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Mit dem Einzug der Elektronischen Musik entstand im Osten nach der Wende eine neue Kulturlandschaft. Bildrechte: Schorre Halle

Elektro-OstenTechno im Osten: Diese Clubs haben die Szene geprägt

von Cornelia Winkler, MDR KULTUR

Stand: 12. August 2022, 10:44 Uhr

Mit der Wende erhielt der Techno Einzug in die neuen Bundesländer. Die Partys, meist improvisiert und halbillegal, wurden in leerstehenden Fabrikgebäuden und auf Brachflächen gefeiert. Die Doku "Techno House Deutschland" zeigt, wie daraus eine ganze Szene entstand. Clubs wie die Muna in Bad Klosterlausnitz, die Distillery in Leipzig und das Achtermai in Chemnitz wurden gegründet und überregional bekannt. Diese Clubs in Sachsen und Thüringen haben die ostdeutsche Technoszene geprägt.

Leipzig: Basis

Mit der Basis öffnete im Februar 1992 der erste Techno- und Houseclub in Leipzig seine Türen. In den ausgebauten Kellerräumen des ehemaligen Kulturhauses "Arthur Nagel" legen die beiden DJs Jens und Josh wöchentlich die Neuerscheinungen der elektronischen Musik auf. Gelegentliche Gastauftritte von DJs wie Westbam, Sven Väth und Marusha machten den kleinen Kellerklub auch überregional bekannt. Sechs Jahre lange prägte die Basis die Leipziger Technoszene. Dann war Schluss. Nach Planfeststellungsverfahren der Stadt musste das Gebäude weichen. Heute verläuft eine Kreuzung, wo vor 30 Jahren nachts die Bässe wummerten.

Leipzig: Distillery

Nicht erste, aber älteste und bekannteste Techno-Institution in Leipzig: die Distillery. Begonnen mit Kellerpartys in einer leerstehenden Brauerei im Stadtteil Connewitz, mauserte sich die "Tille" zu einem behördlich erlaubten Club in der Südvorstadt, der auch heute Besucher und DJs aus nah und fern anlockt.

Ins Leben gerufen hat die Distillery 1992 Steffen Kache, der den Club bis heute betreibt. Über die Beweggründe erzählt er in der Doku "Techno House Deutschland": "Wir selber haben irgendwann festgestellt, dass es relativ schwierig ist, immer eine Location zu finden, wenn man selber Veranstaltungen machen will und dachten: Jetzt suchen wir uns einfach selber einen Ort, wo wir reingehen und gründen unseren eigenen Club."

Sie richteten die Kellerräume der leerstehenden Kronenbrauerei her und fingen an, Techno-Partys zu organisieren – ohne Gedanken an Konzessionen, Mietverträge oder die Zukunft. Es entwickelte sich schnell ein Stammpublikum, doch auch die Stadtverwaltung bekam von den Partys Wind. Der Club wurde noch einige Zeit geduldet, doch trotz mehrfacher Proteste lies die Stadt 1995 die Türen zumauern. Noch im selben Jahr waren neue Räumlichkeiten gefunden und man zog auf das einstige Bahngelände am Rand der Südvorstadt, wo bis heute in der "Tille" zu den Sets weltweit gefragter Künstler getanzt wird.

Seit 1995 zieht die Distillery Fans der Elektronischen Musik in die Leipziger Südvorstadt. Bildrechte: IMAGO / Thomas Dietze

Umzug der Distillery im Januar 2023

Doch nach mehr als einem Vierteljahrhundert muss die Leipziger Technoinstanz bald einem neuen Wohnviertel weichen. Laut Vermieter darf der Club noch bis Januar 2023 bleiben. Danach soll die Distillery einen von der Stadt bereitgestellten Interimsstandort auf der Alten Messe beziehen, bis es eine langfristige Lösung gibt.

Chemnitz: Achtermai

Vom Industriegebäude zum Techno-Tempel: das ehemalige VEB Großdrehmaschinenwerk "8. Mai" in Chemnitz-Siegmar. Bildrechte: dpa

Auch in Chemnitz gab es nach der Wende viele leerstehende Gebäude. So auch das einstige Kulturhaus des "VEB Großdrehmaschinen 8. Mai" im Stadtteil Siegmar. 1998 verwandelte Jörg Vieweg, heute SPD-Stadtrat, gemeinsam mit zwei Freunden den DDR-Bau in einen Techno-Club mit drei Floors. Der Achtermai machte sich schnell einen Namen in der Szene und lockte auch Tanzwütige von weither an. Zu den Gast-DJs zählten Größten wie Chris Liebing und Carl Cox.

Um die Jahrtausendwende hatte sich Chemnitz zum Mekka für Technofans der härteren Gangart etabliert. Der Club stand aber auch immer wieder wegen Drogenproblemen und den Parkplatz-Raves vor dem Club in der Kritik. 2004 kam das endgültige Aus. Der Eigentümer hatte den Mietvertrag nicht verlängert, der Abriss des Gebäudes war beschlossene Sache.

Das Gelände des ehemaligen "VEB Großdrehmaschinen 8. Mai" im Stadtteil Chemnitz-Siegmar: die Heimat des Clubs "Achtermai". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dresden: Showboxx

In Dresden wurde ab Ende der Neunziger die Showboxx die erste Adresse für Raverinnen und Raver. Betreiber Markus Rätz, alias DJ Gunjah, und Frank Weißbach verwandelten 1999 eine kleine Bruchbude nahe der Elbe in eine Party-Location. Gunjah sorgte für Musik und holte Künstler aus der ganzen Welt ran, darunter Paul Kalkbrenner, Westbam und Boys Noize. 2016 wurde nach 17 Jahren der Stecker gezogen. Man musste den Weg für die Investoren-Pläne der Hafencity frei machen. Aber Markus Rätz machte weiter: Die elektronischen Partys verlegte er unter dem Namen Klub Neu in die ehemalige "Kleinviehhalle" am Alten Schlachthof  – direkt auf der anderen Straßenseite.

Neben der Showboxx waren auch die Straße-E oder die Flugzeugwerft in den 90er-Jahren beliebte Anlaufpunkte für Technofans in Dresden.

17 Jahre lang war die Showboxx Die Adresse für Elektronische Musik in Chemnitz. Bildrechte: imago/Torsten Becker

Bad Klosterlausnitz: Muna

Clubs entstanden aber nicht nur in den großen Städten, sondern auch fernab in der Provinz. Wie etwa Mitte der Neunziger Jahre im thüringischen Bad Klosterlausnitz. Die Idee entstand aus einer Gruppe von Freunden heraus, die zunächst auf der Suche nach einem Ort für eine Geburtstagsparty waren und dabei auf das Gelände einer alten Baracke, einem ehemaligen Munitionslager, gestoßen sind. Die erste Veranstaltung war ein solcher Erfolg, dass man weitermachte.

Seit 27 Jahren ist die Muna eine feste Größe in der Technoszene und auch weit über die Grenzen Thüringens hinaus. Das liegt nicht zuletzt auch an Matthias Kaden, der weltweit als DJ und Produzent unterwegs ist. Seit 1998 ist er Teil des Muna-Teams, startete hier seine Karriere und gehört heute in Deutschland zu den bekanntesten Namen, wenn es um House-Musik geht. Seiner Heimat ist er dabei immer treu geblieben und legt bis heute regelmäßig in der Muna auf.

Jena: Kassablanca

Dass Techno-Fans auch in Jena feiern konnten, ist vor allem Thomas "Spatz" Sperling zu verdanken. Er hat im Kassablanca erste Techno-Partys organisiert, damals noch ohne Telefon. Die Bookings erledigte er bis 1994 von der Telefonzelle aus, wie er sich in der ARD-Doku "Techno House Deutschland" erinnert. Bis heute veranstaltet er in der "Kassa", wie der Club gern genannt wird, regelmäßig Techno-Partys wie die Reihe "Schöne Freiheit". Zudem betreibt er das Label für elektronische Musik "Freude am Tanzen".

Das Kassablanca ist seit 1990 feste Kulturinstitution in Jena und hat Konzerte und Veranstaltungen jeglicher Musikrichtungen im Programm, sowie Kinovorstellungen, Literaturabende und Workshops. Neben der Technoszene war der Club in den 90er-Jahren mit seinen Black Channel-Parties auch ein wichtiger Treffpunkte für die Schwarze Szene Deutschlands. Zunächst wurde im Villengang gefeiert, zwei Jahre später folgte der Umzug in das Paradiescafé. Seit 1995 ist das Kassablanca auf dem Gelände eines ehemaligen Lokschuppens am Westbahnhof beheimatet.

Das Kassablanca hat seit 1995 seinen Sitz auf dem Gelände eines ehemaligen Lokschuppens am Westbahnhof in Jena. Bildrechte: Thomas Sperling

(Redaktionelle Bearbeitung: Robert Kühne)

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