Sachbuch-Empfehlung Was Klaviere über Sibirien und die Kraft der Musik erzählen

Sibirien – das verbinden viele Menschen mit weiten, eisigen Landschaften und mit einem Ort der Verbannten. Denn auch einige der größten russischen Schriftsteller wie Fjodor Dostojewski wurden nach Sibirien geschickt. Nur die wenigsten sehen in Sibirien einen Ort des Feingeists und der Klaviertradition. Genau diese Orte hat nun die englische Schriftstellerin Sophy Roberts aufgespürt. Sie hat sich auf die Suche nach den vergessenen Klavieren Sibiriens begeben und weiß Erstaunliches zu berichten.

Maria Volkonsky's Lichtenthal Piano 5 min
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Das sibirische Verbannungssystem oder der Prunk des Adels: Sophy Roberts zeigt in "Sibiriens vergessene Klaviere" die enge Verbindung zwischen dem Klavier und der russischen Geschichte. Kritik von Tino Dallmann

MDR KULTUR - Das Radio Mi 23.12.2020 06:00Uhr 04:58 min

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Die europäische Musiktradition war schon lange vor Katharina der Großen in Russland angekommen. Unter ihr trat nun ein neues Instrument seinen Siegeszug an, das durch technischere Neuerungen seinen Klang immer mehr verfeinerte: das Klavier. Als dann noch Franz Liszt und John Field im Land auf Tournee gingen, waren die Russen dem Instrument endgültig verfallen:

Zitat aus "Sibiriens vergessene Klaviere": "Bald nach seiner Ankunft in Russland im Jahr 1802 konnte der irische Pianist John Field – der Erfinder der Nocturne, eines kurzen träumerischen Liebeslieds für das Klavier – in den Salons von Moskau und St. Petersburg als ausübender Künstler wie als Lehrer jeden Preis verlangen. Field hat sozusagen den ersten Ton im russischen Klavierkult angeschlagen, doch es war der Ruhm des ungarischen Pianisten Franz Liszt, der in den 1840er Jahren die Liebe der Russen zu diesem Instrument in ein Fieber verwandelte."

Wie das Klavier mit der russischen Geschichte verbunden ist

In ihrem Buch zeigt Sophy Roberts, wie die Begeisterung für das Klavier sowohl mit den hellsten als auch mit den dunkelsten Kapiteln der russischen Geschichte verbunden ist: So fiel die Verbreitung der Klavierbaukunst im Land mit der Einrichtung des Verbannungssystems in Sibirien zusammen. Auf diese Weise entstand eine einzigartige Musiktradition.

"Sibiriens vergessene Klaviere" - Ausgewählte Bilder des Fotografen Michael Turek

Clavichord, Kiakhta
Clavichord in Kiakhta Bildrechte: Michael Turek
Clavichord, Kiakhta
Clavichord in Kiakhta Bildrechte: Michael Turek
Bechstein Kiakhta
Ein Bechstein in Kiakhta Bildrechte: Michael Turek
Sturzwage Piano, Khabarovsk
Ein Sturzwage-Piano in Khabarovsk Bildrechte: Michael Turek
Piano in einem Raum, Kiakhta
Piano in Kiakhta Bildrechte: Michael Turek
Klavier Sammlung von Pjotr ​​Aidu
Klavier-Sammlung von Pjotr ​​Aidu Bildrechte: Michael Turek
Piano in Bogashevo
Piano in Bogashevo Bildrechte: Michael Turek
Maria Volkonsky's Lichtenthal Piano
Maria Volkonsky's Lichtenthal Piano Bildrechte: Michael Turek
Sophy Roberts
Buchautorin Sophy Roberts Bildrechte: Michael Turek
Autorin Sophy Roberts und Fotograf Michael Turek in der Trans-Siberischen Eisenbahn
Autorin Sophy Roberts und Fotograf Michael Turek in der Trans-Siberischen Eisenbahn Bildrechte: Michael Turek
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Zitat aus "Sibiriens vergessene Klaviere": "Der amerikanische Journalist Thomas Knox, der 1866 Sibirien bereiste, bemerkte über diese gebildete Präsenz: "Sibirien hat in der Gestalt der politischen Exilanten zahlreiche Persönlichkeiten von hoher Kultur aufgenommen. Männer von liberaler Erziehung, mit regem Intellekt und vornehmen Manieren sind unter den verbannten Polen in hoher Zahl vertreten", beobachtete er. "Der Einfluss dieser Verbannten auf die Intelligenz, die Gebräuche und Sitten der Sibirier hat einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen."

Autorin Sophy Roberts und Fotograf Michael Turek in der Trans-Siberischen Eisenbahn
Autorin Sophy Roberts und Fotograf Michael Turek in der Trans-Sibirischen Eisenbahn Bildrechte: Michael Turek

Sophy Roberts hat zahlreiche Reisen durch Sibirien unternommen und sich tief in die Geschichte des Landes eingelesen. Auf diese Weise ist ein Buch entstanden, das bei aller Lust an der Ausschweifung profundes Wissen und neue Perspektiven vermittelt. Denn Roberts erzählt auch von der Kolonisierung Sibiriens und damit von einer Geschichte, die sich noch immer an den Gesichtern der Menschen ablesen lässt, die ihr auf ihren Reisen begegnen.

Zitat aus "Sibiriens vergessene Klaviere": "Ich betrachtete sie und fragte mich, wie sie hergekommen waren. Stammte der eine, der den Fuß nachzog, von einem Mörder ab, einem Teehändler, einem aus politischen Gründen Verbannten oder einem Neusiedler? Oder waren es Altsibirier, abstammend von den frühesten russischen Bauern, die sich mit den Indigenen vermischt hatten? Die Anziehungskraft privater Geschichten ist in Sibirien immer gegenwärtig."

Klaviere stehen für den Prunk des Adels

"Sibiriens vergessene Klaviere" ist ein erzählendes Sachbuch in der Tradition von Edmund de Waal und Neil MacGregor. Sophy Roberts zeigt dabei eindrucksvoll, wie Klaviere den Zeitgeist spiegeln: Sie stellen den Prunk und den Machtanspruch des russischen Adels heraus. Ihre Verbreitung bis nach Sibirien ist zudem mit der rasch voranschreitenden Industrialisierung verbunden – und mit der Hoffnung in dunklen Stunden, zum Beispiel wenn mitten in der Belagerung von Leningrad ein Konzert Trost spendet.

Zitat aus "Sibiriens vergessene Klaviere": "Im schwindenden Nachmittagslicht des 9. August 1942 verfiel die hungrige Bevölkerung der Stadt in Schweigen; es war einer der dramatischsten Augenblicke in einem unvorstellbaren Krieg. 'Wir waren überwältigt von der Zahl der Menschen, dass so viele nach Nahrung, aber auch nach Musik hungerten', schrieb der Posaunist. 'Einige waren im Anzug gekommen, andere von der Front. Die meisten waren mager und unterernährt.' Als es vorüber war, lauschten nicht nur die Leningrader, sondern auch deutsche Soldaten an der Frontlinie dem halbstündigen stehenden Applaus, den ein auf den Knien liegendes Volk spendete."

Die Kraft der Musik

Zwar findet Sophy Roberts nicht jedes Klavier, nach dem sie sucht, ihr gelingt dafür ein packendes und vielschichtiges Porträt von Russland als Kulturnation - und ein Buch über die Kraft der Musik, bei dem sich tiefere Einsichten offenbaren. Denn am Ende ihrer Reisen erkennt Roberts, wie Musik die Menschen verbindet. Und wie diese nach denselben Dingen streben: nach Harmonie, Schönheit und Dauer.

Sophy Roberts
Buchautorin Sophy Roberts Bildrechte: Michael Turek

Informationen zum Buch: "Sibiriens vergessene Klaviere"

von Sophy Roberts, aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer

Erschienen bei Zsolnay im Hanser Verlag
384 Seiten, 26 Euro
ISBN 978-3-552-07205-3

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. Dezember 2020 | 07:40 Uhr

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