Aufstehen, Krone richten, weitergehen Band-Jubiläum: Tobias Künzel erzählt, was Prinzen alles dürfen

Er ist Schlagzeuger, Sänger und "bezahlter Spinner" – vor allem aber ist Tobias Künzel seit 1991 Teil von Die Prinzen. Er schrieb Hits wie "Alles nur geklaut", "Küssen verboten" oder "Mann im Mond". Damit wurde die Leipziger A-capella-Band erst im Westen und dann im Osten gefeiert, wie sich Künzel im Gespräch mit MDR KULTUR erinnert. Er blickt auf 30 Jahre Bandgeschichte, die Musikszene in Zeiten von Pandemie und Spotify. Am 28. Mai erscheint das neue Album "Krone der Schöpfung", es wird am selben Tag im MDR-Konzert zu erleben sein.

"Dürfen darf man alles" – mit diesem Motto sind Die Prinzen in die Feierlichkeiten zum 30. Bandjubiläum gestartet. Nicht nur dieses eine Lied sondern alle zwölf Titel des neuen Albums "Krone der Schöpfung" können Fans am 28. Mai erleben. Dann strahlt der MDR um 20:15 Uhr das Konzert ohne Publikum aus.

"Sich nicht unter Wert verkaufen"

Am Ende seien fast alle Lieder, die es auf das Album geschafft haben, erst 2020 mitten in der Pandemie entstanden, wie Sänger und Schlagzeuger Tobias Künzel im Gespräch mit MDR KULTUR erzählt. Das bedeutete nicht nur Zusammenarbeiten per Videoschalte, sondern Selbstbefragung: "Was passiert, wenn wir als Band nicht überleben können?" Seine unsentimentale Antwort: "Dann gab es Die Prinzen mal." Lieber umsatteln, als in blinden Aktionismus zu verfallen und die eigene Kunst in kostenlosen Streams zu verramschen: "Es ist schön, dass wir viele Fans haben, und wir kümmern uns auch drum. Trotzdem sollte man sich nicht unter Wert verkaufen", findet Künzel, der bereits seit 2009 auch stellvertretendes Aufsichtsratsmitglied bei der Verwertungsgesellschaft GEMA ist.

Die Mitglieder der Band Die Prinzen: Henri Schmidt (l-r), Ali Zieme, Tobias Künzel, Jens Sembdner, Sebastian Krumbiegel, Mathias Dietrich, Wolfgang Lenk.
Die Band 2021: Henri Schmidt (l-r), Ali Zieme, Tobias Künzel, Jens Sembdner, Sebastian Krumbiegel, Mathias Dietrich, Wolfgang Lenk. Bildrechte: dpa

Das, was wir tun ist, ist Arbeit. Man sollte sie nicht unter Wert verkaufen.

Tobias Künzel Über den Wert von Musik und Kunst in Zeiten der Pandemie

Der "Mann im Mond" als Mädchen

Seit 2015 mussten die Fans aufs neue Album warten. Künzel verspricht typischen Prinzen-Sound, soll heißen: fein abgestimmten, poppigen Chorgesang, von jeher das Markenzeichen der Band. Schließlich waren fünf der sieben Mitglieder einst Thomaner bzw. Kruzianer. Experimentiert worden sei in Kooperation mit anderen Künstlerinnen und Künstlern allerdings auch. Gemeinsam mit Ulla Meinicke beispielsweise am "Mann im Mond": "Jetzt wird neu aufgelöst, dass er ein Mädchen ist", lacht Künzel und meint zur neuen Version des alten Hits, die Band habe sich schließlich immer wieder neu erfunden. Etwa durch die Zusammenarbeit mit Annette Humpe als Produzentin, deren Idee es gewesen sei, A-cappella-Gesang mit Samples und Loops zu verbinden, was ihm als leidenschaftlichem Schlagzeuger nicht unbedingt gleich gefallen habe.

Sich immer wieder neu erfinden

Die Prinzen, 1993
Die Prinzen, 1993 Bildrechte: imago images / BRIGANI-ART

Mit fast sechs Millionen verkauften Tonträgern gehören Die Prinzen heute zu den erfolgreichsten deutschen Bands. Künzel erinnert sich, dass der Siegeszug vor 30 Jahren nicht im Osten, sondern im Westen begann: Erst als Radio-Sender wie NDR, BR oder WDR die Band aus Leipzig für sich entdeckten, sei der Stein ins Rollen gekommen: "Denn alles, was aus dem Osten kam, war ja erstmal suspekt und nicht so viel wert." 1991 erschien das erste Album ("Das Leben ist grausam") mit Titeln wie "Millionär" oder "Gabi und Klaus", die wohl auch wegen eingängiger Textzeilen Hits wurden. Nach zehn Jahren, so resümiert Künzel, sei die Teenie-Starphase vorbei gewesen: "Da haben wir angefangen, unsere alten Songs akustisch aufzunehmen, sind nicht mehr in Hallen, sondern in Theater und Opernhäuser gegangen". Was damals durchaus ein Novum gewesen sei:

Wir waren die erste Pop-Band, die in der Semperoper auftreten durfte, vor dem Vorhang auf der Vorbühne, weil im Hintergrund "Madame Butterfly" inszeniert wurde. Zugute kam uns dabei unsere Vergangenheit als Thomaner und Kruzianer. Wir wüssten ja sicher, wie man sich in so einem Haus benimmt, meinte der Intendant.

Tobias Künzel Sänger, Schlagzeuger, Komponist Der Prinzen

Spotify als neue Währung

Katrin Weber und Tobias Künzel
Künzel am Schlagzeug, sein Vater hätte ihn lieber als Solo-Pauker im Gewandhausorchester gesehen. Bildrechte: MDR/Martina Körbler

Elf Alben später haben es Die Prinzen bis in die Elphilharmonie geschafft. Selbst wenn das letzte "Familienalbum" von 2015 nun schon etwas zurückliegt, von einem Comeback könne man jetzt eigentlich gar nicht reden, findet Tobias Künzel. Man sei ja immer präsent gewesen und überdies mit der Szene gut vernetzt, über sein Tonstudio und den eigenen Musikverlag Brotmann & Töchter arbeitet er seit langem auch mit Nachwuchsbands. Auf die Frage, was sich in den letzten 30 Jahren im Musikgeschäft aus seiner Sicht geändert habe, sagt er:

"Die Musik ist heute nicht weniger wichtiger, aber der Gebrauchswert hat sich geändert." Er sage jüngeren Künstlerinnen und Künstlern heute: "Wenn Du Dich entäußern musst, entäußere dich, aber konzentrier' dich drauf. Das haben wir genauso gemacht." Zugegebenermaßen seien die Bedingungen komplett andere. Wer gehe schon noch in einen Laden, um eine CD zu kaufen: "Spotify und die ganzen anderen Streamingdienste sind die neue Währung, nach Klicks abgerechnet." Aber: Man müsse mit der Zeit gehen – oder mit der Zeit gehen, kommentiert Künzel die Revolution der Branche ebenso lakonisch wie die Pandemie.

Frei nach Tucholsky: "Dürfen darf man alles"

Um auf das Tucholsky-Zitat zurückzukommen, das dem ersten Song des neuen Albums seinen Titel gibt: "Dürfen darf man alles" heißt es im ersten Teil. "Man muss es nur können", geht es weiter. Die Prinzen münzen es um auf die erhitzten Debatten um Corona-Maßnahmen, Querdenker oder Gender-Fragen. Im Gespräch mit MDR KULTUR erklärt Künzel dazu: "Wir haben zu DDR-Zeiten andere Dinge gesagt, als wir gedacht haben." Damit wolle er nicht die Verhältnisse heute und gestern vergleichen, sagt er mit Blick auf seine Maxime ganz unaufgeregt:

Nachdenken und keinesfalls ins Eiferertum verfallen.

Tobias Künzel Gefragt nach seiner Lebens-Maxime heute

Bei der Arbeit am neuen Album "Krone der Schöpfung" hatten die sieben Leipziger wie alle Kunstschaffenden derzeit mit der Pandemie zu kämpfen. Sie probten unter neuen und außergewöhnlichen Bedingungen, das Album wurde stückweise aufgenommen. Das erste Mal zusammen im Hamburger Studio waren die Musiker als alle Titel eingespielt waren, erzählt Tobias Künzel. Der Tour-Kalender wird immer noch permanent umgeschrieben. Letztendlich rechnen Die Prinzen damit, erst 2022 wieder vor Publikum auf der Bühne stehen zu können. Erstmal aber wird das 30. Band-Jubiläum so gut es geht gefeiert.

Zur Person: Tobias Künzel

Seit 1991 ist Tobias Künzel Sänger und Komponist der Popband "Die Prinzen". Aus seiner Feder stammen Hits wie "Alles nur geklaut", "Küssen verboten", "Mann im Mond" oder "Es war nicht alles schlecht". Künzel wurde 1964 in Leipzig geboren. 1973 wurde er in den Thomanerchor aufgenommen. Von 1984 bis 1988 studierte er Schlagzeug und Gesang an der Hochschule für Musik "Felix Mendelssohn Bartholdy" in Leipzig.

Bereits während seiner Schulzeit gründete Tobias Künzel eine Band und spielte während des Studiums in verschiedenen Formationen. Bei "Amor und die Kids" ertrommelte er sich einen Kultstatus in der DDR-Musikszene. 1990 stieß Tobias Künzel als Sänger zu den Prinzen. Dem Schlagzeugspielen weiter leidenschaftlich verbunden initiierte er die Gruppe "Final Stap", in London spielte er als Schlagzeuger bei der Band "Ruff as Stone". Brexit und Corona führten dazu, dass er seine Zelte dort nun erstmal abbrechen wird.

1997 komponierte Tobias Künzel das Musical "Elixier", das 1998 in Leipzig in Regie von Horst Königstein mehr als 40 ausverkaufte Vorstellungen in der Musikalischen Komödie hatte. Die Texte stammen von seiner Frau Kati Neumann. Er selbst spielt die Hauptrolle als Hagen.

Seit 2007 ist er Produzent und Sprecher von Kinderhörspielen, er war Gastdozent für Popmusik an mehreren Hochschulen, u.a. an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und an der Universität Leipzig.

Seit 2009 ist Tobias Künzel stellvertretender Aufsichtsrat der GEMA, seit 2010 Mitglied des Bundesfachausschuss Populäre Musik beim Deutschen Musikrat.

Anfang 2013 ging er mit Heinz Rudolf Kunze auf Tour und es entstand ein eigenes Album.

2013 hatte außerdem sein Musical "Comeback! Das Karl Marx Musical" im Theater Plauen/ Zwickau Premiere, 2016 in der englischen Version in London. Dort soll im Herbst 2021 übrigens sein neues Musical auf die Bühne kommen: "David Copperfield", inspiriert von Charles Dickens.

Angaben zum Album "Krone der Schöpfung"
Erscheint am 28. Mai

Das Konzert im Fernsehen Die Prinzen - „Dürfen darf man alles“
- am 28. Mai um 20:15 Uhr im MDR Fernsehen

Musikszene in Zeiten von Corona

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. April 2021 | 11:00 Uhr

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