Schutzschirm angekündigt Hoffnung für die Veranstaltungsbranche in der Corona-Krise?

Bundesfinanzminister Olaf Scholz stellte am Wochenende einen Schutzschirm und ein Förderprogramm für Kulturveranstalter in Aussicht und ermutigte die Veranstalter, sie sollten doch schon für die zweite Jahreshälfte 2021 Konzerte planen. Ein Hoffnungsschimmer für die schwer gebeutelte Veranstaltungswirtschaft. Doch was sind aktuell die Herausforderungen der regionalen Veranstalter?

Blick auf die Semperoper. Davor stehten eine riesige leere Bühne und hunderte leere Stühle. Damit protestieren Künstler, Mitarbeiter der Veranstaltungsbranche, Techniker und Caterer für staatliche Hilfen in der Krise. Sie fühlen sich vergessen und nicht unterstützt. 4 min
Bildrechte: Florian Glatter

Bundefinanzminister Olaf Scholz stellte am Wochenende einen Schutzschirm und ein Förderprogramm für Kulturveranstalter in Aussicht. Ein Hoffnungsschimmer für die schwer gebeutelte Veranstaltungswirtschaft?

MDR KULTUR - Das Radio Fr 11.12.2020 06:00Uhr 04:19 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Es ist ein Signal, eine Ankündigung, die mit Wohlwollen in der Veranstaltungsbranche aufgenommen wird: Olaf Scholz' Äußerung am Wochenende im "Tagesspiegel", es werde an einem Förderprogramm für Kulturveranstalter gearbeitet. Außerdem ermutigte der Bundesfinanzminister in der Zeitung die Organisatoren, sie sollten doch schon für die zweite Jahreshälfte 2021 Konzerte planen – damit man nicht plötzlich, wenn es wieder möglich sei, ohne Kultur dastehe. Sollten diese dann pandemiebedingt ausfallen, wären die Aufwendungen "abrechnungsfähig", so der Finanzminister.

Endlich eine mittelfristige Strategie

Es ist eine Äußerung, die bei den Veranstaltern Hoffnungen weckt. Geschäftsführer Matthias Winkler, von MAWI Concert aus Leipzig, die jährlich normalerweise 300 bis 500 Konzerte vor allem in der Region Leipzig und Halle veranstalten und auch das Haus Auensee betreiben, spricht von einem guten Signal. Auch bei dem Festivalveranstalter Seekers Event, der das SonneMondSterne Festival im thüringischen Saalburg und das SPUTNIK SPRING BREAK Festival auf der Halbinsel Pouch bei Bitterfeld organisiert, wird die Nachricht positiv aufgenommen. Bei Sprecher Philipp Helmers meldeten sich sofort viele Bekannte und Festivalbegeisterte mit der Hoffnung, es könne bald wieder losgehen. Der Präsident des Bundesverbandes der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft, Jens Michow, spricht davon, dass der Vorschlag die Brücke sein könnte, die der Branche das Überleben sichern könnte. Bisher habe die Politik unter dem Druck der Ereignisse immer sehr schnell reagiert. Das sei etwas, was in der Leistung und Geschwindigkeit einmalig in Europa sei.

Aber es ist gut, jetzt nur nicht nur immer unter dem Druck der Geschehnisse agieren zu müssen, sondern eine mittelfristige Strategie zu entwickeln.

Jens Michow, Präsident Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft

Das Signal sei aber auch deswegen wichtig, weil es der Branche elend gehe, so Jens Michow vom Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft. Viele in der Branche hätten seit über neun Monaten keine Einnahmen, aber trotzdem die laufenden Kosten zu bestreiten. Was besonders fehle, sei eine Perspektive. Ende November sagte Jens Michow gegenüber tagesschau.de, nach seine Einschätzung seien mindestens 50 Prozent der Unternehmen wirtschaftlich nicht mehr überlebensfähig.

Bei aller Freude über die Aussage von Olaf Scholz bleiben Unsicherheiten. Denn mehr als eine Verlautbarung in den Medien ist die Idee bisher nicht. MAWI-Chef Winkler fragt sich beispielsweise, welche Kosten denn genau abrechnungsfähig seien und in welcher Höhe, falls die Konzerte pandemiebedingt wieder abgesagt würden.

Keiner will Verantwortung übernehmen

Fragen behördlicher Natur stellen sich die Festival-Veranstalter Seekers Event. Zum SonneMondSterne Festival und SPUTNIK SPRING BREAK Festival kommen jedes Jahr zehntausende Besucherinnen und Besucher. Solche Riesen-Events anzuschieben, bedeutet monatelange Vorausplanung und behördliche Genehmigungen, beispielsweise der Brandschutz- und Sicherheitskonzepte. Eigentlich sind das eingespielte behördliche Vorgänge, die jetzt in den Wintermonaten abgewickelt werden würden. Doch momentan sind diese Genehmigungen schwer zu bekommen, berichtet Sprecher Philipp Helmers. Denn mit der Unterschrift der behördlichen Mitarbeiter unter der Genehmigung tragen diese die Verantwortung und Haftung. Eine Haftung, die in Pandemiezeiten niemand bei Großveranstaltungen einfach so übernehmen will – verständlicherweise, so Philipp Helmers. Wenn, dann bräuchte es eine Zusicherung von Landes- oder Bundesebene. Insofern wünscht sich Philipp Helmers von Seekers Event belastbare Aussagen des Bundesfinanzministers Olaf Scholz, am liebsten schriftlich. Wenn die behördliche Komponente geklärt wäre und die Festivalveranstalter loslegen könnten, bräuchte es aber weitere Sicherheiten. Denn bereits vorab entstünden den Veranstaltern Planungskosten im sechs- oder siebenstelligen Bereich für die Dienstleister der Gastronomie, der Bühnen, der Sanitäranlagen oder der Dekorationen.  

"Das ist unser Leben"

Trotz aller Widrigkeiten ist die Sehnsucht groß, endlich wieder veranstalten zu können. Es sei ein moralischer Spagat, so Philipp Helmers. Man wisse, dass die Lage dramatisch sei und jeden Tag hunderte Menschen sterben – und sich sicherlich viele Menschen wunderten, wieso die Veranstalter in so einer Lage ans Feiern denken.

Man muss verstehen, dass es für uns alles ist. Das ist unser Leben. Das ist das, was wir unser Leben lang gemacht haben. Das ist das wovon wir auf Dauer leben wollen. Deswegen tun wir alles, dass wir veranstalten können.

Philipp Helmers, Seekers Event

Matthias Winkler von MAWI Concert ist sich sicher, den Winter zu überstehen. Der Veranstalter geht schon wieder mit den ersten Events für das kommende Jahr in den Vorverkauf, beispielsweise mit einer Tokio Hotel-Tour sowie Konzerten von WetWetWet. Denn dass die Menschen kulturhungrig sind und bei Sicherheit durch Impfungen in Scharen zurückkehren, davon geht Winkler fest aus.

Handfestes ist nachzuliefern

Die Idee eines Schutzschirms für Kulturveranstalter von Bundesfinanzminister Olaf Scholz, sie steckt noch in den Kinderschuhen. Die Kulturveranstalter, sie fühlen sich dadurch von hoher Stelle endlich ein wenig gesehen. Der Vorstoß gibt ihnen die Ahnung einer Planbarkeit, nach der sich die vom ewigen Verschieben Geplagten sehnen. Die dauernde Notwendigkeit umzuplanen, nennt ein Veranstalter "logistischen Vollwahnsinn".

Wie die Konzerte dann aussehen werden, ob dicht gedrängte geimpfte und schnellgetestete Menschen Musik lauschen oder Abstandskonzerte mit wenig Publikum in riesigen Hallen stattfinden, das ist noch unklar. Auch, für wie viele neue Gigs es zusätzlich zu den Nachhol-Konzerten überhaupt noch Kapazitäten gibt. Nun ist erst einmal der Bundesfinanzminister in der Pflicht, etwas Handfestes zu seinem Anfangssignal für die Kulturveranstalter nachzuliefern.

Mehr zu Kultur in der Corona-Krise

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. Dezember 2020 | 07:40 Uhr

Abonnieren

Kultur

Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei