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Uschi Brüning über die Zeit um das Konzert in Dresden 1971: "Ich war wie im Fieber. Eigentlich war auch die Welt ein wenig im Fieber, die DDR-Welt." Bildrechte: Mandau Jazz

Interview

Wie sich Uschi Brüning an das Dresdner Konzert 1971 erinnert

Stand: 10. April 2021, 17:28 Uhr

Uschi Brüning, Manfred Krug und die Klaus Lenz Big Band sind DDR-Ikonen des Modern Jazz und Soul. Ihrer Musik hat der Zahn der Zeit kaum etwas anhaben können. 1971 waren sie erstmals gemeinsam auf Tour, und ihr Konzert im Dresdner Hygiene-Museum ist nun als Mitschnitt auf einer Doppel-CD erschienen. Uschi Brünning erinnert sich im Interview mit MDR KULTUR zurück an die Konzerte, Jazz in der DDR und Manfred Krugs Bühnenauftritte.

MDR KULTUR: "Uschi bot Stimmartistik" lesen wir da auf dem Cover der CD - offensichtlich eine Stimme der Konzertkritik. Welche Erinnerungen haben Sie denn noch an dieses Konzert 1971 in Dresden?

Uschi Brüning: An das Konzert direkt, kann ich mich wenig erinnern. Zwar sehr gut an die Örtlichkeit, aber die ganze Zeit war enorm. Ich war wie im Fieber. Eigentlich war auch die Welt ein wenig im Fieber, die DDR-Welt. Denn Klaus Lenz brachte ja auch mit seiner Musik den Westen in unser Land. Also es war eine wahnsinnige Zeit. Intensiv. Dass mit der Stimmartistik, naja, das ist nun nicht meine Erfindung. Aber wir haben uns eben an Stücke rangemacht von Aretha Franklin. Und ihre Stücke hatten, haben, ja etwas in sich. Und vielleicht liegt's daran. Aber im Grunde genommen arbeite ich immernoch an meiner Stimmartistik.

In den 60er- und 70er-Jahren gab es im Osten eine richtig vitale Jazz und Soul Szene. Eine richtige Tauwetterperiode. Klaus Lenz wollte die Entwicklung des Jazz in der DDR weitertreiben und dabei seinen eigenen Stil entwickeln. Was waren denn Ihre Pläne damals?

Naja, meine Pläne glichen natürlich denen von Klaus Lenz, weil als junge Sängerin im Profi-Lager, da hat man noch nicht ganz so konkrete Vorstellungen. Klaus hat es ja dann auch geschafft, seine Pläne zu verwirklichen und ich habe mich diesen Plänen angepasst. Ich kriegte also viele Hinweise, viele Titel vorgeschlagen, die ich singen konnte. Also ich war eigentlich die Made im Speck und konnte mich da mit Lenz, mit dem Speck von Klaus Lenz, sehr gut entwickeln. Das war der Talentschuppen der DDR, habe ich immer gesagt, ja.

Damals, bei dem Konzert, waren sie zu erleben mit Coversongs von Blood, Sweat & Tears oder Aretha Franklin. In Dresden gab es auch Gospelsongs. Wie haben Sie denn damals Ihr Repertoire gefunden? Haben Sie selbst ausgewählt?

Zum Teil schon. Ich kam ja vom Studio Team und wir hatten, wie ich aus heutiger Sicht immer noch finde, einen guten Geschmack. Wir haben dort auch Franklin-Stücke versucht darzubieten. Ich kam also mit einem kleinen Koffer von eigenen Stücken mit zu Lenz. Und, wie ich schon eingangs sagte, Lenz verfügte über ein unheimliches Plattenarsenal, und da konnte man sich das aussuchen oder Lenz schlug mir Stücke vor, von denen er dachte, dass ich sie auch bewältigen würde. Es war auch eine sehr umfangreiche Lehrzeit, die ich bei Lenz hatte.

Die erste CD des Doppelalbums beginnt mit der Vorstellung einiger der wichtigsten DDR Jazzmusiker durch Werner "Josh" Sellhorn. Manfred Krug liefert mit seiner sehr persönlichen Begrüßung eines Zeitungsautors, der die langen Haare von Klaus Lenz als nicht zeitgemäß kritisiert hatte, schöne DDR Satire ab - mit der Bemerkung, er habe sich extra die Haare ganz kurz schneiden lassen. Wie empfinden Sie denn heute diese festgehaltenen Momente der DDR-Zeitgeschichte aus den Siebzigern?

Also ich empfinde das als ganz große Tat, die Doppel-CD noch einmal zu veröffentlichen aus der Truhe der Vergangenheit. Das habe ich ja gar nicht geahnt, dass das noch mal so weit kommen würde. Und natürlich kannten wir in der DDR unseren Manfred, der ja immer zu scherzen und zu Satire neigte. Und insofern haben wir immerhin eine Satire aus dem Moment erfunden. Moment-Satire. Er hat ja immer aus jeder Bemerkung, die aus dem Publikum kam, gleich was Satirisches draus machen können und musste sich das nicht aufdrücken so wie unsere Comedians jetzt, die dann also sich vorbereiten. Bei Krug war das immer ganz lebendig und live. Live-Stehgreif-Satire, würde ich das nennen. Das hat er bis zuletzt gekonnt.

Das Gespräch führte Stefan Blattner für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 10. April 2021 | 12:45 Uhr