Fünf Euro für ein Halleluja Warum Orgeln in Sachsen verstummen könnten

Wer zum Gottesdienst in die Kirche geht, erwartet, dass Orgelmusik erklingt. Doch in Zukunft könnten die Orgeln in Sachsen immer öfter verstummen. Denn die Situation für Organistinnen und Organisten im Bistum Dresden-Meißen sowie im Gebiet der Evangelischen Landeskirche Sachsen wird immer schwieriger. Stellen werden abgebaut und die Honorare für Orgeldienste lassen zu wünschen übrig.

Frau spielt Orgel
Die Umstände für Orgelspielende in Sachsen – dem Heimatland der weltberühmten Silbermann-Orgeln – sind schlecht Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Orgel wird in diesem Jahr groß gefeiert, als Instrument des Jahres. Sie zu spielen ist anspruchsvoll und bedarf jahrelanger wie regelmäßiger Übung. Am häufigsten ist die Königin der Instrumente im Gottesdienst zu hören. Doch festangestellte Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker gibt es immer weniger. Und so drohen Gottesdienste im schlimmsten Fall mit CD-Player statt Orgel musikalisch begleitet zu werden.

Honorarkräfte übernehmen Orgeldienste

Zu wenig feste Stellen gibt es sowohl bei der evangelischen als auch bei der katholischen Kirche in Sachsen. Im gesamten Bistum Dresden-Meißen arbeiten insgesamt 14 hauptberufliche Kantoren. Dem gegenüber stehen 37 Pfarreien mit jeweils mehreren Gottesdienststandorten und Gemeinden. So müssen die Gemeinden vor Ort, die keinen Kantor haben, die Orgeldienste aus ihrem Haushalt oder aus Spenden finanzieren.

Blick auf die Große Silbermann-Orgel im Dom St. Marien Freiberg.
Prachtvolle Silbermann-Orgel im Dom St. Marien Freiberg. Bildrechte: dpa

Vor über einem Jahr wurden bei der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsen Stellen reduziert, sodass schlagartig viel mehr Dienste auf Honorarbasis geleistet werden. So wird die Orgel bei ungefähr der Hälfte der evangelisch-lutherischen Gottesdienste in Sachsen von Honorarkräften gespielt. Im Bistum Dresden-Meißen ist der Anteil sogar weitaus höher: An inem Sonntag, zum Beispiel, sind es schätzungsweise 90 Prozent der Gottesdienste, bei denen Vertretungskräfte an der Orgel sitzen. Die Vorsitzende des Verbandes der Evangelischen Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker in Sachsen, Annette Herr, selbst Organistin, findet das problematisch

Es zeigt die Organistin Annette Herr
Annette Herr Bildrechte: Annette Herr

Jetzt müssen wir leider sehr viel über das Geld reden, weil einfach die Sätze hängengeblieben sind.

Annette Herr Vorsitzende des Verbandes für Evangelische Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker Sachsen

Teils fünf Euro pro Dienst

Gespielt wird die Orgel teils von Organistinnen mit Musikstudium, meist aber von passionierten Organisten mit nebenberuflicher Ausbildung und jahrelanger Praxiserfahrung. Ob studiert oder nicht – bezahlt werden diese Orgeldienste schlecht. Die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen zahlt zwischen 21 und 52 Euro pro Orgeldienst. Abhängig ist das davon, wie der oder die Organistin ausgebildet ist und ob es ein einfacher oder erweiterter Gottesdienst, also beispielsweise mit Abendmahl oder Taufe, ist. Für das Bistum Dresden-Meißen teilt der Pressesprecher mit: Ein großer Teil der Honorarkräfte arbeite komplett ehrenamtlich, ein weiterer Teil bekäme eine Aufwandsentschädigung von fünf bis zehn Euro pro Einsatz, ein wiederum noch kleinere Gruppe sei geringfügig bei den Pfarreien angestellt.

Aus der Praxis hat Annette Herr da andere Erfahrungen: Aus einer Vergütungstabelle der kirchenmusikalischen Dienste für das Bistum Dresden-Meißen aus dem Jahr 2017 geht hervor, dass eine Honorierung der Orgeldienste im Bistum mit Sätzen von knapp 15 bis 43,50 Euro pro Gottesdienst empfohlen wird. Ob es fünf oder 52 Euro sind: Für dieses Geld wird der Orgeldienst im Gottesdienst sowie die Vorbereitungszeit abgegolten.

Das sind mindestens zweieinhalb Stunden Arbeitszeit. In der Regel deutlich mehr

Annette Herr Vorsitzende des Verbandes für Evangelische Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker Sachsen

Berufsbild freier Organist?

Bei den meisten Organistinnen und Organisten schwinge bei der Verrichtung der Dienste die Motivation mit, dies für die Gemeinde, für die Kirche und für Gott zu tun – als ein Ehrenamt, sagt Annette Herr. Deswegen sei in den letzten Jahrzehnten auch viel zu wenig über das Geld geredet worden. Das müsse man jetzt nachholen, so die Verbandsvorsitzende aus Sachsen. Annette Herr hat sich nach über 20 Jahren mit Stellen bei der Kirche für die Freiberuflichkeit entschieden. Sie hat nicht nur Kirchenmusik, sondern auch Instrumentalpädagogik studiert und unterrichtet jetzt vor allem Geige an Leipziger Musikschulen. Konzerte und Gottesdienste sind für sie nur ein Standbein neben dem Unterrichten und anderen Projekten.

Alle Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker ohne feste Stelle setzen ihr Einkommen aus verschiedenen Tätigkeiten zusammen. Viele sind in einem außermusikalischen Beruf in Teilzeit tätig. Von den Honoraren der Orgeldienste am Wochenende allein lasse sich kein Lebensunterhalt bestreiten, so Annette Herr. Das Berufsbild des freien Organisten oder der freien Organistin gebe es so nicht. Mit den Honoraren versuche man vor allem, das eigene Gehalt aufzustocken. Dass die Orgeldiensthonorare nicht fürs Leben ausreichen, ist auch dem Landeskirchenmusikdirektor der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsen, Markus Leidenberger, klar. Die kämen noch aus einer Zeit, wo man eben nicht damit gerechnet habe, dass jemand damit sein Übungsinstrument, seine Ausbildung oder seinen Lebensunterhalt finanzieren wolle.

Orgelmusik vom CD-Player?

Frau spielt Orgel
Ein Instrument wie diese Orgel in der Leipziger Michaeliskirche spielen zu können erfordert jahrelange Übung Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Noch können die Gottesdienste mit Orgelmusik gestaltet werden. Die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen stellt den Gemeinden über einen Orgelfonds zudem Geld für die Bezahlung von Vertretungskräften an der Orgel zur Verfügung. Doch dieser Fonds sei zu knapp bemessen, sagt Annette Herr. Es könne nicht ausgeschlossen werden,  dass man für einen Orgeldienst niemandem finde, z. B. in der Urlaubszeit oder für eine Trauerfeier am Wochentag, so dass man aus Personalmangel darauf angewiesen sei zu singen – ohne Begleitung. Im schlimmsten Fall müsse man einen CD-Player anmachen.

Die immer knapper werdenden festen Stellen für Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker haben neben den prekär bezahlten Orgeldiensten eine weitere Folge: In den Gemeinden fehlen für die Gemeindearbeit und Chorproben die kirchenmusikalischen Ansprechpartner. Das bedauert Annette Herr. Denn in den kirchenmusikalischen Gruppen seien auch immer Leute dabei, so Herr, die sich sonst nicht zur Gemeinde zählten. Die sagten: "Ach, glauben tue ich eigentlich gar nicht. Aber die Musik gefällt mir trotzdem."  So knüpfe die Kirchenmusik Kontakte in den Stadtteil oder in das Dorf hinein. Mit immer weniger festangestellten Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusikern sei das schwieriger zu bewerkstelligen.

Erste Honorarerhöhung seit sieben Jahren

Die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen hat in Aussicht gestellt, 2022 die Honorare für die freien Organisten zu erhöhen – zum ersten Mal seit über sieben Jahren.  Annette Herr setzt sich dafür ein, dass auch die Organistinnen und Organisten mit geringer Ausbildung dann mehr bekommen als das Mindestlohn-Niveau.

Doch der Grundkonflikt bleibt: Wie die Kirche in Zeiten schwindender Mitgliederzahlen dafür sorgen kann, dass die Orgeln langfristig nicht durch CD Player ersetzt werden– und die Kirche weiter über Musik in die Gesellschaft hineinwirkt.

Die Welt der Orgeln

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. März 2021 | 08:15 Uhr

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