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InterviewTechno der 90er: DJ Mathias Kaden über das Lebensgefühl Techno

Stand: 12. August 2022, 16:08 Uhr

Die DJ-Karriere von Mathias Kaden, geboren 1981 im heutigen Chemnitz, begann Mitte der 90er-Jahre in Gera. 1998 legte er dann zum ersten Mal im berühmten Technoclub "Muna" in Bad Klosterlausnitz auf. Ein Gespräch über die Anfänge von Techno in Thüringen, absolute Freiheit nach der Wende, Zusammenhalt in der Szene und Heimatverbundenheit.

MDR KULTUR: Was bedeutet das Lebensgefühl Techno für Dich persönlich?

Matthias Kaden: Es bedeutet mein ganzes Leben, der Familiengedanke, die Freiheit, immer mit der Crew zusammen zu sein und ganz viel reisen.

Wie war die Energie damals, als Du im Club Muna in Bad Klosterlausnitz eingestiegen bist?

Ich habe 1995 in Gera angefangen, aufzulegen. Wir hatten damals schon einen Plattenladen und einige Clubs. 1998 bin ich dann das erste Mal auf die Muna. Und da habe ich dann wirklich gemerkt, was es bedeutet, in dieser Szene zu sein. Dieser Familiengedanke war dort sehr, sehr groß. Es war wirklich eine große Gemeinschaft. Und ich war ziemlich jung, damals 17. Für mich war das wirklich der Himmel auf Erden.

Du warst einer der ersten, die so richtig getanzt haben, an den Reglern.

Ja, das stimmt. Meine Wurzeln sehe ich oftmals auch bei den amerikanischen DJs. Die sind auch immer sehr abgegangen. Ich tanze gerne. Wir haben ja einen einfachen 4/4-Beat und da ist es ziemlich einfach, sich zu bewegen. Sich nicht zu bewegen, ist für mich ein Unding.

Wie hat das in Thüringen alles begonnen? Welche Erinnerungen sind Dir besonders präsent?

In Thüringen hat es 1992/93 mit kleineren Partys angefangen. Aber da war ich damals noch nicht so dabei. Ich bin 1981 geboren, es war noch ein bisschen zu früh. Aber damals lief natürlich schon die Loveparade und andere Sachen, wo man House und Techno im Fernsehen gehört hat. Auf Viva gab es ja dieses berühmte House TV, da hat man ja schon ein bisschen mitbekommen, was sich gerade in Deutschland entwickelt. Und bei uns in Thüringen haben die ersten Clubs 1995 geöffnet, vor allem in Gera. Und die Muna 1994, das Kassablanca hat glaube ich 1993 seine Tore geöffnet.

Was sind das für Bilder, die Dir in den Kopf kommen, wenn Du an die Zeit damals denkst?

Absolute Freiheit, ich war total glücklich. Ich war sehr jung damals, 14 oder 15 und hatte vorher keine andere Szene, weder Hip Hop noch Rockmusik. Ich habe direkt mit House-Musik angefangen. Wir waren eine große Gemeinschaft, es gab nie Streit. Wir hatten immer Spaß. Jeden Tag ging es um Musik, wir haben uns über Musik unterhalten, Schallplatten gekauft. Dann haben die ersten Plattenläden eröffnet. Das war einfach der komplette Lebensinhalt neben der Schule oder Ausbildung – nicht nur von mir, auch von meinen Freunden.

Nimm uns mal mit an diese Locations, die damals nach der Stilllegung vieler Fabriken, dieser eigentlich traurigen Geschichte vom Abbau der Ost-Industrie, entstanden sind. Wie wie war dort die Energie?

Es war alles offen, überall war noch Strom. Du konntest einfach irgendwo reingehen, eine Anlage mitbringen. Es kam auch keine Polizei. Es war die Wende, alles war auf einmal anders und uns hat keiner dabei gestört. Wir konnten wirklich die ganze Nacht Musik auflegen, tanzen, feiern.

Wenn Du als DJ jetzt so viel international unterwegs bist – was bedeutet Heimat für Dich?

Gerade für mich bedeutet Heimat sehr viel. Ich habe oft überlegt, ob ich aus Gera weggehen sollte. Wir sind natürlich jetzt nicht unbedingt eine Metropole. Ich hatte immer überlegt nach Spanien, Holland oder in die Schweiz zu gehen. Aber Heimat ist für mich so wichtig. Gerade wenn man viel reist, war es für mich immer wieder schön, Sonntagabend oder Montag zu Hause in Gera anzukommen und so ein bisschen Normalität unter der Woche zu haben und dann am Wochenende wieder loszureisen. Für mich bedeutet Heimat verdammt viel, immer noch.

Das Interview führte Ellen Schweda für MDR KULTUR.

(Redaktionelle Bearbeitung: Rebekka Adler)

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 02. August 2022 | 18:20 Uhr