Band-Jubiläum Wie "Born in the GDR" in der DDR zum Hit wurde – neun spannende Fakten über die Punkband Sandow

Die Punkband Sandow landete mit "Born in the GDR" einen Hit in der DDR. Nur über einen Zufall kam das Lied ins Radio. Auch heute gehört es noch zum Repertoire der Band, die sich zwischenzeitlich auflöste und 2022 nun ihr 40-jähriges Jubiläum feiert. Grund genug, um auf spannende und lustige Fakten zur Band zu blicken – zum Beispiel, was diese mit Bruce Springsteen, Rammstein oder Iggy Pop verbindet.

Die Band Sandow spielen auf der Bühne bei einem Konzert in Berlin am 19. November 1989.
Die Punkband Sandow hat mit "Born in the GDR" einen Hit in der DDR gelandet. Bruce Springsteen lieferte die Vorlage. Bildrechte: IMAGO / BRIGANI-ART

1. Springsteen-Konzert in Ost-Berlin war Vorlage von Sandow-Hit

Der Sandow-Hit "Born in the GDR" ("Geboren in der DDR") entstand nach dem Konzert des US-Rockstars Bruce "The Boss" Springsteen am 19. Juli 1988 in Ost-Berlin. Sänger und Songschreiber von Sandow, Kai-Uwe Kohlschmidt, war zwar nicht vor Ort, schaute sich das Konzert aber im Fernsehen an. Er rieb sich an der DDR-Selbstinszenierung mit 160.000 Besucherinnen und Besuchern. Laut Kohlschmidt entstand "Born in the GDR" tags darauf als kritische Reaktion – innerhalb von drei Stunden im Proberaum.

Blick über die rund 150 000 Fans beim Konzert des amerikanischen Rockmusikers Bruce Springsteen am 21. Juli 1988 in Ost-Berlin .
Ein Konzert von Bruce Springsteen in der DDR inspirierte Sandow zu ihrem Lied "Born in the GDR". Bildrechte: dpa

2. Konzert in Suhl brachte "Born in the GDR" per Zufall ins Radio

Ein Lied wie "Born in the GDR" war in der DDR eigentlich nicht vorgesehen – schaffte es aber dennoch ins Radio. Und das kam so: Im Herbst 1988 traten Sandow bei einer von der FDJ organisierten Veranstaltung in Suhl auf, die vom Rundfunk mitgeschnitten und ausgestrahlt wurde. Ein Auftritt bei einer solch offiziellen Show wirkte scheinbar unverdächtig. "Born in the GDR" wurde aufgenommen, landete im Archiv und wurde vor allem im Programm vom Jugendradio DT64 eingesetzt.

Die vier Musiker von Sandow stehen im Backstage-Bereich zusammen bei einem Konzert in Berlin am 19. November 1989.
Der Hit "Born in GDR" von Sandow wirkte so unverdächtig, dass es im Programm des Jugendradios DT64 gespielt wurde. Bildrechte: IMAGO / BRIGANI-ART

Ein Album sollte folgen. Aber das DDR-Kulturministerium blockierte "Stationen einer Sucht" wegen des Streits um "Born in the GDR". Erst im Februar 1990 kam das Sandow-Debüt in die Läden.

3. Sandow spielten "Born in the GDR" jahrelang nicht

Nach der Wende bemerkte die Band einen Wandel in der Wahrnehmung von "Born in the GDR", erklärt Kai-Uwe Kohlschmidt im Gespräch mit MDR KULTUR: "Wahrscheinlich auch eine extreme Verknappung oder Einengung auf den Refrain." Eine melancholische, nostalgische Haltung sei einhergegangen. Sandow entschieden sich, das Lied nicht mehr zu spielen. Erst seit Mitte der 90er-Jahre gehört es wieder zum Live-Repertoire der Band.

Sandow-Musiker Kai-Uwe Kohlschmidt singt in ein Mikrofon bei einem Konzert zum 35. Bühnenjubiläu in Berlin am 7. Februar 2018
Nach dem Ende der DDR spielte Sandow mit Sänger und Mitgründer Kai-Uwe Kohlschmidt (Foto von 2018) den Song "Born in the GDR" jahrelang nicht. Bildrechte: IMAGO / POP-EYE

4. Rammstein spielten als Vorband von Sandow

Es ist kaum noch vorstellbar, aber Mitte der 1990er-Jahre spielte der große deutsche Rock-Export Rammstein als Vorband von Sandow. Damals hatten Till Lindemann & Co. gerade ihr Album "Herzeleid" veröffentlicht, wie die Lausitzer Rundschau an einen Auftritt im Glad House in Cottbus 1995 erinnert. Die Uhr der Punkrocker von Sandow tickte da bereits, vier Jahre später sollten sie sich auflösen – vorerst.

Till Lindemann, beim Auftritt der Band Rammstein 1998
Rammstein – hier eine Aufnahme von Sänger Till Lindemann 1998 – und Sandow entwickelten sich in den 1990er-Jahren in höchst unterschiedliche Richtungen. Bildrechte: dpa

5. Sandow-Sänger wurde mit Campino von Die Toten Hosen verwechselt

Sandow-Sänger Kai-Uwe Kohlschmidt stand 1988 mit den Pancake Barricades als Vorband von Die Anderen auf der Bühne. Die Freie Presse hat den denkwürdigen Auftritt in Wismar zusammengefasst. Zur Vorgeschichte muss man wissen, dass die Pancake Barricades demnach den Toten-Hosen-Titel "Und die Jahre ziehen ins Land" mit im Gepäck hatten und nicht als Vorgruppe angekündigt waren.

So verselbstständigte sich nach einem Konzert das Gerücht, dass da die Die Toten Hosen heimlich Gigs spielen. Befeuert wurde die Hoffnung der Fans vielleicht auch durch den Geheimauftritt der Hosen in Ost-Berlin 1982, der für Aufsehen gesorgt hatte. Laut Kai-Uwe Kohlschmidt skandierten die Fans in Wismar: "Hosen! Hosen!" – und die Band ließ sie bei ihrem Auftritt in dem Glauben.

6. Dokumentarfilm machte die Band bekannt

Im kollektiven Gedächtnis sind Sandow vor allem für "Born in the GDR". Bekannt wurde die Band aber bereits 1988. Die Leipziger Volkszeitung erinnert daran, dass in dem Jahr der Dokumentarfilm "Flüstern und Schreien" in die Kinos kam und damals völlig neue Innensichten der DDR-Jugend zeigte. Der Film begleitete neben Sandow Bands wie Silly, Feeling B und Chicoree auf ihren Tourneen durch die DDR.

Die Band Silly mit Frontfrau Tamara Danz, 1989
In der legendären DDR-Doku "Flüstern und Schreien" wird neben Sandow auch Silly mit Frontfrau Tamara Danz und Feeling B porträtiert. Bildrechte: imago/teutopress

7. Sandow waren für den Deutschen Hörspielpreis nominiert

Das Hörspiel "Im Feuer" von Kai-Uwe Kohlschmidt erzählt als Collage die Geschichte der Band. Für das Projekt konnte niemand Geringeres als der spätere Gundermann-Darsteller Alexander Scheer als Sprecher gewonnen werden. 2013 war "Im Feuer" als bestes Hörspiel nominiert, unterlag aber gegen "Ulysses" von James Joyce.

8. Sandow foppten Veranstalter von Festival mit Ramones und Iggy Pop

Große Veranstalter überlegten sich wohl zweimal, Sandow zu buchen. Warum ist in einem alten Artikel der Süddeutschen Zeitung nachzulesen. Demzufolge sollten Sandow 1991 auf einem Rockfestival vor den Ramones und Iggy Pop spielen, drei Titel seien vereinbart gewesen. Ihren Auftritt bauten sie dann aber auf wie ein großes Konzert inklusive Ouvertüre, Aufstellung in Heldenpose und drei harten Songs hintereinander – bis es dann nicht mehr weiterging. Laut Kai-Uwe Kohlschmidt galt die Band seitdem als unberechenbar.

9. 700 Fans beim Sandow-Abschied in Leipzig

Gegründet wurden Sandow 1982 in Cottbus, ihr zwischenzeitliches Abschiedskonzert gaben sie 1999 in Leipzig, der Geburtsstadt von Sänger Kai-Uwe Kohlschmidt. 700 Menschen zählte die Süddeutsche Zeitung auf dem Konzert – für die anwesende Autorin eine Menge Leute zu dem Zeitpunkt für die Band. "Born in the GDR" wurde als Persiflage zum Besten gegeben, schrieb die FAZ. Acht Jahre sollte es dauern, bis die Band im Jahr 2007 zurückkam.

V.l.n.r.: Gitarrist Chris Hinze, Sänger Kai-Uwe Kohlschmidt, Schlagzeuger Lars Neugebauer und Bassist Tilman Fürstenau (alle Sandow)
Die Cottbuser Band Sandow nach der Reunion in einer Aufnahme aus dem Jahr 2008. Von links nach rechts: Gitarrist Chris Hinze, Sänger Kai-Uwe Kohlschmidt, Schlagzeuger Lars Neugebauer und Bassist Tilman Fürstenau. Bildrechte: IMAGO

Quellen: MDR KULTUR (Hendyk Proske, Stefan Maelck), Mitteldeutsche Zeitung, Lausitzer Rundschau, Freie Presse, Leipziger Volkszeitung, Süddeutsche Zeitung, deutscher-hoerbuchpreis.de, Spiegel

Redaktionelle Bearbeitung: Simon Bernard

Anm. der Redaktion: In einer früheren Version des Beitrags stand, dass Katharina Witt das Konzert von Bruce Springsteen moderiert habe. Dazu gibt es widersprüchliche Quellen und wir haben uns entschieden, die Information zu streichen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. November 2022 | 17:40 Uhr

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