, seit drei Wochen. Was uns wirklich sehr gefreut hat. Es ist nämlich nicht so einfach, dieses Jahr "nach" der Pandemie. Wir bemerken aber auch, wenn wir mit Leuten reden: so langsam nimmt das alles Fahrt auf.

(Das Interview führte Moderatorin Ellen Schweda für MDR KULTUR / Redaktionelle Bearbeitung: Juliane Streich)

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