Videostream Internationale Schostakowitsch Tage als digitales Konzert-Erlebnis

Mit der Landpartie in die Konzertscheune von Gohrisch wurde es diesmal nichts, dafür boten die Internationalen Schostakowitsch Tage ein besonderes, transkontinentales Konzerterlebnis im Netz. Per Videostream wurden am Sonntag neun Uraufführungen von Dmitri Schostakowitsch präsentiert, interpretiert von drei herausragenden russischen Pianisten: Julianna Awdejewa, Dmitri Maslejew und Daniil Trifonow saßen in Gohrisch, Moskau bzw. Greenwich, USA am Klavier! Das ganze Konzert können Sie hier noch einmal nacherleben.

Tobias Niederschlag
Tobias Niederschlag, künstlerischer Leiter des Festivals Bildrechte: Matthias Creutziger

MDR KULTUR: In Gohrisch bei den Internationalen Schostakowitsch Tagen wird vor allem Kammermusik geboten. Unter den jetzt geltenden Auflagen hätte das Festival eigentlich stattfinden können, warum war das keine Option für Sie?

Tobias Niederschlag, künstlerischer Leiter der Schostakowitsch Tage: Wir haben darüber nachgedacht. Die Entscheidung zur Absage trafen wir im Mai, unsere Gründe dafür sind leider immer noch aktuell: Wir musizieren in Gohrisch in einer Scheune, die wir jedes Jahr erst für die Konzerte herrichten. Das entsprechend den Coronabedingten Sicherheits- und Hygieneregeln zu tun, wäre für uns nicht realisierbar gewesen. Weder logistisch noch finanziell. Wir versuchen jedes Jahr eine Art Nullrechnung hinzubekommen, was die Ausgaben und Einnahmen angeht. Nur ein Viertel oder Fünftel der Plätze zu besetzen, wäre für uns leider nicht zu leisten.

Immerhin gibt es einen kleinen Trost, die geplanten Uraufführungen von Schostakowitsch finden nun im Internet statt ...

Pianistin Julianna Awdejewa
Pianistin Julianna Awdejewa Bildrechte: Ophelias Culture PR / Christine Schneider

Ja, wir waren glücklich, zehn Uraufführungen für die Schostakowitsch Tage 2020 ankündigen zu können. Ein Stück für Orchester werden wir im nächsten Jahr nachholen. Aber zumindest die neuen Uraufführungen für Klavier, die werden wir jetzt am kommenden Wochenende, also am eigentlichen Festival-Wochenende präsentieren. In einem transkontinentalen Studioprojekt!

Mit drei herausragenden russischen Pianistinnen und Pianisten. Und zwar mit Julianna Awdejewa, Dmitri Maslejew und Daniil Trifonow. Julianna Awdejewa, die in diesem Jahr auch beim Festival aufgetreten wäre, wird tatsächlich in Gohrisch musizieren, im Albrechtshof, dem ehemaligen Gästehaus des Ministerrates der DDR, wo Schostakowitsch ja 1960 weilte und sein später berühmtes 8. Streichquartett komponierte. Dmitri Maslejew spielt in der Moskauer Tschaikowsky Concert Hall. Und Daniil Trifonow wird aus seinem Haus in Greenwich im US-Bundesstaat Connecticut zugeschaltet.

Das Projekt steht für den Anspruch des Festivals: Es heißt ja Internationale Schostakowitsch Tage Gohrisch, die so trotz Corona hoffentlich auch ein großes weltweites Publikum finden werden.

Aus dem kleinen Gohrisch hinaus in die große Welt ... Das klingt fast so, als könnte das auch ein Modell, ein Konzept für die Zukunft sein.

Das warten wir erstmal ab. Wir haben in den letzten Wochen und Monaten feststellen können, dass die vielen Streams, die es gegeben hat, kein wirklicher Ersatz für ein Live-Erlebnis sind. Nach Gohrisch, in diese wunderschöne Gegend, pilgert das Publikum ja gerade wegen des Austauschs, auch mit den Künstlerinnen und Künstlern. Diese Grenzen, die man aus anderen Konzertsälen kennt, gibt es dort eigentlich gar nicht. Das macht die besondere Atmosphäre bei den Schostakowitsch Tagen aus. Schwer zu realisieren in Corona-Zeiten.

Schostakowitsch ist einer der meist gespielten Komponisten. Kaum zu glauben, dass es immer noch so viel Neues zu entdecken gibt. Was schlummert da noch für ein Schatz?

Menschen in der Konzert-Scheune in Gohrisch, 2016
Vor Corona: Blick in die Konzertscheune Bildrechte: dpa

Im Detail kann ich das nicht sagen. Wir stehen aber in sehr engem Kontakt mit dem Schostakowitsch-Zentrum in Paris, das von Irina Schostakowitsch, der Witwe des Komponisten, eingerichtet wurde. Das Zentrum hat enge Verbindungen nach Moskau zum Schostakowitsch-Archiv und dessen Leiterin Olga Digonskaya. Das ist die Dame, die in den letzten Jahren über 300 Manuskripte gefunden hat. Kompositionen für Orchester, Kammermusik, aber auch viele Gelegenheitswerke, die in ganz anderem Kontext aufgefunden wurden, zum Beispiel in Nachlässen von befreundeten Musikern. Das schlummert also noch einiges.

Wie sehr vermissen Sie dieses sehr spezielle Sommergefühl von Gohrisch?

Abendstimmung auf dem Gohrisch im Elbsandsteingebirge
Abendstimmung auf dem Gohrisch im Elbsandsteingebirge Bildrechte: IMAGO

Sehr, aber wir hoffen, dass es sich im nächsten Jahr wieder einstellen wird. Ich bin im Moment dabei, einen Großteil des Programms, das jetzt nicht stattfinden kann, entsprechend umzuplanen. Ende des Jahres werden wir es im Detail bekannt geben und hoffen, dass das Publikum wiederkommt und dass wir dort anknüpfen können, wo wir im letzten Jahr aufgehört haben.

Schostakowitsch im Netz erleben Der Stream wird vom MDR in Zusammenarbeit mit ARTE produziert und am 5. Juli 2020 ab 20 Uhr auf der Online-Plattform ARTE CONCERT unter dem Titel "Schostakowitsch – Entdeckungen" zu sehen sein sowie im Netz bei MDR KULTUR und MDR KLASSIK.

Als Medienpartner der Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch begleitet der MDR das Festival auch im Programm: Die Uraufführungen sind am 5. Juli 2020 ab 19:30 Uhr bei MDR KULTUR und MDR KLASSIK zu hören. Darüber hinaus gibt es vom 6. bis 13. Juli ein Schostakowitsch-Spezial im Webchannel Classic bei MDR KULTUR mit Konzertmitschnitten vergangener Jahrgänge der Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch.

Schostakowitsch in Gohrisch Dmitri Schostakowitsch (1906-1975) war zwei Mal in Gohrisch in einem Gästehaus der DDR-Regierung zu Gast und hatte hier auch komponiert. Daran erinnert ein Festival, das international Aufmerksamkeit genießt. In Gohrisch wird überwiegend in einer Scheune musiziert, es kommen regelmäßig auch Stars aus dem In- und Ausland.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. Juli 2020 | 10:15 Uhr