Offener Brief Streit um neuen Thomaskantor: Schlechtes Verfahren oder gute Entscheidung?

Drei Monate nach der Wahl des Schweizers Andreas Reize zum neuen Thomaskantor üben die Thomaner massive Kritik am Verfahren für die Neubesetzung durch den Leipziger Stadtrat. Welche Mitspracherechte hatten und haben die Thomaner am Auswahlverfahren? Darüber hat MDR KULTUR unter anderem mit dem ehemaligen Thomaner Daniel Knauft gesprochen.

Thomaskantor Georg Christoph Biller und Sänger des Leipziger Thomaner-Chors 8 min
Bildrechte: imago/STAR-MEDIA

Der Schweizer Kirchenmusiker Andreas Reize war bereits im Dezember 2020 zum neuen Leiter des Thomanerchores und Kantor der Thomaskirche zu Leipzig gewählt worden. Der Stadtrat Leipzig hatte dem Vorschlag der Auswahlkommission zugestimmt und sich damit gegen den Wunschkandidaten der Thomaner, David Timm, entschieden. Drei Monate nach der Wahl regt sich nun heftiger Widerstand aus den Reihen der Thomaner, die massive Kritik am Verfahren für die Neubesetzung üben: Die Bedenken der Oberen der elften und zwölften Klasse des Thomanerchores seien nicht gehört worden, heißt es in einem öffentlichen Brief. Bürgermeisterin und Beigeordnete für Kultur, Skadi Jennicke, weist die Vorwürfe entschieden zurück.

Sorge um den Fortbestand des Chores

Daniel Knauft ist Mitgründer des Ensembles Amarcord, Initiator des Leipziger a cappella Festivals und ehemaliger Thomaner. Er verfolgt die Debatte um das Findungsverfahren des neuen Kantors und sagte MDR KULTUR, für die Bedenken der Oberen habe er Verständnis: "Keine Obernschaft würde so etwas vom Zaun brechen, um sich arrogant über Entscheidungen hinwegzusetzen. Ich kann das nur von Außen als Prozess sehen, der aus großer Besorgnis um die Qualität und den Fortbestand des Chores entstanden ist."

Eine Auswahlkomission ohne stimmberechtigte Thomaner

Daniel Knauft war 1992 selbst einmal Mitglied in einer Auswahlkommission. Damals wurde Georg Christoph Biller neuer Thomaskantor. Selbst wenn auch dieses Ergebnis nicht den Vorstellungen der Thomaner entsprach, seien sie zumindest als stimmberechtigte Mitglieder Teil des Auswahlprozesses gewesen, erinnert sich Knauft. Knapp 30 Jahre später sucht man vergebens einen Thomaner als stimmberechtigtes Mitglied der Kommission. Für Knauft ist das unverständlich: "Wenn doch alle sagen, dass wir Betroffene auch zu Beteiligten machen müssen, warum können dann nicht die, die mit der zu wählenden Person in täglichem Austausch sein müssen, Beteiligte eines transparenten Verfahrens sein? Das sehe ich als eine der Ursünden dieses gesamten Verfahrens."

Claus Fischer begleitet die Arbeit der Thomaner als Musikjournalist unter anderem für MDR KULTUR und MDR KLASSIK seit mehr als 20 Jahren. Auch er versteht den Einwand, dass die Schüler mehr in die Wahl einbezogen werden sollten. Allerdings wundert er sich über den Zeitpunkt, denn für eine Kritik am Verfahren sei es eigentlich zu spät: "Die Findungskommission und der Leipziger Stadtrat haben die Personalie Andreas Reize einstimmig beschlossen. Alles ist korrekt und transparent gelaufen."

Wir haben bei den musikalischen Vorstellungen vier hervorragende, erstrangige Musiker erlebt, alle mit unterschiedlichen Profilen. Wir haben denjenigen vorgeschlagen, der uns in der Gesamtheit seiner musikalischen, pädagogischen, theologischen, planerischen und menschlichen Fähigkeiten als der geeignetste erschien.

Christfried Brödel, Vorsitzender der Auswahlkommission im Gespräch mit MDR KULTUR

Ein überstürztes Verfahren?

Dirigent und Bass Gotthold Schwarz beim Singen auf Schloss Weesenstein beim MDR MUSIKSOMMER-Konzert im August 2015
Gotthold Schwarz war 2016 zum Thomaskantor berufen worden. Bildrechte: MDR/Christiane Fritsch

Doch reichen die Ursprünge der Streitereien noch weiter zurück, so Knauft. Nach der Amtsniederlegung Georg Christoph Billers hatte die Stadt Leipzig 2015 eine Auswahlkommission berufen, die aus insgesamt 42 Bewerbungen vier Kandidaten auswählte, sich letztlich für keinen davon entschied und das Findungsverfahren ergebnislos ad acta legte. Die Wahl fiel letztlich auf den seit 1. Februar 2015 amtierenden Interimskantor Gotthold Schwarz, der bis zum 30. Juni 2021 in das Amt des Thomaskantors berufen wurde. Trotz der Bereitschaft von Schwarz, sein Amt zu verlängern, sei die Stadt nicht in Vertragsverhandlungen gegangen – eine Entscheidung, die von Daniel Knauft heftig kritisiert wird: "Man begann ein Auswahlverfahren in einer Zeit, in der eine Pandemie die ganze Welt zu überrollen begann. Spätestens an diesem Punkt hätte man sagen müssen: 'Wir haben hier einen Kantor, wir bringen Ruhe ins Fahrwasser und verbleiben bis zum 300-jährigen Bach-Jubiläum im Jahr 2023 mit Schwarz.'"

Man begann ein Auswahlverfahren in einer Zeit, in der eine Pandemie die ganze Welt zu überrollen begann. Spätestens an diesem Punkt hätte man sagen müssen: 'Wir haben hier einen Kantor!'

Daniel Knauft, ehemaliger Thomaner

Musikalische und pädagogische Kompetenzen

Designiert als Thomaskantor: Andreas Reize
Designiert als Thomaskantor: Andreas Reize Bildrechte: PR

In dem offenen Brief steht auch der Vorwurf, Andreas Reize hätte bei seinem Probedirigat nicht bemerkt, dass falsche Töne gesungen wurden. Von außen ließe sich das natürlich schwer beurteilen, meint Claus Fischer, da die Probe unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. Doch er könne sich vorstellen, dass Reize das nicht überhört, sondern bewusst ignoriert habe. "Ich traue da einem gestandenen Chorleiter und Pädagogen wie Christfried Brödel, der 30 Jahre lang Chorleiter ausgebildet hat, schon ein qualifizierteres Urteil zu als den Oberstuflern des Thomanerchores. Also diese Argumentation auf der Kompetenz-Schiene verfängt bei mir nicht", erklärt Claus Fischer.

Laut dem Kulturjournalisten sei unklar, wer genau hinter dem Brief stecke. Einzelne Schüler hätten zwar unterschrieben, aber ob sie für die gesamte Oberstufenschülerschaft oder zumindest für eine Mehrheit sprechen würden, gehe daraus nicht hervor. Fischer schließt nicht aus, dass ehemalige Schüler oder Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Einfluss auf das Schreiben genommen haben könnten. In den sozialen Medien hätten in den vergangenen Wochen einige Kommentatoren auf Traditionen hingewiesen, zu denen ein nicht-protestantischer Kirchenmusiker aus der Schweiz nicht passe. Dazu sagt Kommissionsvorsitzender Brödel: "In unserer fachlichen Bewertung spielte keine Rolle, in welcher Gegend die Bewerber bisher tätig waren. Leipzig ist ein internationales Musikzentrum, deshalb darf man den Blickwinkel nicht von vornherein einengen. Andreas Reize hat hohe Achtung vor dem Amt, das er übernimmt. Durch ihn wird die Tradition nicht gefährdet, sondern mit neuen Ideen belebt und weitergeführt."

Eine Lösung des Streits ist nicht in Sicht

Eine Lösung des Problems hat der ehemalige Thomaner Daniel Knauft nicht parat. Doch betont er, dass es den Thomanern, insbesondere der Oberschaft, in der Debatte einzig und allein um das Wohl des Chores ginge. Das sei etwas, was Knauft bei anderen, am Auswahlprozess beteiligten Akteuren vermisse: "Der zwölften Klasse der Thomaner könnte diese Wahl im Grunde egal sein, weil sie im Sommer den Chor verlassen müssen. Es ist ihnen aber gerade nicht egal und sie setzen sich ein, weil ihnen die Qualität und der Fortbestand wichtig sind und am Herzen liegen. Diese Menschen müssen mit dem gewählten Kantor nicht zusammenarbeiten. Sie sind fast objektiv. Es sind streitbare Jugendliche und ich freue mich, dass sie sich einsetzen, gerade weil sie das Wohl des Kurses sehen. Sie sind nicht verstrickt, sie sind nicht in Abhängigkeiten, sie sind einigermaßen frei in ihren Entscheidungen."

Thomanerchor in der Thomaskirche
Heftiger Widerstand seitens der Thomaner: Man sei nicht gehört wurden, heißt es in einem öffentlichen Brief. Bildrechte: Thomanerchor

Dass die Beteiligung der Thomaner im Auswahlprozess nicht in verdientem Maße stattgefunden hätte, bedauert Knauft und bricht eine Lanze für die rebellierenden Oberen: "Den Thomanern jetzt wiederum vorzuwerfen, sie würden Ehemalige bevorzugen, oder es müsste unbedingt jemand mit Stallgeruch sein – das unterschätzt wirklich sträflich die intellektuellen Fähigkeiten dieser Jugendlichen."

Schwieriger Start

Denkmal von Johann Sebastian Bach vor der Thomaskirche in Leipzig
Der berühmteste Thomaskantor war wohl Johann Sebastian Bach. Bildrechte: imago images/Reiner Zensen

Claus Fischer erwartet einen erschwerten Start für den neuen Thomaskantoren: "Die Unterzeichner des Briefes werden es ihm nicht leicht machen." Doch eben diese Unterzeichner werden dann vermutlich nicht mehr im Chor singen. Claus Fischer wurde von mehreren Seiten bestätigt, dass Andreas Reize vor allem in der Arbeit mit den jüngeren Thomanern überzeugt habe: "Ich hoffe, dass es dem neuen Thomaskantor durch eine Charme-Offensive gelingen wird, die auch älteren Thomaner für sich einzunehmen."

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. März 2021 | 07:10 Uhr

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