"Techno House Deutschland" Warum Thüringen Technoland ist

Wenn man an Techno denkt, an elektronische Musik, lange Clubnächte und berühmte DJs, fällt einem wohl nicht sofort Thüringen ein. Dabei ist in Erfurt, Weimar, Jena und auch in kleineren Ortschaften seit der Wendezeit sehr viel los in Sachen elektronischer Musik – wie nicht nur die Doku "Techno House Deutschland" zeigt. Wir haben fünf Gründe zusammengestellt, warum das Bundesland der Dichter und Denker auch das Bundesland der Tänzer und Raver ist. Sie reichen von Freude am Tanzen bis zur Treuhand.

Das SonneMondSterne-Festival am Freitag:
In Thüringen wird in kleinen Clubs und auf großen Festivals zu Techno gefeiert Bildrechte: MDR / René Krüger

1. Hier wurde Freude am Tanzen erfunden

Eine Einkaufstüte aus dem Getränkemarkt brachte die Inspiration: "Freude am Einkaufen" stand da drauf, doch Thomas "Spatz" Sperling, Sören Bodner (Monkey Maffia) und Gabor Schablitzki (Robag Wruhme) ersetzten einkaufen einfach mit tanzen, als sie einen Namen für ihr Label suchen, das sie in Folge von fröhlichen und wilden Technopartys 1998 in Jena gründeten. Freude am Tanzen ist nun längst kein Geheimtipp mehr, eher ein Kult-Label, hier veröffentlichen unter anderem DJ Koze, Mathias Kaden oder Marek Hemmann ihre Tracks. Dabei sind die Jenaer von Anfang an ihrem Motto treu geblieben: Qualität geht vor Quantität. Und sind damit sehr erfolgreich. Denn Freude am Tanzen – was will man mehr von elektronischer Musik?

2. Hier gab es nicht nur die coolsten Clubs, es gibt sie immer noch

Wie die Doku "Techno House Deutschland" zeigt, bot die Nachwendezeit ungeahnte Möglichkeiten für viele Partymachende in Ostdeutschland. Leerstehende Fabriken, Brachflächen, ungenutzte Keller gab es in Hülle und Fülle und wurden bald von findigen jungen Leuten vereinnahmt, die Strom, Boxen, Beats und Bässe brachten. Ein Club, der nicht nur in den Neunzigern für exzessive Partys mit elektronischer Musik stand, sondern auch heute noch, ist das Kassablanca in Jena, wo unter anderem die Reihe "Schöne Freiheit" stattfindet. Aber auch jüngere Clubs wie das Kalif Storch in Erfurt sind überregional bekannte Adressen. Das Central Erfurt schaffte es letztes Jahr 2021 in die Liste der beliebtesten Clubs Deutschlands – noch vor dem Tresor in Berlin. Uns auch jenseits der großen Städte strömen die Thüringer in Technoclubs: So ist der Club Muna in Bad Klosterlausnitz seit 27 Jahren eine feste Adresse für die Szene der Region.

Gelände des Club Muna in Bad Klosterlausnitz.
Der Club Muna in Bad Klosterlausnitz. Bildrechte: TKR Drumandpress

3. Von hier starten DJs ihre internationalen Touren

In die Muna kommt auch regelmäßig der erfolgreiche House-DJ und Produzent Mathias Kaden, um hier aufzulegen. Denn hier hat er nach ersten DJ-Erfahrungen auf kleineren Partys in Gera ab 1995 angefangen, inzwischen tritt er weltweit auf – von Japan bis Südamerika. Doch in seine Heimat Gera kommt er immer wieder zurück, um sich zu erden, auszuruhen und auch um hier zu feiern.

Techno DJ Mathias Kaden beim DJ Set vom Zuckerbrot und Peitsche Festival in Regensburg.
DJ Mathias Kaden beim Auflegen Bildrechte: imago/Manfred Segerer
DJ-Duo Lexy und K-Paul auf dem Sputnik Spring Break 2022 1 min
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4. Hier tanzt man sogar im Bus

Ein Highlight im Festivalkalender von Technofans ist neben dem großen SonneMondSterne in Saalburg seit 2015 das Heidewitzka-Festival in Hildburghausen. Auf einem ehemaligen Gelände der Nationalen Volksarmee (NVA) im Norden der südthüringischen Kreisstadt treten bei dem Open Air zahlreiche Größen der Techno-, House- und Elektroszene auf. "Lange Heide" heißt das Gelände – daher kommt auch der Name des Festivals Heidewitzka. Acht individuell gestaltete Bühnen und Dancefloors gab es in diesem Jahr, wobei neben Hauptbühne, "Forest Floor" oder dem Cube vor allem eine besonders heraussticht: die Bus-Stage. Dafür hat das Festivalteam einem alten Gelenk-Bus umgebaut und ein DJ-Pult reingesetzt. Nun können hier 50 bis 80 Menschen wild tanzen. Und vor allem springen.

Niederflur Gelenkbus
Auch ein Bus kann ein Dancefloor sein Bildrechte: imago images / Ralph Peters

5. Die Treuhand ist schuld

Und woher kommt es nun, dass Thüringen so technoverbunden ist? Das Theaterkollektiv Panzerkreuzer Rotkaeppchen (PKRK) hat da einen ganz eigenen Lösungsansatz: Es erforschte mit seinem Performanceprojekt "TreuhandTechno" den Zusammenhang von Techno und Treuhand in den Neunzigern in Ostdeutschland. Seine Beobachtung: "In den 90er-Jahren wurden zwei Drittel der ehemaligen DDR-Betriebe von der Treuhand 'abgewickelt'. Schlagartig wurden Arbeiter*innen entlassen und Maschinen abgestellt. Gegen diesen Kahlschlag der Industrie im Osten gab es Widerstand – Sitzblockaden, Hungerstreiks, inneres Exil. Was taten die Kinder und Kindeskinder der Streikenden? Sie trafen sich in diesen still gelegten Fabriken, um nach den Rhythmen einer neuen Maschinenmusik – nach Techno –zu tanzen. Entlassung, Gewerkschaft, Arbeitslosigkeit in der einen Welt; sprachlose Musik, Delirium und dröhnende Bässe in der anderen. Diese Welten berührten sich nicht, obwohl sie der gleichen Sehnsucht nach weiten Hallen, Maschinen und Arbeit folgten."

alte Industriegebäude
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